Berliner Leben im Mai vor hundert Jahren

berliner leben 1905tier1905 im Berliner Tiergarten

Hier in Berlin blühen die Bäume, es ist warm, das frische Grün leuchtet – die schönste Zeit.  Passend dazu habe ich euch ein paar Frühlingsszenen aus der Stadt vor 100 Jahren herausgesucht. Die Serie ist nur möglich, weil die ZLB, die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, mehrere Jahrgänge der Zeitschrift Berliner Leben digitalisiert und die Daten in die Public Domain entlassen hat. Nur weil die Scans gemeinfrei sind, kann ich im Blog Ausschnitte zeigen. Das erlauben noch nicht so viele Institutionen in Deutschland.

Hier nun also Eindrücke aus Stadt und Park im Berlin der Kaiserzeit.

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1905, aus „Unsere exotischen Mitbürger“.  Vielleicht ein Kindermädchen aus Kaiser-Wilhelms-Land, der deutschen Kolonie in Neuguinea? Indonesien könnte sein, Südostasien?

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Baumblütenfest in Werder 1905. Der kleine Junge links trägt vielleicht die Jacke eines größeren Bruders.

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Mythos Korsett und Wespentaille: Ich bitte nur einmal kurz die Silhouette der Dame rechts anzusehen. Deutlich zeichnet sich das Mieder ab. Weit entfernt von Wespe und Einschnürung, es geht der Frau ganz gut. Ohnehin ist die Reformkleidung schon im Kommen. 1897 fand in Berlin eine erste Ausstellung dazu statt.

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Gegen Stolpern und schmutzige Rocksäume werden die Stofflagen hochgerafft.

Hier auch, auf der Promenade.

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Kindermädchen, Ammen und ihre Schützlinge an der frischen Luft.

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Die Ammen mit den weißen Hauben waren sorbische und wendische Frauen aus dem Spreewald. Sie galten als zuverlässiges Personal mit gesunder Muttermilch und wurden im Berlin der Kaiserzeit bald zum Statussymbol wohlhabender Familien. Eine Berlinerin  erinnert sich  an ihre Amme: „Kein Ausgang … ohne Haube. Sie war sozusagen das Markenzeichen, das nicht nur die Trägerin, sondern auch die Familie erst ins rechte Licht rückte, die sich ein solches Prachtexemplar leisten konnte.“

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Spreewaldammen 1905

Öffentliches Stillen beobachtete Heinrich Zille:

„Wenn in’n Tiergarten de Ammen

Unscheniert die kleenen Strammen

Frische Nahrung lassen ziehn –

Denn is Frühling in Berlin!“

Um das Jahr 1900 soll es in Berlin rund 1000 Ammen gegeben haben. Teilweise ließen sie ihre eigenen Kinder in der Heimat zurück, weil sie auf das Geldverdienen in der Großstadt angewiesen waren. Es ist auch nicht auszuschließen, dass sich manches Dienstmädchen von anderswo Haube und Tracht besorgte, um als „Spreewaldamme“ durchzugehen und eine bessere Stelle zu bekommen. (Zum Thema Stillen historisch siehe auch ganz frisch „Mythos natürliches Stillen„).

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Interessant die Kinderwagen und sonstigen Transportgeräte. Motorfahrräder und Rikschas gibt es in Berlin heute wieder, leider ähneln die Rikschas für Touristen inzwischen eher großen Plastikeiern. So eine Nostalgie-Tour wäre vielleicht auch eine Idee.

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Selten in der Zeitschrift: „Eine Scene aus dem Elend der Weltstadt. Landung eines Selbstmörders an der Gertraudenbrücke.“ Heute würde so eine Foto wohl nicht mehr abgedruckt, wegen der Werther-Effekts und der Selbstverpflichtung der Presse.

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Das waren für heute nur ein paar Ausschnitte, ich wühle mich bald weiter durch die Ausgaben.  Da sind noch feine Sachen, nächste Folge vielleicht mal die arbeitende Bevölkerung, oder skurrile Werbung?  Dank an alle Museen, Bibliotheken und Archive, die ihre Schätze mit der Allgemeinheit teilen.

Jetzt gehe ich noch ein bisschen an Blütenbäumen schnuppern und höre in die Beiträge der Republica 2015 hinein. Diese Konferenz zu Internetthemen läuft gerade hier, im Berlin des Jahres 2015.

Schöne Maitage und bis bald!

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10 Gedanken zu “Berliner Leben im Mai vor hundert Jahren

  1. Super. Hach, ich liebe deine Fotoserien. Unglaublich, 100 Jahre sind ja eigentlich nun auch nicht sooo lang, aber welche Umwälzung seitdem stattgefunden hat.
    Mich interessieren beide Themen und wünsche mir einfach beide :)

  2. Vielen Danke für die schönen Fotos! Hundert Jahre sind wirklich nicht so lange. Meine Großmutter, Jahrgang 1901 hat in den 1970 Jahren oft ungläubig gesagt: „ich hab noch den Kaiser durch die Jägerstraße fahren sehen“ Das war der Stehsatz wenn wieder irgendwelche neue Moden oder Neuerungen auf sie zukammen. Als Kinder haben wir damals gelacht. Heute denke ich oft an sie wenn ich staunend vor Neuerungen stehe. Ich habe zwar nicht den Kaiser gesehen aber ich kenne z.B. noch das Vierteltelefon.
    Wirklich toll finde ich, dass Du die Bilder aus den Archiven immer zu einem Thema zusammenfasst. Danke! Ich freue mich auf beide angedachten Themen.
    Liebe Grüße aus Wien
    Teresa

    • Immer mehr versuche ich auch, zurück zu treten und an meine Großeltern („damals, wir hatten ja nichts“) zu denken, wenn ich sage: Damals, als es noch keine Computer und Handies gab…

  3. Schön, dass es auch solche Sujets als Foto gibt bzw. dass es erhalten ist. Meine Großeltern sind In Potsdam jung gewesen und sie erzählten das auch mit den Ammen aus dem Spreewald.
    Allerdings empfinde ich das ja echt als folkloristische Note, dass man mit Haube unterwegs war. Das ist in dieser Größe ursprünglich Festtracht, aber zu der Zeit war der Spreewald wahrscheinlich schon ein touristischer Ort für Berliner,
    Was auffällt sind die vielen Bekleidungsteile in weiß, was sicher Reinheit, Pflege und Sauberkeit symbolisiert und zur Schau getragen wird: ich kann es mir leisten viel zu waschen (oder waschen lassen) und habe genügend Nachschub. Die Schürzen im Prenzlauer Berg waren bestimmt eher dunkel, gestreift etc.
    Die Ränder der langen Röcke müssen doch fast immer dreckverkrustet gewesen sein.Da war Bürsten noch eine der Hauptreinigungsarten bei Kleidung.
    Historische Grüße, Karen

    • Eigentlich müsste dein ganzes Wissen oben stehen, und nicht nur hier unten in den Kommentaren. Ich wüsste auch so gern, wie das z.B. mit den Rocksäumen und Flecken auf weißen Sachen ging, wie das mit dem Bürsten und Waschen war. Ich suche schon danach, aber das ist kaum erforscht, nach Quellen muss man lange suchen. Wer kümmerte sich bisher schon um Frauenberichte zu Haushaltsfragen, soweit es sie für die normale Bevölkerung überhaupt gibt, z.B. in Tagebüchern. Es gäbe so viel zu beackern, das hatten wir ja schon.

  4. Ja. Ich habs verstanden durch den lindgrünen Flausch hindurch und ich wills hier wieder gut machen: Wenn es dieses Blog zu kaufen gäbe, würde ich jeden Monat dafür zahlen und gerne nicht zu knapp. Booahh, das war großspurig, aber der Monat Mai lässt Blüten und gute Wünsche nur so sprießen.
    lg Carmen

    • Ein Insider-Danke :) Heute umarme ich den Tag (hieß das so?) ganz besonders, die Sonne scheint, der Flieder duftet.

  5. Mädchen lacht, Jüngling spricht :“Fräulein wolln Sie oder nicht, draußen ist Frühling.“
    Veronika, der Lenz ist da, die Mädchen singen tralala. Die ganze Welt ist wie verhext,
    Veronika, der Spargel wächst!
    und ich sage Ja zu jedem Tag und das gilt nicht nur ab 90+, klaro.
    lg Carmen

  6. Pingback: Parkbilder über den Atlantik | Textile Geschichten

  7. Pingback: Tucholsky besingt Berlin, Familien können Kaffee kochen | Textile Geschichten

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