Stoffspielerei im Februar: Gestickte Chenille

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Chenille Suchbild.

Als Griselda  für die monatliche Stoffspielerei*  das Thema „Chenille“ vorgeschlug, dachte ich gleich an Raupen.  „Chenille“ ist das französische Wort für Raupe, was ich ganz genau weiß, weil ich in Frankreich schon einmal unsäglich unter den fliegenden Härchen der Prozessionsspinnerraupen gelitten habe, aber das ist eine andere Geschichte.

Für mein Textilprojekt hatte ich sehr netten Raupen im Kopf. Sie gehören zu Stickereien, die zwischen 1600 und 1625 in Mode waren:

cater1Ausschnitt, Jacke/Glasgow cater2Auschnitt, Met

catervuaAusschnitt,  V&A

Ohne großen Plan habe ich mit einem Stück Leinen und verschiedenen Garnarten losgelegt. Viele der Stickstiche von damals sind darauf ausgelegt, das Material hauptsächlich auf der Oberseite des Stoffes zu halten und die Stickereien plastisch wirken zu lassen. Auf dem Bild oben sind die grünen Erbsenschoten sogar aufklappbar.  Am besten hat mir der „detached buttonhole stitch“ gefallen.

fig_56detached/solid buttonhole stitch, via

(Je nach Übersetzung ist das auf deutsch ein eingehängter Knopflochstich oder ein Festonstich, ich bin da nicht so tief eingestiegen. Einen guten Überblick bietet „Embroidery and Tapestry„, deutsche Übersetzungen für die Stiche sind hier . Mit vielen Lücken – das finde ich interessant, scheinbar ein schwieriges Thema. Auch mit meinen eigenen deutschen Nachschlagewerken bin ich in Sachen historischer Stickstiche nicht sehr weit gekommen).

Mein Armband sah am Anfang tatsächlich noch ganz übersichtlich aus, aber dann konnte ich nicht mehr aufhören und bedeckte jeden Milimeter. Das meiste ist ziemlich schlurig ausgeführt, egal.

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An einer Stelle habe ich auch Pflauenfeder verwendet, weil ich das hier an einer gestickten Raupe gesehen hatte. Und weil man damals nicht nur mit Pfauenfeder, sondern auch mit menschlichen Haaren stickte, habe ich auch noch ein langes Mädchenhaar verarbeitet, das man natürlich gar nicht sieht.

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Ich zähle bis zu zehn Raupen, wie man will.  Es ist ein ganz bunter Hingucker, aber beim nächsten Mal sollte man doch ein etwas übersichtlicheres Layout wählen. Auf jeden Fall habe ich jetzt vielleicht ein magisches Schutzarmband gegen die Angriffe der Prozessionsspinner.

Außerdem bin ich natürlich völlig in die damalige Zeit abgeglitten und habe versucht, mehr über diese Pflanzen- und Instektenmotive auf Kleidung herauszufinden.

WikiCommons

Jacken mit solchen Mustern waren vor allem bei wohlhabenden englischen Damen beliebt. Als Stickvorlagen dienten naturgeschichtliche Bücher mit Holzschnitten, die seit Mitte des 16. Jahrhundert erschienen waren. Wie in den Büchern zeigen die Stickereien Pflanzen und Tiere in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. So gehört zum Schmetterling eben auch eine Raupe.

LaytonjacketandportraitV&A,CC-BY-SA-3.0, via

Das Victoria & Albert Museum besitzt mehrere solcher Jacken. Ein Exemplar ist sogar auf einem Portrait abgebildet.  Die Jacke ist von 1610, das Bild von 1620. Zu dieser Zeit war bereits eine höhere Taille Mode, so dass die Trägerin auf dem Bild ihr Rockteil über die Jacke hochgezogen hat, um sich dem neuen Look anzupassen.

Das Sticken meines kleinen Armbandes dauerte ewig. Wie viel Arbeit bedeutete es dann erst, ein ganzes Kleidungsstück zu fertigen!  Bestickt wurden die Schnittteile vor dem Zusammennähen – von spezialisierten Stickateliers oder auch von den Frauen selbst, wenn sie in Nadelarbeiten geschickt genug waren. In den USA hat vor ein paar Jahren ein Museum eine Jacke ähnlich der aus dem V&A nachgebildet. An den Nadelarbeiten waren über 200 Freiwillige beteiligt, die Tausende von Stunden in das Projekt steckten.  Jeder konnte mitmachen, vom Kind bis zum Stickmeister. „Kann ich bitte einen Wurm machen?“ – das hätte ich wohl auch gefragt, wenn ich dort gewesen wäre – und hätte im Interesse des Projekts hoffentlich nur eine Stelle unter dem Ärmelloch zugewiesen bekommen.

 

In dem folgenden Film aus einem schottischen Museum wird eine Originaljacke vorgestellt. Die Raupen dort sind gestreift und kommen auf meinem Armband auch vor.

Hier noch hübsche Beispiele botanischer Stickereien auf Kleidung.

etwa 1606 via

Den Herrn hier mag ich besonders, mit seinem Ohrring und dem Bärtchen könnte er auch in einer Berliner Hipsterkneipe sitzen (den Spitzenkragen und die Seidenstickerei dann bitte wegdenken).

1610, via

So, nun will ich diesen Beitrag beenden. Ich nehme an, dass Griselda bei ihrem Themenvorschlag eher an einen „Chenilleeffekt“ bei festgenähten und aufgeschnittene Stoffränder dachte. Dazu hätte ich etwas in der Art wie bei diesem Deckenrand beitragen können.

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Zum Beispiel hätte ich eine Borte machen können, um den Chenillefaden beim Chanel-Attrappenkleid zu ergänzen. Leider war nicht mehr genug Zeit. Daher belasse ich es für heute bei meinem wenig virtuosen Raupengewimmel und schaue mir später in Ruhe an, was die anderen aus dem Thema gemacht haben. Das ist dann bei Griselda von Machwerke zu finden.  Vielen Dank!

 

In einem Monat, am 29. März, sehen wir uns hier zur Linksammlung der Stoffspielerei wieder.

Thema dann: Seltene Techniken.

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*

Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Der vorläufige Plan für die nächsten Monate, kurzfristige Terminänderungen sind möglich:
29. März           Suschna,  Thema Seltene Techniken
26. April           Lucy,    Thema Stoff und Farbe
31. Mai             KaZe,    Thema Inspiration Kunst (mit Quellenangabe)
28. Juni            Frifris
26. Juli         SOMMERPAUSE

17 Kommentare

  1. Bei Chenille hätte ich auch an aufgeschnittenen Stoff gedacht .
    Hier habe ich eine Seite mit bestickten Kostümen aus Filmen : michelecarragherembroidery.com . Da ich kein englisch kann weiß ich nicht wer das alles gestickt hat . Eine riesige Arbeit auf jeden Fall .

  2. Deine Stickereien sind ein toller Ansatz und passen perfekt zu deinen Broschen- mich ernnert das eher an eine Manschette als an ein Armband. Und natürlich hättest du mit deinem Gespür für die richtigen Stiche einen Ehrenplatz auf dem Plimoth-Jacket bekommen!
    Suschna- die verlinkten Filme sind herrlich! Allein die Sache mit den geschwungen geschnittenen Armen und die Erklärung dazu ist toll.
    Das hängt die sewingbee in meiner Gunst locker ab :)

    • ach ach, ich mag ja beides… Aber wenn ich wählen könnte, wären mir die historischen Erklärungen auch lieber (gibts ja auch bei der sewing bee, immer mein kurzes highlight)

  3. vielen, vielen Dank für diese wunderbar recherchierten und zusammengefassten Informationen! Viel gelernt heute morgen. Bin immer wieder beeindruckt, was man mit einem Faden und viel Zeit alles so machen kann.

  4. Was bin ich beigestert, dass du das Thama für dich auf dieses Art interpretiert hast und uns gleich einen unglaublichen Bildungsbeitrag beschert hast. V&A sind einfach unglaublich, toll was die im Bestand haben. Außderdem hast du eigentlich schon fast das nächste Them mit abgearbeitet. ein herrliches Armband à la suschna ist entstanden!
    Raupengrüße von karen

  5. Ich habe es mal wieder genossen, Dich auf Dieser Zeitreise mit den Stickereien zu begleiten. Falls ich mal in London in V&A bin werde ich nach der Jacke zum Porträt Ausschau halten.
    Deiner geduldigen Stickerei mein Respekt, so ein Abtauchen wünschte ich mir auch öfters, gelingt mir nur selten.
    Auch Deine abschließenden nicht umgesetzten Ideen finde ich sehr inspirierend; vielleicht gerade weil es kein fertiges Bild dazu gibt.
    Auch die Filmlinks sind toll.
    LG Ute

  6. Bei deinem Armband habe ich spontan an Krewelstickerei gedacht, die ich jedoch nur fertig gestickt von einem Stoffanbieter kenne. Eigentlich trage ich keine Armbänder, aber an einem Teil wie deinem hätte ich Spass. Mal sehen, vielleicht … Danke jedenfalls für die interessanten Informationen zur Historie; die Filme und Links zu den Stickstichen werde ich noch eingehend betrachten.

  7. Ich guck mir das in Ruhe heute abend noch an, vor allem die tollen links, aber jetzt schon mal ein Danke fürs Zusammensuchen. Das Armband ist wirklich schön geworden! So komplett gefüllt und nicht genau vorgeplant finde ich es wirklich gelungen.
    Die Schwäche für tierische und pflanzliche Stickereien teile ich ja durchaus, jetzt muss ich wieder an das stumpwork denken, worauf du mich ja gebracht hast.
    Und der junge Herr wäre womöglich gerade im Spitzenhemd erst richtig hip in Berlin, nein?
    LG frifris

    • ja, das ist eigentlich schon der Beginn von stumpwork. Wirst du das denn als Thema wählen? Ich würde es ja gut finden, da habe ich „Blut geleckt“.
      Über das Spitzenhemd habe ich auch nachgedacht, aber dann wäre er wohl doch ein Freak. Aber was weiß ich schon von den derzeit gültige Hipster-Codes, bin außerhalb des Zentrums des Geschehens.

  8. Ich bin immer wieder beeindruckt von deinen tollen Stickarbeiten und dem vielen Hintergrundwissen. Ich werde mir deinen Beitrag diese Tage noch einmal in Ruhe ansehen, da wir erst vor wenigen Stunden von unserem Wochenendausflug zurückgekommen sind.
    LG Mirella

  9. Die Filme werde ich mir morgen angucken, erstmal Danke für den Beitrag. Ich müsste irgendwo ein Buch haben, das sich solchen floralen Stickereien, allerdings auf Bettüberwürfen, nicht auf Jacken, widmet, allerdings bin ich mir über das Jahrhundert aus dem Kopf nicht im klaren, ich schaue mal nach.
    Ob die Raupe-Schnmetterling-Motive und auch die Pflanzen gleichzeitig auch noch eine symbolische Bedeutung hatten? In der Malerei gibt es in den Zeit ja im allgemeinen keine Details, die nur dekorativ wären und ohne Bedeutung auf einer zweiten Ebene. Und da es später im viktorianischen England so eine „Blumensprache“ gab, läge es ja nahe, dass die Motive auf der Kleidung auch nicht zufällig gewählt waren. Nur so eine Idee – möglicherweise Blödsinn, oder wahrscheinlicher: du hast das alles längst erforscht und hier nur aus Platzgründen weggelassen.

    • Nee, wie du nur einen Anfangsverdacht, aber nicht weiter geforscht. Die verlässlichen STellen (V&A und so) haben nichts dergleichen erwähnt, aber da könnte man sicher ruhig noch einmal Zeit darauf verwenden. Ich wollte erst auch noch ein Kleid von Schiaparelli mit lauter Schmetterlingen zeigen, die Motive tauchen immer wieder auf, siehe auch dieses frei verfügbare Buch des MetMuseums http://www.metmuseum.org/research/metpublications/Bloom

  10. Vielen Dank für eure Rückmeldungen. Nach Durchsicht aller Beiträge tut es mir sehr leid, dass ich so vernebel bzw. fixiert auf das Raupensticken war. Es ist doch schön, wenn eine bestimmte Technik in vielen Varianten beleuchtet wird, und so ein Quilt-Chenillestück hätte ich nun auch gern.

Falls ein Kommentar nicht gleich erscheint, muss er erst freigeschaltet werden. Dann bitte etwas Geduld. Vielen Dank!

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