Experiment Buch, Zwischenstand

stoffflieder

Liebe Leute, nun ist es eine Woche her, dass ich mein rosa Baby (zur Farbe kommt noch mal etwas extra, keine Sorge) in Händen hielt und ich freue mich immer noch darüber. Seither kam ich kaum zum Luftholen, aber der Reihe nach:

Zunächst möchte ich mich um Verzeihung bitten dafür, dass ich das Projekt so lange geheim gehalten habe. Solche Heimlichtuereien hasse ich bei anderen (jedenfalls im privaten Bereich). Aber mindestens genauso hasse ich das Begackern ungelegter Eier. Also entschied ich mich dafür, von den Ideen in Richtung Buch nichts zu erzählen, bis ich etwas vorzuweisen hatte.

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Wie bin ich darauf gekommen?

Das waren verschiedene Momente. Ich stand in Frankreich an einem Regal der Buchhandelskette Fnac und fand wunderbare Bücher zu textilen Themen, sowohl französische Eigenproduktionen als auch Übersetzungen. Zum Beispiel gab es viele der geschmackvollen japanischen Anleitungsbücher ins Französische übersetzt. Wieso gibt es die nicht auf Deutsch, obwohl der Markt viel größer ist, fragte ich mich? Wenn man bei Hugendubel oder Thalia in das Kreativregal schaut, sind die meisten Bücher nur bunt, billig, schnell gemacht. Kulturbücher zu textilen Themen gibt es so gut wie gar nicht. Kreative Frauen berichteten mir, dass sie für deutsche Verlage Anleitungsbücher geschrieben und bebildert hatten. Im Ergebnis gab es dafür gerade einmal eine Aufwandsentschädigung. Als dann immer mehr Verlage sich an Bloggerinnen wandten mit der Bitte, doch gegen ein Rezensionsexemplar ihr neues Buch im Blog zu besprechen und ein Projekt daraus nachzuarbeiten, spätestens da schien der Zeitpunkt gekommen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

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Wie ging es weiter?

Von Lucy/Nahtzugabe wusste ich, dass sie die Dinge ähnlich sah wie ich. Sie wurde meine Lektorin und wir verbrachten manch lange Vormittage mit Gedankenspielen im Café am Rande des Tiergartens hier in Berlin. Ich wollte mit einem „kleinen“ Projekt die Marktchancen probieren. Ein Geschenkbuch schwebte mir vor, denn ein Printbuch hat heutzutage meiner Meinung nach nur noch eine Chance, wenn es einen Mehrwert gegenüber dem E-Book liefert. Ein Reader oder Tablet ist nicht haptisch, ein E-Book gibt kein schönes Geschenk ab, kann nicht herumgereicht werden, verlockend auf dem Nachtisch liegen oder im Regal stehen. Die Sache mit den Redensarten schien mir auch gut geeignet für so ein Experiment, und außerdem transportiert das Thema genau, was ich eigentlich schaffen möchte: Die textilen Traditionen und Tätigkeiten wieder in Erinnerung rufen und aufwerten.

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Wie lief das technisch ab?

Den Projektplan für das Buch hatte ich im März diesen Jahres fertig, dann fing ich richtig an zu recherchieren und zu schreiben. Bei einem Besuch auf der Buchmesse in Leipzig wurde mir klar, dass Selfpublisher inzwischen stark von vielen Anbietern umworben werden. Ich wollte aber in meinen Möglichkeiten nicht beschränkt sein und musste Kosten sparen, also machte ich alles selbst. Den ganzen Sommer über habe ich mir für das Layout Indesign beigebracht, ließ mir aber von einer Grafikerin über die Schulter schauen. Bis vor einer Woche konnte ich nicht wissen, ob das Buch gedruckt auch schön werden würde, das war sicherlich der Teil des Ganzen, der mir die größten Bauchschmerzen bereitet hat.

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Wie verkauft es sich?

Bisher sehr gut. Die Startauflage von 500 Stück ist zu mehr als einem Viertel weg. Davon wurde ich komplett überrascht und musste hier auf die Schnelle eine kleine Versandabteilung einrichten. Es zahlte sich aus, dass ich seit gefühlt 20 Jahren jeden Altumschlag aufgehoben habe. Nun hat sich die Lage beruhigt und ich habe eine gute Partnerin mit einem Onlineshop gefunden: Machwerk wird das Buch in Kürze im Angebot haben. Das Buch selbst aus meinem Wohnzimmer heraus zu verkaufen war eigentlich nicht mein Ziel, da ist das Experiment noch nicht zu Ende.

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Braucht man also keinen Verlag?

Die Frage kann ich noch nicht beantworten. Gerade kommt es mir so vor, als ob die nächste Klippe kaum zu nehmen sein wird: Der schnelle und reibungslose Vertrieb. Buchkäufer sind es ja gewohnt, ihre Lieferung online versandkostenfrei  quasi über Nacht zu erhalten, oder in der Buchhandlung das Buch am nächsten Tag abholen zu können. So eine zeitnahe Lieferung wird für mein Buch wohl nicht klappen, denn dazu müsste es bei einem Zwischenhändler vorrätig sein. Große Verlage sind dort auf Lager, aber solche Kleinprojekte wie meins eher nicht. Will man bei der schnellen Verteilung mitmachen, muss man vom Handel erst einmal akzeptiert werden und dann auch eine riesige Marge abgeben. Über 50% Rabatt – das lohnt sich nur für Profi-Mitspieler mit vielen Titeln im Programm.  Ganz aktuell könnt ihr das Problem gerade bei Amazon sehen. Lucys neues Buch „Neues Leben für alte Kleider“, eine Verlagsproduktion, ist genau wie meine Eigenproduktion im Verzeichnis lieferbarer Bücher gelistet. Ihr Buch war bei Amazon schon lange vorbestellbar und ist nun bereits bei mir eingetroffen. Mein Werk dagegen taucht bei Eingabe des Titels in die Amazon-Suchleiste erst ganz weit hinten auf, ohne Abbildung und mit dem Vermerk „Derzeit nicht verfügbar. Ob und wann dieser Artikel wieder vorrätig sein wird, ist unbekannt“.  Konkret heißt das: Wenn ihr in eine Buchhandlung geht um mein Buch zu bestellen, dann sagen sie dort vielleicht, dass es das Buch gar nicht gibt. Und wenn mich die Buchhandlung doch im VLB findet, dann muss sie mich kontaktieren und ich muss das Buch an das Geschäft schicken. Umständlich und zeitraubend, oder?

Das hier ist ein Indie-Projekt und wird es vielleicht auch bleiben. Es freut mich, eine ausreichende Leserschaft zu haben um meine Kosten wieder hereinzuholen. Großes Geld lässt sich als Buchautor nicht verdienen, da hatte ich von Anfang an keine Illusion. Deshalb werden in Frankreich zum Beispiel unabhängige Buchproduktionen subventioniert – was vielleicht das interessantere Textilbuchregal bei FNAC erklärt.

Sicher habe viele von euch noch weitere Fragen, stellt sie gern in den Kommentaren und ich sammle dann für einen weiteren Beitrag FAQ zum Buch.

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Wenn Teilehmerinnen des Nähbloggerinnen-Treffens in Köln gern ein Buch hätten, bitte Mail an mich – von Berlin geht eine Sammellieferung los.

Ansonsten möchte ich darauf hinweisen, dass heute abend die deutsche Version des britischen Nähwettbewerbs „Great British Sewing Bee“ im TV auf Vox startet. Guido Mario Kretschmer (der von Shopping-Queen) moderiert die Sendung „Geschickt eingefädelt“.  Alle Nähbloggerinnen sind sehr gespannt. Einzelheiten dazu findet ihr bei Nahtzugabe, mit Links zu den Teilnehmern. Ich freue mich vor allem darauf, Meike von Crafteln und Ella Mara dort sehen zu können.

17 Gedanken zu “Experiment Buch, Zwischenstand

  1. Liebe Susna,
    es gibt überhaupt keinen Grund sich für die Verschwiegenheit zu entschuldigen. Ich verstehe das gut und finde das sehr ok. Mir geht der Hype um Geschickt eingefädelt gerade ein wenig auf den Wecker. Sogar Carmöbel, meine Bezugsquelle für kleiner Möbel, mailt mich an um mir mitzuteilen, dass sie an der Produktion beteiligt sind (indem sie Ausstattungsgegenstände sponsern). Da hebt sich dein dezenter Umgang mit dem Buch sehr positiv ab. Und die selbstgearbeitete Verpackung war wunderbar. Danke dafür. Trotzdem ist es gut, dass du einen guten Versandonlineshop gefunden hast. Hier in unserm Antiquariat werden täglich Bücher verschickt. Es ist echt Arbeit. Danke und schönen Gruß Mema

  2. Liebe Suschna,
    dein Buch´- also eigentlich zwei davon – habe ich gerade aus dem Briefkasten geholt. Das ist dir wunderbar gelungen und wird den beiden zu Beschenkenden eine große Freude machen.
    Danke!!!

  3. Hach das ist so spannend zu lesen! ich habe das Buch ganz oben auf meine Wunschliste zu Weihnachten gesetzt und hoffe, dass es bald bei Machwerk verfügbar ist, damit ich den Link weitergeben kann. In jedem Fall gratuliere ich Dir ganz herzlich zu dem Buch, ein echtes Herzensprojekt wenn ich das so verfolge. Mit Deinem Weg ohne Verlag ist das Buch genau so geworden, wie es Dein Traum war, dafür musst du nun den Vertrieb allein schultern – zwischen diesen beiden Polen muss sich wohl jeder Autor entscheiden. ich drücke die Daumen und freue mich schon über weitere feine Bücher der Nähgeschichte! LG Kuestensocke

  4. Ich habe die gleiche Frage, kann ich das Buch noch bei Dir bestellen oder soll ich auf Machwerk warten? Ich finde Dich mutig und fleißig! Und bin sehr gespannt auf die textile Pralinenschachtel.
    Lieben Lisagruß!

  5. Danke für den kleinen Blick hinter die Kulissen.
    Es ist großartig wie du dich zusammen mit Lucy in die Materie eingearbeitet hast. Das war für alle Beteiligten sicher ein anstrengender und spannender Lernprozess.
    Und wer weiß, nachdem es ja Indie-Schnittlabel gibt könnte ich mir für die Craftingszene auch Indie-Buchverlage vorstellen.
    Gute Autorinnen sind ja oft auf der Suche nach mehr Mitspracherecht bei Publikationen. Das Potential wäre sicher da.

    Es freut mich total, dass ich einen klitzekleinen Teil deines Projektes schultern kann, das fühlt sich richtig gut an.
    Die Stoffspielerinnen als Alternative zum großen Verlagswesen. :)

  6. Ich habe gerade deine Pralinenschachtel in Händen und es fühlt (und liest) sich wunderbar. Etwas anderes als ein Ebook oder ein Taschenbuch – ein richtig schönes haptisches Stück.
    Dir vielen Dank für das Schreiben und Verschicken. Ganz viel Erfolg damit (gut dass die „praktische“ Seite jetz über machwerk läuft) und viele gute Ideen und Gedanken für weitere Projekte.
    Liebe Grüße
    Ines

  7. Liebe Suschna, nochmals gratuliere ich Dir ganz herzlich. Ich habe das Buch schon erhalten, die Rechnung schon überwiesen (sogar kontroliert ob es auch geklappt hat – Fehlerquelle BIC und IBAN) und ich habe auch schon ein bisschen gelesen. Es ist Dir wirklich gut gelungen, Dein Buch! Ich bin ja schon länger Fan Deiner Geschichten hier im Blog und das Buch ist der Inhalt aber materialisiert. Als E-Book wäre es nicht so nett geworden.
    Liebe Grüße
    Teresa

  8. Heute sind meine Pralinenschachteln bei mir angekommen und ich danke herzlich! Sicher werde ich noch nachordern, da ich das Buch für das perfekte Geschenk halte, das selbst Bibliophile mit Hang zum Textilen noch nicht haben (und zu meinem derzeitigen Glück nicht so leicht rankommen. Du siehst, alles hat zwei Seiten!).
    Ich kann leider auch nicht sagen, warum hier weniger Textilbücher publiziert werden. Aber eine Freundin aus der Verlagsbranche, die einen wunderbaren (inhaltlich wie optisch) Prachtband über Textilien übersetzen und auf Deutsch veröffentlichen ließ, erzählte, dass das Buch sich nicht gut verkaufe. Möglicherweise, weil diejenigen, die sich für das Thema interessieren, schon das Original besitzen?
    Ich freue mich darum um so mehr, dass ihr ein Buch gewagt habt und der Erfolg euch Recht gibt!
    Weiterhin reissenden Absatz wünscht
    Bele

  9. Vielen Dank für die Hintergrund-Infos zum Entstehen des Buches. Ich habe vor 10 Jahren die gesammelten Gedichte und Texte meiner Mutter veröffentlicht , kenne also die damit verbundene Arbeit und Freude am fertigen Produkt. Ich habe diese Woche die drei bestellten Bücher erhalten und mein Exemplar gleich mit großer Begeisterung gelesen. Die beiden anderen sind für meine Mutter und Schwiegermutter reserviert, die beide große Freude an Sprichwörtern und Handarbeit haben. Bestimmt eine tolle Überraschung für sie.

  10. Liebe Suschna,
    auch ich habe heute das Büchlein (nein 2!!!, eins zum Verschenken!) aus dem Briefkasten geholt. Ich liebe Bücher und mit Bücher meine ich Bücher aus Papier! ..und gerade deshalb habe ich mich so sehr auf Dein Buch gefreut. Es ist Dir sehr gut gelungen, ich habe schon ein bißchen quer gelesen.
    Ehrlich gesagt: Auf so ein Kleinod, mit Liebe gemacht, warte ich gerne. Das muss nicht von einem großen „Absahner“ vertrieben werden, Du hattest doch die Arbeit und hast Dein Herzblut reingesteckt. Dann sollst Du wenigstens einen Kleine Teil davon zurück kriegen.
    Danke für diesen Schatz!
    Dagmar

  11. Ja, es ist superschön, dass du es gewagt hat und neben diesem hier ein ganz ästhetisches Buch entstehen durfte in klassischem Kleid.Bitte mehr! das Publikum ist da und reif dafür! LG Karen

  12. Ich hab mein Exemplar vorgestern aus dem Postkasten holen dürfen: Es ist wunderschön. Und fein zu lesen. Und es greift sich gut an (= haptisch ansprechend). Ich merke auf jeder Seite, mit wie viel Liebe Du das Büchlein zusammengestellt hast. Dich dafür extra in InDesign einzuarbeiten – mein allergrößter Respekt! Herzliche Grüße von Gabi

  13. Pingback: Topflappen im Museum | Creatures & Creations

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