Demonstrativer Müßiggang?

Häkelkreise für gestapelte Dessertschalen.

Sammeldeckchen, Tablettdeckchen, Eisdeckchen, umhäkelte Taschentücher – warum, wofür?

Heute macht und braucht das kaum noch jemand. Also ist mein Experiment für die Ferien: Häkeln wie damals, nach alten Anleitungen.

Die Teststücke nähe ich auf Papierseiten. Bei Karen habe ich mal ein wunderschönes altes Musterbuch gesehen, in das eine Spitzenherstellerin all ihre Varianten hineingeheftet hatte. So ein Buch versuche ich nun für mich zu machen. Obwohl ich mit Spitzengarn Stärke 80 bis 100 und Nadelstärke 0,5 häkle, wird alles viel gröber als die Proben in dem alten Buch. Haben sie früher denn noch viel feiner gearbeitet? Ich dilettiere hier so vor mich hin, daher bin ich für jeden Rat und jede Erfahrung dankbar.

Das beste aber ist, dass ich zeitgleich in einer zum Thema passenden Dissertation lesen kann.  „Demonstrativer Müßiggang“ oder „rastlose Tätigkeit“? – Handarbeitende Frauen im hansestädtischen Bürgertum des 19. Jahrhunderts.  Hinter dem Buch war ich schon länger her und habe es nun ausleihen können.

Nachdem ich nun ins Buch hineingelesen habe, muss ich schnell mein Naserümpfen über den hier erwähnten Wikipedia-Eintrag zurücknehmen. Ich hatte keine Ahnung, dass der Begriff „Demonstrativer Müßiggang“ aus der Soziologie kommt. Er geht auf die Abhandlung des amerikanischen Soziologen Thorstein Veblen „Theorie der feinen Leute“ zurück. Die Oberklasse betreibt demonstrativen Müßiggang – das hebt das Prestige.

Auf die handarbeitenden Hanseatinnen trifft der Begriff aber nicht so recht zu, scheint mir. Die in der Dissertation zitierten Aufzeichnungen der Frauen finde ich besonders interessant – und es ist auch so manche Parallele zu den heutigen Kreativblogs darin zu finden! Aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.

14 Kommentare

  1. Ja, um diese Dissertation schleiche ich auch noch herum, weil sie mich brennend interessiert. Gerne lese ich auch mehr von Dir darüber! Danke!

  2. Unsere Generation der IKEA-Gläserkäufer hat ja keine Ahnung mehr von Desertschalen aus Bleikristall, die zerkratzen bestimmt beim Stapeln. :)
    Es war dann der Stolz jeder Hausfrau, wenn die bunten Deckchen hinter der Glastür des Wohnzimmerschrankes blitzen.
    (Btw, die Tildapüppchen sind ähnlich dekorativ und sinnfrei….)

    Auf die Diss wäre ich auch sehr gespannt, bitte schreib da mal noch etwas drüber, ja? Wenn sich das lohnt, werde ich mal die hiesige Fernleihe bemühen.

    Und deine Probestückchen sind etwas gröber auch besser, da sieht man wenigstens den Aufbau des Musters.
    Das ist eine spannende Sache- sehr sympathisch unzeitgemäß :)

    Hab noch eine schöne Ferienzeit, Suschna!

    • Ja, die Bleikristallschalen – die finde ich inzwischen wieder schön, hatte mir eine mitgenommen. Einmal in der Spülmaschine gewaschen und schon war der Glanz hin. Das ist mir leider dann doch zu unpraktisch.
      Es stimmt, heute gibt es auch unendlich viel selbstgemachten Nippes. Ich werde Diss dann mal nach Parallelen durchforsten.

  3. ich hatte neulich auch das Vergnügen bei einer netten alten Verwandte das „gute“ Geschirr zurück zu sortieren und dabei musste ich solche Läppchen dazwischen legen. Dabei fiel mir ein guter Nutzen ein: Ich wohne in einer Altbauwohnung mit sog. Berliner Zimmer, welches sehr groß ist und quasi Esszimmer, Küche und mein Nähzimmer enthält. Angesichts der Größe ist das Parkett nicht mehr stabil und so zwitschtert immer das Geschirr im Schrank beim Durchqueren des Raumes. Wir hören es garnicht mehr aus Gewohnheit, aber die Gäste staunen und machen uns darauf aufmerksam. Und da wären jetzt die Deckchen sehr angebracht….und meine Ferien gehen dann auch irgendwann los und Frau will beschäftigt sein. Allez hopp die Häkelmaschen .Carmen

  4. dein experiment hört sich wirklich interessant an! das buch würde ich auch gerne mal lesen, ich finde sowas sehr spannend… wurde mal für eine diplomarbeit interviewt (per email), ich glaube, das war auch eine soziologin, die mich fragte, warum ich denn kostenlose handarbeitstutorials ins internet stelle usw. das ergebnis hätte ich mir gerne mal zu gemüte geführt…

  5. „Demonstrativer Müßiggang“ gefällt mir. Und ja, bitte, bitte mehr zu dieser Diss.
    Ich habe mal zu einem ähnlichen Thema eine Vorlesung gehört, in der die (schwer genderforschende) Professorin unter anderem die Theorie vertrat, daß man im Biedermeier die Frauen mit überaus komplizierten und feinen Handarbeiten nur am Denken hindern wollte… Und ja, wie sich herausstellte (und hier niemanden erstaunen wird), sie selber war keine handarbeitende Frau.

    Viel Spaß weiterhin bei der Sommerfrischenmüßiggangstätigkeit. Ich denke übrigens auch, daß die Deckchen zum Abpolstern gegen die Vibrationen waren.

  6. Danke für die Ermutigungen, nochmal zu dem Buch zu schreiben. Insbesondere scheint mir ein Vergleich zum Handarbeiten heute interessant. Mal sehen, ob ich da genug finde.

  7. Zerkratzen, Vibrationen – habe nun nachgefragt, wozu die Tellerdeckchen im Schrank auf dem Foto gut sind. Antwort: Ja, wohl gegen Beschädigungen. „Das hat man als Kind gesehen, und dann hat man da nicht weiter drüber nachgedacht“…
    Die Sammeldeckchen aus Spitze hatten vor allem auch den Sinn, polierte Tischplatten, Silbertabletts etc. vor Kratzern zu schützen.
    Eine Polin hat mir erzählt, dass es bis in die 80er Jahre in Polen keine Papiertaschentücher gab, daher brauchte man viele Stofftaschentücher. Die sollten zum Schmuck umhäkelt sein – das wurde richtig bei jemandem bestellt.

  8. Das ist ja toll, du hast tatsächlich angegnagen mit dem Buch. Finde ich toll und es wird eine sprudelnde Quelle werden!!!! ich kenne diese Deckchen von einer Tante (Jhg.1901) und zu der Zeit war Porzellan für einfache Leute das gute Geschirr, was geschont wurde, weil eben sehr teuer. im Altag hat man oft von Feinsteinzeug gegessen oder Bauern auch aus Alugeschirr bzw. Emaille. die Glasur der Teller und Tassen kommt an eine Stelle nicht – auf der sie steht. Diese Stelle ist rauh und wenn man das auf die gute Oberfläche des Tellers darunter stellt , dann gibt es eben Kratzer. Bei dem heutzutage oft weißen Geschirr fällt es nicht auf, aber bei viel Bemalung oder Kobaltblau sieht man das sofort! Wir haben uns mal tiefbkaue Teller gekauft und nach kurzer Zeit war ich erstaunt, was das denn für Spuren sind. Tja und setdem hatte ich Servietten dazwischen. Für solch Tellergöße müßte man ganz schöne groß häkeln. Also es hat schon echt Sinn gemacht.
    Die ich hier habe und auch inzwischen nutze, hat unsere Tochter geschenkt bekommen in der Annahme einer Freundin es seien Puppentopflappen.

    Schonende Grüße von Karen

    • Gerade war ich in einem Antikladen, und da wurde mir genau das erklärt, was du schreibst, Karen. Und die Frau dort nannte die Decken: Klapperdeckchen!

  9. Solche Deckchen hatte meine Großmutter auch, da werden schöne Kindheitserinnerungen wach. Ich überlege ja immer, was ich „sinnvolles“ (bin nicht so der Müßiggänger…) häkeln kann und jetzt habe ich was „gefunden“. Danke dafür! Deine Seite ist eine Quelle der Inspiration und Freude. LG Birgitta

  10. Klapperdeckchen—das finde ich super. Denn- nur ganz kurz- habe ich über fulminante Gewichtsabnahmen der Wohnungsmitglieder nachgedacht, so dass wir feengleich über das Parkett schweben , um die Teller zu schonen. Ah, das hätte auch gepasst: Diät bis das der Teller überflüßig wird! Au weh…
    welch krude Vorstellung. Nein, da ist doch – Häkeln bis der Arzt kommt- besser.

  11. Es wäre toll, wenn Du einen Artikel zu dieser Dissertation schreiben würdest – klingt sehr spannend!
    Ich mag Deine immer interessanten Artikel! Und die Kommentare dazu vergrößern noch mein Lesevergnügen!
    Einen schönen erholsamen Sommer und viele Grüße
    Sabine

  12. Oh ja, schreib nochmal was zu dem Buch, das ist sehr interessant! Die Töchter wohlhabender Familien waren ja sowas wie Vorreiterinnen: Die ersten Menschen, die tatsächlich „Freizeit“ hatten, weil sich ihre Familien leisten konnten, dass sie nichts arbeiteten und auch nichts lernten, was irgendwie ökonomisch verwertet werden konnte. Heute haben alle Freizeit, und die Entscheidung liegt mehr darin, ob frau Shoppen geht, etwas Nützliches näht, oder etwas Dekoratives. So gesehen haben Tildapuppen sicherlich ein höheres Prestige als ein selbstgenähter Kinderschlafanzug.
    Dass diese tausend Deckchen überall tatsächlich eine Funktion haben, finde ich ja fast schockierend – da geraten bei mir festgefügte Überzeugungen ins Wanken.

    viele Grüße aus einem deckchenfreien Haushalt,
    Lucy

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