Scherben vom Trümmerberg ans Licht gebracht

Im Oktober 2009 schrieb ich: „Der Teufelsberg ist ein Trümmerberg, aufgeschüttet aus dem Schutt der zerbombten Berliner Häuser. Im Sand sind auch heute noch viele Scherben zu finden. Was ließe sich daraus schon wieder alles machen!“

Seit dem sind acht Jahre vergangen. Bei meinen Spaziergängen fand ich inzwischen hunderte Scherben, daraus entstanden zunächst Anhänger und Stoffspielereien.

Vor zwei Wochen dann bekam ich den Kick, das Projekt zu Ende zu bringen. Hin und wieder findet in unserer Wohngegend ein Tag der offenen Gärten statt. Kurzenschlossen meldete ich mich samt Ausstellung an und hatte so ordentlich Druck.

Alte Kreuzstichdecken, der Shibori-Miniquilt, eine gemalte Tischszene von 2008, Spitzdekortasse, Silberdraht, Zweige – alles fügte sich irgendwann zusammen.

Viele Besucher meiner Installation waren erstaunt, was sich so finden lässt. Einige hatten aber selbst auch schon Porzellanstücke im Waldboden erspäht.

Vor ein paar Jahren gab es eine Ausstellung im Berliner Museum der Dinge mit Funden von Berliner Trümmerbergen. Mir war das dort damals ein bisschen zu sakral aufgebaut. Die Stücke lagen auf schwarzen Tischen verteilt, mit Scheinwerfern angestrahlt.

Für meine Sammlung wollte ich gern an das frühere Umfeld der Scherben erinnern, an Wohnungen, Menschen und ihre Räume, Möbel, Tischwäsche.

Das Suchen nach historischen Abfällen ist übrigens nichts besonderes – entlang Londons Themse zum Beispiel gibt es sogar Touren zum Schlickdurchsuchen, sogenanntes Mudlarking.

„Eyes only“ lautet die Devise. Gesammelt werden darf nur, was mit bloßem Auge auf dem Themsestrand zu sehen ist und allein mit den Händen geborgen werden kann.

So habe ich es auch immer gehalten. Ich habe nie gegraben, einfach nur genommen, was mich aus der Erde anblitzte. Die Wildschweine sorgten hin und wieder für frisch durchpflügten Boden.

Aber nun ist das Projekt abgeschlossen. Wie gut, dass die Funde eine neue Heimat gefunden haben, weitere Scherben werde ich wohl nicht sammeln.

Die kleine Ausstellung hat nicht nur das Trümmer-Projekt beflügelt. Vielleicht gibt es hier im Blog eine „Projektsommer“-Serie. Der nächste Teil wäre: Wie macht man ein Paste Up? Stay tuned.

 

Rätselhafte Redensarten – Wer wusch die Wäsche der Soldaten?

Am Rockzipfelfrage1

Nachdem ich euch Am Rockzipfel vorgestellt habe, will ich auf einige inhaltliche Dinge einzugehen. Bei der Recherche für das Buch hat mich immer wieder umgetrieben, dass über die Herkunft  einiger Redensarten scheinbar unausrottbare Legenden kursieren. Von Sammlung zu Sammlung werden die – meist unterhaltsamen – Geschichten  weitergegeben, ohne dass sich offenbar jemand die Mühe macht, sie zu überprüfen.

Eine dieser Legenden habe ich gerade wieder gehört, daher kommt sie hier nun zuerst auf den Prüfstand. Und zwar geht es um „Dumm aus der Wäsche gucken“.

aus der waesche1

Der Ausdruck soll aus der Soldatensprache kommen. Die Geschichte dazu geht ungefähr so: Im Zweiten Weltkrieg gab es sogenannte „Wäschesoldaten“, deren Aufgabe es war, durch die Linien zu fahren und schmutzige Wäsche einzusammeln. Da für diese einfache Arbeit eher einfältige Männer ausgesucht wurden, schauten diese dann dumm aus den Wäschebergen.

Die Erklärung konnte ich aber nicht mit in mein Buch aufnehmen:

  • Für die Existenz sogenannter „Wäschesoldaten“ fand ich keine Belege.
  • Der Ausdruck „dumm aus der Wäsche gucken“ ist erst ab 1980 wirklich verbreitet (edit: in gedruckten Publikationen. Mündlich schon früher, z.B. in einem Buch von 1950 als wörtliche Rede. 1976 ist die Wendung im Buch „Moderne deutsche Idiomatik“ gelistet). Gleichzeitig gibt es auch Varianten wie „fröhlich aus der Wäsche schauen“.
  • Standardwerke zu Redensarten enthalten die Wendung oft nicht – vielleicht weil der Ausdruck so relativ neu ist?

Ich wette, bei euch ist die Geschichte aber nun nach meinen Worten schon so im Kopf verankert, dass ihr die Wäschesoldaten nicht vergessen werdet. Die langweiligere Erklärung, die ich plausibel fand, und die deshalb so ein mein Buch gewandert ist, kommt dagegen nicht an:

Dumm aus der Wäsche gucken
Bei Verblüffung oder Enttäuschung guckt man dumm aus der Wäsche, bei Niedergeschlagenheit auch mal traurig. Weitere Varianten wie ›dumm aus dem Anzug gucken‹ zeigen, dass die Wäsche hier allgemein für Kleidung steht. Der verblüffte Mensch versinkt quasi vor Überraschung in seiner äußeren Hülle. Er könnte auch vor Verblüffung aus den Latschen kippen.

(aus: Am Rockzipfel, S. 116)

Die schmutzige Soldatenwäsche habe ich im Text absichtlich nicht erwähnt – auch auf die Gefahr hin, dass nun jemand mit Besserwisserlust in das Buch schauen und sagen wird: Ha, das stimmt nicht! Das kommt von den Wäschesoldaten!   Mythen zu bekämpfen ist nämlich unglaublich schwer, wie wir es ja in Medien und Politik im Moment überall erleben. In dem Moment wo man sagt: „Es stimmt nicht, dass…“ muss man ja die falsche Behauptung erst einmal wiederholen, und – zack – verfestigt sie sich im Kopf des Gegenübers.

Eerste Wereldoorlog, uitrustingAusrüstung eines englischen Soldaten im 1. WK (mit niederl. Beschriftung)

Davon unabhängig wollte ich aber nun natürlich wissen: Wie lief Wäschewaschen denn im Weltkrieg ab?

Mein Großonkel Heinz, der 1938 als Abiturient zum Dienst eingezogen wurde, schickte seine schmutzige Wäsche immer im Paket nach Hause und bekam dann saubere von dort zurück. Das weiß ich aus seinen Feldpostbriefen. Als ich sie vor ein paar Jahren transkribierte, ließ ich diese ganze Wäschekorrespondenz weg, sie schien mir belanglos. Dabei ist das Gegenteil der Fall! Wer hätte gedacht, dass mitten im Zweiten Weltkrieg massenweise Wäschepakete hin- und hertransportiert wurden, die offenbar auch genauso schnell ankamen wie Pakete heute.

lauandry

1943 liegt Heinz in einem Lazarett in Buer/Westfalen (wegen einer Beinverletzung aus einem ganz normalen Motorradunfall an einer Straßenkreuzung) und schreibt am 17.10.1943:

Ich danke Euch für den Brief vom 14. und für das Paket mit der Wäsche. Ich brauche die Hemden noch nicht, liebe Mutter; schicke mir bitte in Zukunft nur dann Wäsche, wenn ich darum bitte. Ich möchte nicht zuviel Wäsche hier herumliegen haben. Ich habe heute morgen ein kleines Paket mit Wäsche abgeschickt. Ich möchte nicht mehr so viel Wäsche im Lazarett waschen lassen, da ich zu leicht die Übersicht darüber verliere und niemand bei Verlust verantwortlich machen kann, da es allgemein als große Gefälligkeit angesehen wird, die man mir mit dem Waschen hier erweist.

dsc01482Heinz mit Krücken

1944 geht es dann endlich ostwärts in die von ihm heiß ersehnte Frontnähe (ja tatsächlich, der 25jährige Leutnant langweilt sich). Im September schreibt er aus der Provinz Posen (heute Polen):

Ich bitte Euch also um folgendes:

1 Pullover (nicht die Pelzweste!)
1 Paar Handschuhe, den schwarzen Schal
1 Paar Hosenträger
1 Butterdose
Etwas Warmes zum Trinken!
Etwas zum Rauchen.
1 Paket Waschpulver
Ich glaube, das wäre wohl alles. Wäsche brauche ich noch nicht. Ich habe noch 6 saubere Unterhosen, genug Oberhemden und auch die langen Unterhosen. Ich will außerdem sagen, daß ich meine Wäsche hier waschen lassen kann, denn auf die Entfernung ist das Nachhauseschicken doch nichts. Habt Ihr übrigens das Paket schon von mir erhalten mit meinem Anzug? Ich habe es noch am letzten Tag von Buer abgeschickt. –

…..Schickt das Paket bitte an: Amsee, Kr. Hohensalza, Warthegau. Am besten ist wohl per Expreß.

„Dass ich meine Wäsche hier waschen lassen kann“ – es gab also auch eine Möglichkeit, vor Ort zu waschen. Waschpuler brauchte er aber dennoch.

Bilder zum Thema habe ich eher aus dem Ersten Weltkrieg gefunden, so zum Beispiel dieses Foto von Neuseeländern in Frankreich, die offenbar zentral die Socken waschen.

Soldiers washing socks during World War I, Bus-les-artois, France (20659415884)

Bei so einer Kollektivwäsche bekam dann jeder Soldat irgendwelche sauberen Socken ausgehändigt – also nicht sein eigenen. Socken waren wichtig, denn sie dienten dem Schutz der Füße, dem lebensnotwendigen Transportmittel. Ansonsten zeigen die Fotos immer Männer, die ihre Sachen selbst waschen, sei es wie hier  in einer Schüssel oder in einem Fluss oder See.

A New Zealand soldier doing his washing at Chateau Segard, World War I (21092971650)

Auch heute noch läuft das so ab, hier z.B. eine Wäscheleine britischer Soldaten in Afghanistan.

Washing Line of Uniforms in Afghanistan MOD 45150637OGL

Das alles gibt ein falsch-friedliches Bild ab und bezieht sich natürlich nicht auf hart umkämpfte Frontlinien. Dort war an Dinge wie Wäschewechseln, geschweige denn Wäschewaschen, nicht zu denken. In einem Armeeforum erinnert sich ein US-Veteran an das Leben im Krieg:

„Everything except what you were there to do, became very secondary, so secondary you can hardly remember doing it!“

kleider-desinfizieren

Wichtig war auch die Bekämpfung von Ungeziefer, wie auf diesem Foto von ca. 1910. In Döberitz/Brandenburg wird laut Bildtitel Kleidung „desinfiziert“.

Eine Art Wäschesoldaten habe ich am Ende doch noch gefunden. In den USA gab es im Zweiten Weltkrieg „laundry men“, die auch an der Front Wäsche einsammelten und verteilten. Das waren dann sehr gefährliche Jobs, wie in diesem Artikel beschrieben.

Wer Spezialwissen zu diesen Themen hat, wie immer gern her damit. Das Terrain scheint noch ganz unerforscht.

coats

Vor 200 Jahren löste die österreichische Militärführung das lästige Problem übrigens so:

Ein Theil der Commandierten kann verheirathet seyn, damit ihre Weiber für die Compagnie die Wäsche besorgen.

(Militär-Abhandlung von 1821)

Mehr als nur hübsch anzusehen: Berufstätige Frauen 1800

Eine adrette Korsettnäherin liefert Ware aus.

Costumes d

Die Französische Nationalbibliothek hat eine  Sammlung mit Modebildern berufstätiger Frauen von 1824 digitalisiert. Costumes d’Ouvrières Parisiennes zeigt die Kleidung der arbeitenden Frauen in Paris.

Nachfolgend eine kleine Auswahl, beschränkt auf textile Berufe.

Modehändlerin (für Hüte und mehr):
Costumes dvia
Mercière ambulante – „Fliegende“ Kurzwarenhändlerin:

merciere(Ausschnitt)

Stickerin mit Weißstickerei in der Hand:

brodeuse(Ausschnitt)

Das Kleid dieser Stickerin war schon einmal Vorbild bei einem Reenactment-Ereignis.  Kleidung um 1800 eröffnete im letzten Sommer zusammen  mit Gleichgesinnten eine Fantasie-Modehandlung.  Eine der Teilnehmerinnen nähte sich für ihre Rolle als Stickmeisterin Mme Holpriger das Kleid vom Bild aus Paris, selbstverständlich per Hand, auch die 18 Stufen im Rockteil. Die Modebilder waren als Inspirationsquelle für die Aktion Modehandlung gut geeignet.

Eine Stoffverkäuferin mit gelben Handschuhen, Schere und Maßband. (Die schwarzen Schürzen kommen auf den Bildern oft vor):
Costumes dvia

Hutmacherin:
Costumes dvia

Spitzenwäscherin – Blanchisseuse de Dentelle:
Costumes dvia
Offenbar liefert sie gerade frisch gewaschene und gestärkte Spitzen in einem kleinen Kästchen aus. Eine spezielle Feinwäscherin für Spitzen? Da musste ich ein bisschen recherchieren. In einer deutschen Enzyklopädie von 1833 heißt es beim Eintrag Spitzenwäscherin:

ein Frauenzimmer, welches die Kunst versteht oder ausübt, weiße und schwarze Spitzen wieder durch die Wäsche zu reinigen, aufzustecken und auszupletten.

Spitze war so empfindlich, dass sie zum Waschen von den Kleidungsstücken und Hüten abgetrennt wurde. Sie musste sehr vorsichtig gesäubert, gebleicht und danach wieder gestärkt, gebügelt und aufgesteckt werden. (Ausführlich dazu zum Beispiel das Kapitel Spitzen-Waschen  im Buch Anweisung zu Frauenzimmer-Arbeiten von 1826).  Zum Versteifen wurde neben Stärke auch gern Traganth genommen, ein gummiartiges Verdickungsmittel, über dass sich auch heute noch Tortendekofreaks in Backforen austauschen.

In vielen deutschprachigen Adressbüchern des 19. Jahrhunderts kommt die Berufsbezeichnung „Spitzenwäscherin“ vor – oft auch in der Variante „Blondenwäscherin“. Blonden waren feine weiche Klöppelspitzen, nach dem Ton der naturfarbenen Seide benannt, aus der sie ursprünglich gefertigt waren.

Ich erinnere mich an eine witzige Szene in der sehr gut ausgestatteten britischen Serie Cranford. Ein Stück teure feine Spitze soll in Buttermilch aufgehellt werden – zwischendurch schlabbert die Katze die Milch leider mitsamt der Spitze auf. Die Damen müssen sich nun etwas ausdenken, damit das teure Stück Textilie wieder heil aus dem Katzenpopo herauskommt…

cranvia

Büglerin:
Costumes dvia

Für die normalen Wascharbeiten war die Blanchisseuse, die Weißwäscherin/Bleicherin zuständig.

blanch1(Ausschnitt)

Die Tafeln sind als Modebilder stark idealisiert. In Wirklichkeit war vor allem das Leben der Wäscherinnen kein Spaziergang in hübschen Kleidern. Davon kann man sich anhand anderer Quellen überzeugen.

Daumier malte 1863 eine Weißwäscherin so:

via

Wie es den Frauen in Wirklichkeit erging, davon zeugen auch einer ganze Reihe Exponate des Pariser Museum für Moulages , das Wachsnachbildungen von Hautkrankheiten in seiner Sammlung hat. Unten ist der mit Ausschlag übersäte Arm einer 16jährigen Wäscherin abgebildet.

Prurigo de Hebra (Inv. 1922). Femme âgée de 16 ans, blanchisseuse. Lichen, prurigo
© Musée des moulages de l’Hôpital Saint-Louis (AP-HP)

Und diese Wäscherin von ca. 1850 hat für das Foto sicherlich ihr schönstes Tuch umgeschlungen. Sie präsentiert sich mit ihren Berufskennzeichen.

Die Modebilder zeigen zwar eine ideale Welt, sind aber Beweis dafür, dass Frauen durch die Jahrhunderte hindurch immer berufstätig waren. Die gesammte Bildersammlung Costumes d’Ouvrières Parisiennes umfasst 47 Tafeln mit Frauenberufen.

tress

Tressuse de cheveux – Haarteilmacherin? (Ausschnitt)

(Für Leser mit Spezialwissen habe ich noch ein Frage: Ich konnte nicht herausfinden, wie genau die Begriffe Blonden und Spitzen abzugrenzen sind. Offenbar waren das verschiedene Dinge, denn in vielen Adressbüchern findet sich die Bezeichnung „Seiden- Blonden- und Spitzenwäscherin“. Vielleicht weiß jemand mehr dazu? Aber Achtung, wenn man die Wörter „Blonden“ und „Spitzen“  googelt, gerät man entweder in Haarforen oder auf Erotikseiten.)

blondenwAdressbuch Würzburg 1852

Du kriegst die Motten?

Wie man Kleidung vor Motten schützen kann, wie man die Motten wieder los wird und wie man Mottenlöcher doch noch retten kann.

motten

Gerade ist wieder die Zeit, in der eingelagerte Winterkleidung besonders vor Motten mit Vermehrungsdrang geschützt werden muss. Auf Leserinnenwunsch hin habe ich mich mal ein bisschen in Mottenkisten umgesehen.

1. Feindanalyse

Um sich zu schützen, muss man sich mit dem Feind beschäftigen.  Analysieren wir also mal die Spielzüge des Gegners.
 kleidermottestadien

Was fressen Kleidermotten?

Natürlich nagen nicht die unscheinbaren Falter die Löcher in die Wolle, sondern deren Larven. Die grausilbrigen Falter der Kleidermotte, miniklein, unter 1 cm (!), bekommt man selten zu Gesicht.  Das Weibchen versteckt sich lieber, bevor es seine Eier auf der passenden Nahrungsquelle ablegt. Eigentlich geht es ihr nur um ein Protein, das Keratin. Keratin haben Menschen und Tiere in Haare und Haut, besonders gefährdet sind also Wolle und Felle. Rein pflanzliche Fasern und Kunststoffe frisst die Raupe aber auch, quasi nebenher, besonders bei Mischgewebe.

Wann fressen Kleidermotten?

Die Flugzeit, in der die Eier für die Larven gelegt werden, kann schon vor Mai beginnen und dauert bis September. Motten lieben  Dunkelheit. Es ist aber nicht so wahrscheinlich, dass Kleidermotten von draußen in Haus fliegen, meist werden sie durch infizierte Textilien eingeschleppt. Ein Weibchen legt 100 bis 250 Eier.  Die Larven schlüpfen nach etwa zwei Wochen und fressen sich dann zügig durch Kleidung, Teppiche oder Polster, bis sie sich verpuppen. Am Ende hinterlassen sie die kleine Gespinströhre, die man in seinem zerfressenen Wollvorrat oft noch gut erkennt. Diese Entwicklung dauert 2 oder mehr Monate, je nach Umweltbedingungen.
 mottensicherdachboden

Was mögen Kleidermotten nicht?

Abgeschlossene Schränke und Kleidersäcke
Saubere Kleidung
Unruhe
Kälte
Licht
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass zum Beispiel eine offene Kleiderstange auf einem warmen Zwischenboden das Paradies für Kleidermotten ist.  Schränke in einem trockenen, ungeheizten Keller scheinen aber ziemlich gut vor Befall zu schützen. Ungereinigte Kleidung ist wegen menschlicher Hautschuppen, Haaren und Schweißresten doppelt lecker.
Zu Chemie kann ich nicht viel sagen. Ich kaufe manchmal  schon diese langen grünen Klappstreifen aus dem Drogeriemarkt und hänge sie in den Schrank, ebenso wie Lavendel- oder Zedernduft. Aber ob das wirklich abschreckt?  Ich habe jedenfalls keine schlechten Erfahrungen seitdem gemacht. Mangels Lavendel im Garten werde ich es noch mit Waldmeister probieren, er soll auch wirken.
(Zusatzinfo Kommentar Bele:  Wirksamkeit Lavendel und andere Dufstoffe bisher nicht erwiesen)
 mottenspray

2. Die Motten waren da – wie werde ich sie wieder los?

Am besten alles ausräumen, Schrank gut saubermachen. Kleidung waschen und, je nach Leidensdruck, in der Tiefkühltruhe durchfrieren. Bemerkt man die Löcher im Winter, kann man die befallene Garderobe auch eine Weile auf dem Balkon oder im Garten bei Minusgraden  lagern. (Zusatzinfo Kommentar Bele: Das bringt nur etwas bei -20Grad und sehr plötzlichem Temperaturwechsel.)    Offenbar gibt es Leute, die ihren Lieblingspulli in die Mikrowelle legen, um eventuellen Eibefall durchzugaren. Allerdings habe ich da Bedenken, denn je nach Trockenheit können Textilien in der Mikrowelle auch schnell zu schmoren anfangen.
Mit chemischen Mitteln kenne ich mich leider nicht genug aus, um kompetent Auskunft zu geben. Helfen sollen auch Schlupfwespen. Pherhormonfallen sind nur dazu gut, den Mottenbefall anzuzeigen, den Schaden verhindern können sie nicht. Vielleicht melden sich hierzu ja Fachstimmen in den Kommentaren. Bei den Recherchen habe ich gemerkt, dass es mit dem Thema Motten wie bei Läusen und Zecken ist: In Detailfragen wird es kompliziert und Hörensagen dominiert.

3. Kann ich meinen Lieblingspulli irgendwie retten?

Auf jeden Fall. Es gibt verschiedene Möglichkeiten:

Den Makel verstecken

Kunststopfereien können ein Gewebe manchmal so reparieren, dass nichts auffällt.  Warum sollte man das nicht auch einmal selbst versuchen. Allerdings ist ist sehr sorgfältiges Arbeiten angesagt, und, sehr wichtig: Das Stopfgarn stammt am besten vom Kleidungsstück selbst, zum Beispiel aus dem Saum oder einer Seitennaht. Für Stricksachen erklärt diese Youtube-Anleitung „How to darn socks“ ganz gut die Strategie. Es gibt kein Schluren, jede Reihe muss gezählt und exakt nachgearbeitet werden! Das gilt genauso für Webstoffe. Es ist möglich,  Löcher unsichtbar zu reparieren,  der Stoff wird quasi nachgewebt. Früher wurde das auch noch in der Schule an Mustertüchern unterrichtet. Die fast verlorene Kunst zeigt  Parisian Gentleman – das hier war einmal ein Zigarettenloch!

Der Colette-Blog hat einen ganz guten Überblick über Kleidungsreparaturen,  „Make Do and Mend“, mit weiteren Links in den Kommentaren. In vielen alten Büchern gibt es noch Abschnitte dazu, zum Beispiel in The New Dressmaker.

Gröberes Vorgehen geht jedenfalls auch. Ich habe bei einem Neu aus Alt-Post vor einigen Jahren schon einmal gezeigt, wie ich  ein Loch von unten mit Vlieseline sichere und darübersticke, es fällt kaum auf.

Den Makel schmücken

Man kann die Löcher extra betonen, indem man sie bestickt, mit Nadelfilzen bearbeitet (Konfettiflicken über Mottenlöcher)  oder Stoff appliziert. Das funktioniert aber nur, wenn die Löcher entweder an einer optisch passenden Stelle sitzen, oder man die Reparatur über einen größeren Teil des Kleidungsstücks verteilt damit es nicht willkürlich aussieht.
Einen  ganzen Blog zum Thema „visual mending“  betreibt Tom of Holland, mit Anleitungen und Inspirationen. Das offensichtliche Stopfen kann auch zur Kunst werden.

Etwas Neues daraus machen

Wollwaren lassen sich gut weiterverwerten, Wenn möglich, kann man die Wolle aufribbeln und wiederverwenden. Oder man näht daraus Mützen, Handschuhen, Stulpen, Kissen und filzt die Teile vorher noch  in der Waschmaschine.  Wolldecken aus bunten Stücken können sehr gut aussehen. Diese hier hat im 19. Jahrhundert ein Soldat aus 10.000 Uniformteilen gefertigt:

uniformteilevia twitter

Andere Überwürfe zeigte ich bei Liebling, ich hab die Pullover geschrumpft. Ebenfalls aus Wollresten hat Nahtzugabe eine schöne Decke gemacht – und in ihrem letzten Buch sind natürlich noch mehr Weiterverwertungsideen.
Gern könnt ihr nun eure Erfahrungen dazu geben und euch auch therapeutisch ausheulen – ich bin selbst gerade wieder Betroffene, weil ich vor einigen Wochen zwei Mäntel fahrlässigerweise in der Garage hängen gelassen hatte.

Mit diesem Beitrag habe ich übrigens zwei Motten mit einer Klappe geschlagen (aaaaaah, sorry) und sowohl „Du kriegst die Motten“ als auch die „Mottenkiste“ für das neue Buch recherchiert.  Wo das herkommt? Da müsst ihr wohl auf den Herbst warten…    :)

Leider finden einige Mottenzitate keinen Platz im Buch , die hänge ich nun einfach hier an. (Und nicht vergessen, in einer Woche ist wieder Stoffspielerei bei Karen,  Ende Juni dann bei Frifris mit dem passenden Thema „Löcher“).
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motten

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Aus „Der moderne Knigge“, 1902:

In vielen Familien wird von den Hausfrauen das Eintreffen des Sommers durch eine beliebte Ceremonie , genannt das Einmotten, gefeiert. Dieses besteht darin, daß die Damen-, Herren- und Kindergarderoben und andere Textilgegenstände des Hauses mit scharfriechendem Pulver vollgestreut werden, wodurch, wenn das Pulver nicht ganz frisch und obenein nicht echt ist, den Motten verraten wird, wo ihr Futterplatz sich befindet.

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Die Motte spinnt sich auch in seidnen Zeug mit ein
Und Purpur weis sich nicht zu schützen.
Hofmannswaldau, 1703

wann man diese blumen bei die kleider leget,
verjagen sie die motten und schaben.
Tabernaemont, 1687

Denn wie ein Kleid wird sie verzehren die Motte, und wie Wolle sie verzehren die Schabe;
aber meine Gerechtigkeit wird in Ewigkeit sein, und mein Heil durch alle Geschlechter hindurch.
Bibel,  Jesaja, 51,8

Hustenkur in Kamelhaardecke und Pelzsack

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R. Cooper, Detail, WelcomeTrust, CCby4.0

Bakterien und Viren haben mich weiterhin fest in ihrem klammen Griff. Zwischendurch schien mir eine Art Luftkur in einem Liegestuhl im Garten angebracht, aber es war furchtbar kalt und ich hielt nicht lange durch.

sanatUSAca1911

Wie haben sie es denn früher in den Sanatorien gemacht, fragte ich mich? Luft- und Liegekuren bei Minusgraden waren damals doch eine übliche Behandlungsmethode. Neugierig nahm ich den Zauberberg von Thomas Mann zur Hand. Dankenswerterweise wird dort alles im Detail erklärt. Thomas Mann musste es wissen, denn er hatte 1912 eine Zeitlang seine Frau im Sanatorium in Davos besucht und die Kunst des Sicheinwickelns gelernt.

Die Hauptperson im Roman, Hans Castorp, hat sich zwar ein  „schönes weiches, dunkelrot und grün gewürfeltes Plaid“ mitgebracht, aber damit ist es viel zu kalt. Er kauft er im Ort zwei Kamelhaardecken, „ein langes und breites, angenehm weiches Fabrikat in Naturfarbe“.

Der Liegestuhl für die Luftkur ist komplett mit einer Matratze gepolstert.

Ausserdem war vermittels einer Schnur eine weder feste noch zu nachgiebige Nackenrolle mit gesticktem Leinenüberzug daran befestigt, die von besonders wohltuender Wirkung war…

Man lag ganz ungewöhnlich bequem, das stellte Hans Castorp sogleich mit Vergnügen fest. – Er erinnerte sich nicht, daß ihm je ein so angenehmer Liegestuhl vorgekommen sei … Er schlug die Kamelhaardecke zuerst von links der Länge nach bis unter die Achsel über sich, hierauf von unten über die Füße und dann von rechts, so daß er endlich ein vollkommen ebenmäßiges und glattes Paket bildete, aus dem nur Kopf, Schultern und Arme hervorsahen.

Das Einpacken will gelernt sein. Nur Altegediente schaffen das Ritual mit drei Griffen. Hans ist es aber trotz Wintermantel, Matratzen und Decken noch kalt, so dass er sich den  aufknöpfbaren Pelzsack kauft, in dem die meisten Patienten liegen. Nachts auf dem Balkon hatte er um diesen Pelzsack

die beiden Kamelhaardecken nach dem Ritus geschlagen. Dazu trug er über dem Winteranzug seine kurze Pelzjacke, auf dem Kopf eine wollene Mütze, Filzstiefel an den Füßen und an den Händen dickgefütterte Handschuhe, die aber freilich das Erstarren der Finger nicht hindern konnten.

Seinen Aufenthalt im Sanatorium finanziert der wohlhabende Erben einer Hamburger Kaufmannsfamilie problemlos. Er bleibt sieben Jahre auf dem Zauberberg, bis der Erste Weltkrieg sein passives Dasein beendet und sich seine Spur im Krieg an der Westfront verliert.

sanat3USAca 1912

Die Liegekur mit streng geregeltem Tagesablauf bleibt noch viele Jahre die Standardtherapie bei Tuberkulose, erst nach dem 2. Weltkrieg werden wirksame Medikamente gegen die Krankheit gefunden.

Wikipedia:

Die Liegekur ist wohl das eindrücklichste Beispiel für eine erfolgreiche psychosomatische Behandlung einer organischen Erkrankung.

sanat4ca1906

Wie es für einen Fabrikarbeiter in einer Lungenheilanstalt aussah, berichtet Moritz Bromme in seiner Lebensgeschichte vom Anfang des letzen Jahrhunderts. Es gibt ein Invalidenversicherungsgesetz, so dass die Kosten des Aufenthalts zum Teil gedeckt sind und die Familie des kranken Ernährers ein geringes Tagegeld erhält. Dennoch muss Bromme für die im Sanatorium geforderte Ausstattung an Hemden (6) und Unterhosen (2) einen Kredit aufnehmen.

In den 10 offenen Liegehallen mit je  12 – 18 Liegestühlen wird ihm ein Platz zugewiesen.

Nach dem Mittagstisch bis zum Vesper resp. 3/4 4 Uhr findet die große Liegekur statt, bei der absolute Ruhe herrschen muß. Jede Unterhaltung, sowie Lesen und Spielen ist verboten. Jeder Patient soll versuchen, zu schlafen, um den Verdauungsprozeß zu fördern, oder zum mindesten still zu liegen…

Nach dem Abendbrot findet bis 9 Uhr wiederum Liegekur statt, zu welcher Unterhaltung oder Lektüre gestattet ist; leider ist die Beleuchtung in der Liegehalle nicht sehr reichlich. Es ist nur eine einzige elektrische Glühlampe in der Mitte da. Um 9 Uhr packt man seine Decken zusammen, von denen man im Sommerhalbjahre 3–4, im Winter 5–6 erhält. Diese Decken werden in einem eigens dazu eingerichteten Raum über Nacht aufbewahrt. Um 10 Uhr muß alles zur Ruhe und alle elektrischen Lampen ausgeschaltet sein. So geht ein Tag wie der andere dahin.

Ein interessantes Nebendetail ist der Blaue Heinrich, ein Spuckglas für den Auswurf.

„Taschenfläschchen für Hustende“
Blauer HeinrichWiki

Sowohl im Zauberberg als auch in den Memoiren des Fabrikarbeiters wird das Behältnis erwähnt. „Dann erhielt ein jeder die blaue Taschenspuckflasche, in der sämtlicher Auswurf aufgefangen und dann direkt in die Klosetts entleert wird.“ erzählt Bromme.

Bei meinen Recherchen fand ich heraus, dass ich auch heute noch eine Liegekur im alten Stil mit Kamelhaardecken machen könnte, und zwar im Sanatorium im Harz. Das Jugendstilhaus sieht sehr schön restauriert aus. Für 1.100 Euro in der Woche inkl. Bioessen, Behandlungen und natürlich Freiluftliegekur wäre man als Selbstzahler dabei.

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Wenn es bei mir also bleibt wie bei Hans Castorp

Zuweilen hob sich seine Brust mit einem beklommenen Beben, und dann musste er husten aus seiner katarrhalischen Brust

melde ich mich vielleicht bald aus Braunlage. Oder wenigstens von meiner Veranda im Frühlingsgarten.

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Der deutsche Sonderweg bei den Bettdecken

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Maikäfer laufen über die pralle Bettdecke von Onkel Fritze in Max und Moritz, 1865. So schlafen die Deutschen: Unter einem gefüllten Inlett, das mit Bettwäsche bezogen ist.

Ein großer Teil der restlichen Welt bedeckt sich stattdessen lieber mit einem Laken, das um eine flache Decke aus Wolle oder Kunstfaser geschlagen wird.

bed2viaWiki

Beim Anblick eines solchen Hotelzimmers habe ich ja sofort das Bedürfnis, das festgestopften Umschlaglaken unter der Matratze herauszureißen. Das Phänomen des „Tütenbetts“ in Frankreich hat das Magazin Karambolage bis ins Detail erklärt, hier nachzulesen. Für Deutsche ist das eng gezurrte Kuvert ein Gräuel, weil sie sich nicht einkuscheln können und sich in Folge ihres Bewegungsdrangs im Laufe der Nacht meist unter der kratzigen Wolldecke wiederfinden, während das Laken als Knäuel auf den Boden oder in den Fußbereich verschwunden ist.

Das in Deutschland (und Skandinavien) traditionell übliche bezogene Deckbett stößt aber bei Besuchern aus dem Oberlaken-Ausland ebenso auf Skepsis und Probleme. Und das schon seit mehreren Jahrhunderten!

Ein britischer Reisender beschreibt 1749 die sonderbare Art der Westfalen, sich zu betten: „Eine Sache ist sehr speziell bei ihnen. Sie decken sich nicht mit Bettwäsche zu, sondern legen ein Federbett über sich und eins unter sich. “ (The Grand Tour, Thomas Nugent)

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(Karikatur von James Gillray, 1800, „Deutscher Luxus“, zeigt schön den Aufbau eines deutschen Bettes damals, einschließlich der erwähnten zwei Federbetten. Das untere diente der Polsterung der harten Matratze.)

Was der Berichterstatter Thomas Nugent nicht wusste: Es gab durchaus Bettwäsche, bloß waren statt eines Oberlakens eben die Federbetten selbst mit Bezügen versehen. Laken braucht man dann nur noch als Unterlage auf der Matratze. In den Inventarlisten von damals heißen diese Bettbezüge  Ziehen oder Bühren.  Ein Ehemann schreibt 1784 aus Norddeutschland an seine Frau: „Zu den Gesindebetten hat man hier nur ein Laken, da die Federbetten, unter denen fast alles hier Winters und Sommers schläft, mit Bühren überzogen sind.“

Das Missverständnis von der fehlenden Bettwäsche taucht heute noch bei Touristen aus Laken-Ländern auf. Ein Artikel in der SZ hat sich in Reiseforen umgesehen und  Beschwerden über die mangelnde Hygiene des deutschen Bettensystems gefunden.“Da ihnen das Neubeziehen des Inletts sehr kompliziert erscheint, zweifeln sie öffentlich daran, dass das Hotelpersonal sich diese Mühe für jeden neuen Gast macht.“

Generell wird das fehlende Oberlaken als unbequem empfunden. Ein Forist berichtet: »Im ›City Hilton‹ in München fand ich die Bettwäsche sehr ungewöhnlich: Auf einer Doppelmatratze gab es zwei schmale Bett­decken, jede mit einem Überzug aus Bettlakenstoff. Andere Laken gab es überhaupt nicht! Nachts wurde es warm im Zimmer, und dann konnte man nur entweder unter der viel zu warmen Decke liegen oder ganz unbedeckt schlafen. Das Hotel war ansonsten sehr schön, aber das hat mich doch sehr gestört.«

Auch Thomas Nugent konnte vor 300 Jahren nicht verstehen, wie man es im Sommer unter den Federbetten aushalten sollte: „This is comfortable enough in winter, but how can they bear their feather-beds over them in summer, as is generally practised, I cannot conceive.“

Weil die Oberdecke meist mit Federn gefüllt war, hieß sie auch Duvet (von frzs.  für Daune) oder Plumeau (von frz. für Feder). Heute noch ist der Begriff „Plümo“ in einigen Gegenden gebräuchlich. Die Redensart „in die Federn gehen“ erinnert ebenfalls an die Daunenbetten.

1866 wandert eine Engländerin mit ihrem Skizzbuch durch die Alpen. In ihrem Bericht beschwert sie sich gleich mehrmals über fehlende Decken in den Herbergen. Immer gab es nur duvets!

bett4In einer Herberge in Tirol, 1869

„Die duvets waren klein und rutschig. Wenn wir sie bis zum Kinn hochzogen, lagen die Füße bloß. Wenn wir die Füße bedeckten, fröstelten unsere Schultern und wir hatten das unangenehme Gefühl von kaltem Wasser, das einem beständig den Rücken hinunterläuft. Wenn man sich zu einem Ball einrollte, fiel das duvet ganz herunter.“

Der englische Designer Terence Conran berichtet, er habe diese seltsame Art zu schlafen in den 1960iger Jahren in Schweden kennengelernt. Er beschloss, Daunendecken mit Bezügen über seine Marke Habitat in England anzubieten. Seitdem ist das nordische Bettdeckensystem auch in Großbritannien auf dem Siegenszug. Aus Frankreich kann ich aus eigener Anschauung berichten, dass immer weniger Hotels nach alter Art kühle Laken um raue Decken schlagen. Bezüge sind auf dem Vormarsch! Es tut mir schon fast leid. Ikea soll schuld sein an diesem Betten-Mainstream. Es bietet seine Bettwaren unverdrossen in allen Ländern  an. Und die Menschen lernen offenbar inzwischen überall die Vorzüge einer bezogenen Bettdecke zu schätzen.

Warum das Bettensystem historisch so verschieden ist, habe ich nicht herausgefunden. Angeblich soll es mit der Kälte in einem Land zu tun haben – das erklärt dann aber nicht, warum Großbritannien und die Benelux-Länder traditionell Laken hatten, obwohl es bei ihnen nicht viel wärmer ist als bei uns.

bed1Bär unter englischem Laken, 1899

Überhaupt ist es schwierig, solche scheinbar banalen Kulturfragen zu klären, da ist mal wieder wenig erforscht. Vielleicht könnte ihr ja mal berichten, wo ungefähr die Duvet-Grenze verläuft? Wie sieht es zum Beispiel in den osteuropäischen Ländern aus? Bettbezug oder Umschlaglaken?

bedUSA

Eine andere Frage, die ich mir stelle: Haben wir vielleicht wegen unserer bezogenen Oberbetten keine Quilttradition? Wie die Steppdecke unter dem Bezug aussieht, ist für uns ja egal.

Fragen über Fragen, aber für heute ist Schluss.

quiltPatchwork-Quilt in einem US-Kinderbuch, 1873