Helden der Flickenkiste – Maigrün, Lilo Pulver und Fast Fashion

Neues aus der Serie „Helden der Flickenkiste“, Aktion von Frifris. Sie hat heute rote und blaue Textilien gerettet, bei mir überlebte eine Wolldecke in Maigrün.

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In Zürcher Verlobung von 1957 trägt Liselotte Pulver eine grüne kastige Jacke. Die gefiel mir und ich fotografierte sie vom Bildschirm ab. (Der Film ist inhaltlich zu vernachlässigen, aber wegen der Mode interessant, weil dort die Umbruchzeit 50er/60er  gut zu erkennen ist.)

Für die Jacke nahm ich aus der Flickenkiste eine Wolldecke ins Visier, die zwei große unentfernbare Teeflecken hatte. (Was nebenbei bemerkt beweist, dass Tee und Wolle ein gutes Färbepaar sind.) Die Decke hatte ich schon 20 Jahre, sie war einmal sehr mohairig und schon immer mit bad Vibrations aufgeladen, weil die Verkäuferin in dem Einrichtungsladen, in dem ich sie gekauft hatte, unglaublich arrogant war.

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Jedenfalls habe ich wieder meinen Allroundschnitt (Vogue 1981 B) genommen, der auch schon Grundmuster des Hausmantels à la Diderot war.  Ich wollte unbedingt die Fransen der Decke behalten, also verlängerte und begradigte ich die Vorderkanten.

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Man kann die Jacke sehr weit offen tragen oder ganz hoch geschlossen (mithilfe einer Haarspange). Seit mehreren Monaten wohne ich quasi darin. Beim derzeitigen Übergangswetter ist sie auch gut geeignet für den schnellen Fahrradritt zum Supermarkt.

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Nicht gut gelöst sind bisher die offenen Kanten unten und an den Ärmeln. Es franst schon ein bisschen. Ich dachte an dünnes Leder als Einfasskante, aber natürlich gibt es so etwas nicht in Maigrün. Stoff- oder Samtkante habe ich auch probiert, sieht blöd aus.

Das andere Problem ist, dass die Wolldecke schon ziemlich räudig war. Neben mir sitzt man zur Zeit wie neben einem zottigen Hund.  Dunkel erinnere ich mich, dass man solche Mohairstoffe auch wieder fluffig bekommen kann. War das im Trockner? Vielleicht hat jemand Erfahrung dazu.

So oder so freue ich mich, dass ich eine Textilie vor dem Müll gerettet habe. Womit ich beim weiteren Thema bin: Wie steht es mit der Fast Fashion hier im Hause? Bei Gewissensfrage Klamottenkauf  hatte ich ja im Herbst eine Mutter-Tochter Challenge ausgerufen und wollte für mich prüfen, wie ökologisch und ökonomisch unkorrekt unsere Herbsteinkäufe waren. Was ist draus geworden?

Ich habe losrecherchiert, ja. Viel gelesen, viele Filme geschaut. Und musste feststellen, dass am Ende  immer eine Unsicherheit und Grauzone bleibt, wenn man nicht bei ausgewiesenen Fair-Labels kauft. Hinter den großen Kleidungsmarken stehen dieselben Konzerne, arbeiten dieselben Fabriken. Ob Zara, COS oder Uniqlo, wo wir als Familie hauptsächlich einkaufen, es gibt sich nicht viel. Zwar reagieren viele Konzerne inzwischen aufgeschlossener, weil sie gemerkt haben, dass „Fast Fashion“ ein Imageproblem bekommt. Sie können aber nie den Nachweis erbringen, dass bis ins letzte Glied der Herstellungskette alles mit rechten Dingen zugeht. Läuft etwas schief, verweisen sie darauf, ein Sub-Sub-Subunternehmer habe ganz allein ohne Wissen des Konzerns etwas Illegales gemacht. Das sei bedauerlich, man werde sich kümmern, aber das sei eben schwer zu überwachen.

Bei meinen Recherchen bin ich auf den Blog „Ich Kauf Nix“ von Nunu Kaller gestoßen, die auch bei Greenpeace aktiv ist. Bei ihr habe ich alle meine Fragen beantwortet gefunden. Ich empfehle euch den Blog sehr, wenn ihr für dieses Thema affin seid.

In dem Beitrag Etwas wissen und danach handeln: zwei Paar Schuh zitiert sie aus einer Studie, in der Teenager nach ihrem Klamottenkauf gefragt wurden. Zwei ihrer Screenshots daraus:

Bemerkenswert niedrig: Der Anteil des Selbermachens bei den „Bezugsquellen“. Bemerkenswert sind außerdem Stellungnamen von H&M bei Nunu Kaller. Ich finde es toll zu sehen, wieviel man mit Öffentlichkeitsarbeit auch via Blog erreichen kann.

Was tun?

Wie informieren?

  • Facts-Seite bei Nunu Kaller – Die moderne konventionelle Bekleidungswirtschaft vom Saatgut zum Müllberg
  • Liste mit Dokus zu Fast-Fashion. (Habe ich angelegt, könnt gern Ergänzungen empfehlen).

Hier noch ein beeindruckender Kurzfilm aus Indien, wo unsere Altkleider recycelt werden. Eine Arbeiterin erzählt, was sie über die Menschen im Westen denken. „Wir glauben, Wasser ist dort teurer als Kleidung, daher werfen sie einmal Getragenes weg, statt zu waschen.“

Über zwei Halstücher brauchen sie sich in Indien nicht zu wundern, die werden nämlich nicht dort auftauchen. Die Tücher sind jetzt Vorder- und Rückseite eines Kissens, eine Sache von 5 Minuten.

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Danke, Frifris für den Anstoß. Ich gehe dann gleich mal die vier Jeanshosen mit Rissen an, die in der Flickenkiste liegen. Die brauchen eigentlich nur ein paar Zickzackstiche mit blauem Garn.

20 Kommentare

  1. Zum Fashion Revoltuion day gaibt es ja inzwischen diverse Aktionen, Die genau das Thema aufgreifen. Darf ich das hier verlinken? https://news.utopia.de/das-2-euro-t-shirt-ein-soziales-experiment-0937/ Bitte unbedingt lesen..
    Dein Grüne-decken-jacke finde ich sehr gelungen. Jacken sind nach meiner Erfahrung hier das meist getragene Kleidungstück.bei unserer wechselhaften Wetterlage. Glänzendes Schrägband in Grün 1,5 cm über der unteren Kante aufgenäht, gibt dem Ganzen vielleicht Halt und dann kann es weiterffansen?! ich weiß nur, dass man Mohair in den Kühlschrank legen sollte, aber ob es dadurch fluffig bleib, keine Ahnung!
    Danke für die links!
    Viele Grüße karen

    • oh ja danke, Fashion Revolution hatte ich vergessen anzusprechen. Danke für das Video, füge ich zur Playlist hinzu – gerade komme ich da wieder nicht rein.
      Fransen wollte ich nicht überall, dachte, das wird zuu fransig. Ich google mal wegen Mohair. Danke!

  2. Ich finde deine grüne Jacke auch wunderschön, hat sich doch sehr gelohnt diese Decke zu retten. Schnitt und Farbe stehen dir super.
    Ich würde ja die Säume ganz schnöde zweimal absteppen und dann den Überstand fransen lassen, allerdings scheint mir der Vorschlag von Hala doch deutlich eleganter zu sein. Und leider weiß ich nicht, wie man Mohair wieder entzottelt.

    Die Tücher sind ja wirklich prädestiniert für Kissen :)

    Vielen vielen Dank für die Infos zum Kleiderkauf und zum Recyceln und für die vielen Links. Deinen getwitterten Film wollte ich eigentlich auch verlinken, hab’s vergessen und freue mich dass du das nun getan hast. Ja, mit Teenagern ist es besonders schwierig, fair und ökologisch in der Kleiderwahl zu bleiben. An den verfügbaren (Geld-) Mitteln kann es ja nicht allein liegen (auch wenn das sicherlich eine nicht unerhebliche Rolle spielt) sondern ich halte das auch durchaus für eine Sache der Mentalität, die Modewerbemaschine leistet da volle Arbeit.
    LG, frifris (die sich übers Mitmachen freut)

  3. Die Jacke ist ein Traum in grün. Und ich würde die Leichtigkeit der Fransen und des Mohairs nicht mit irgendwelchen Kanten brechen, das ist so schön, wie es ist.
    Schneid doch einfach ab, wenn mal ein Faden ausbricht.
    Ich habe Mohair früher nach dem Stricken mit einer Art Schuhbürste gebürstet, aber das war auch das lange Zeux in den 80ern. Das gab dann einen dichten Flausch. (Mich kratzt es jetzt noch wenn ich dran denke, aber damals war mir das egal.)
    Das mit dem Klamottenkaufen sollte sich für Leute wie uns eigentlich fast erledigt haben, oder? Und die Töchtergeneration erlebt ja SecondHandläden als eine coole Sache, zumindest meine Tochter liebt es, dort einzukaufen. Das schont die Ökobilanz und das Taschengeld.

    Die ganzen Links werde ich mir die nächsten Tage häppchenweise angucken. Ich freu mich immer über deine Verweise, das ist in der Regel echt ein Qualitätssiegel.

    Hab ein schönes Wochenende dort in der großen Stadt!

    • Second Hand ist hier noch nicht so ganz angekommen, mal sehen.
      Selbermachen erledigt das Thema ja leider nur zum Teil. Fasergewinnung, Stoff, Färbung brauchen Selbernäher auch, nur der letzte Schritt fällt weg. Und bei Unterwäsche, Strümpfe, Schuhen, Funktionskleidung kann man sich auch nicht so leicht vom Handel abhängen. Ein Mischverhalten scheint für mich der beste Weg.
      Mit „fairen“ Käufen sind wir auch schon mehrmals auf die Nase gefallen, die Qualität war nicht so doll.

  4. Interessant!! Deine Links werde ich mir mal in aller Ruhe anschauen. Gerade gestern habe ich mich mit einer Freundin darüber unterhalten…
    Wir haben in unserem Lagerbestand auch einige sogenannte Mohairbürsten übernommen. Ich denke mal die sind für Jacken wie deine gedacht. Ich habe allerdins keine Ahnung, ob das auch funktioniert. Wenn du möchtest bringe ich dir das nächste mal eine mit…
    LG Nina

  5. Was zur Jacke – Kante mit einem maigrünen Wollfaden von Hand stabilisieren und betonen? Hinsichtlich räudig – hab mal gehört in die Gefriertruhe soll helfen. Ob trocken reicht oder sie feucht sein sollte müsste man ausprobieren.
    LG
    schmiedin

  6. Die Decken-Jacke ist super hübsch geworden. Da trägst du Erinnerungen spazieren… (leider auch die bad vibrations…) Durch die ganzen Links werde ich mich am Wochenende klicken- sehr spannend. Ein ewiges Thema für mich, Mode kann mich teilweise verführen und dann habe ich aber auch das Öko-Gewissen und gleichzeitig müssen mir die Teile ja auch vernünftig passen, was wieder einiges einschränkt. Meist wähle ich den Mittelweg: Kaufe das, was sehr gut sitzt (auch die schlecht hergestellten Klamotten) und trage dies ewig… – und renne nicht jeder Mode nach. LG mila

  7. Die fransenden Kanten würe ich, so wie frifris vorschlug, einfach mit einer oder zwei Steppreihen mit der Maschine sichern, so ca. 1cm von der Kante entfernt. Ich habe einen selbstgenähten Wollrock, da habe ich das nach Anleitung so gemacht, das funktioniert sehr gut und ist ziemlich unauffällig. Dass man Mohair aufbürstet kenne ich aus Strickanleitungen der 1980er – aber nicht, dass es dafür spezielle Bürsten gab, spannend. Mit Ninas Spezialgerät wirst du die Zotteligkeit bestimmt los.

  8. Danke für die vielen tollen links! Die Jacke ist sehr sehr schön, und ich finde sie nicht räudig, sondern würdig eingelebt. Und darum passen meiner Meinung nach die offenen Kanten auch besser, als eine frische Einfassung.
    Herzliche Grüße von Lisa

  9. Danke für den Link zum Film. Sehr berührend und auch sehr beschämend. Wie getrennt unsere Welten doch sind. Und wie stark das Bild von einem superreichen und glücklichen Westen in den Ländern Asiens doch ist…

  10. Vielen Dank für all eure Tipps. Ich werde es mal mit dem Tiefkühlfach probieren, und dann noch Ninas Bürste.
    Wegen der Kanten: Habe sie abgesteppt, aber sieht nicht so gut aus. Sichern ist schwer, weil alles so locker gewebt ist. Probier noch mal weiter rum, Danke fürs Überlegen!

  11. Das Grüne Wunder ist toll und sieht genau an dir toll aus. Die interessanten Links werde ich demnächst ansehen. Die Halstuch-Kissen-Umwandlung ist gelungen und werde ich gerne auch anwenden. Aber jetzt der große Einspruch: Die Zürcher Verlobung ist ein unterhaltsamer Film mit schöner Mode und herrlichem Happy-End. So was brauche ich. Er gehört bei mir zum winterlichen Standardprogramm. Klar, da gehöre ich einer Minderheit an und soll hier wahrscheinlich nicht so rumjammern. Dazu liebe ich Filme in denen gesungen wird, ein weithin abgeschlagene Minderheit noch dazu. Jaja. War ja nur ein kleiner Versuch hier mal anderer Meinung zu sein. Es ist ansonsten wirklich ein außerordentlicher blog mit wunderbaren Recherchen.
    lg Carmen

    • Also liebe Carmen, dich hat wohl der Krabbenkorb-Floh gebissen. Ich sags dir ganz flauschig <3, denn du weißt doch wohl, dass man in Blogs wie diesen niemals anderer Meinung sein darf. Das zerstört die Kuschelatmo und ist unsolidarisch. Aber für diese eine Mal will ich nicht so eine Mimose sein, ja komme dir sogar entgegen: Filme mit guter Mode, Musik und Ausstattung brauchen keinen Inhalt, nein. Da bin ich GANZ deiner Meinung. Und nun ist wieder alles gut, ja? <3 <3 <3 <3

  12. Hallo!
    Ich finde deine Jacke wunderschön! Meine mohair Sachen gebe ich kurz in den Gefrierschrank, am besten in eine Tüte gepackt, da richten sich die Haare wieder etwas auf- oder vorsichtig bürsten. Für den Ärmel würde ich die Kante im Schlingstich einfassen. Vieleicht mit Perlgarn? Das nehme ich bei Filz gerne her um die Kanten zu „sichern“. Hier siehst du welchen Stich ich meine: http://www.brigitte.de/wohnen/selbermachen/sticken/schlingstich-1157709/
    Liebe Grüße Sarah

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