Meine afrikanischen Stoffe – falsch oder echt?

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Gleich drei Pseudo-Echtheitsaufkleber. Vielleicht App-Tex aus Pakistan? Die Webadresse läuft ins Leere.

Inzwischen ist es mir hier  selbst im Keller zu heiß. Das richtige Klima für afrikanische Druckstoffe aus Baumwolle, sogenannte Waxprints/Javaprints/Fancies.  Die  SS 2015 – Schau von Lena Hoschek auf der Fashion Week hat gerade wieder gezeigt, wie toll die Muster eingesetzt werden können.

In den letzten Jahren habe ich afrikanische Baumwolldrucke  im Internet, auf der Textile Art und auf Märkten gekauft und war froh, überhaupt welche zu bekommen, deren Muster mir gefielen.  Inwischen habe ich immer mal Bemerkung gehört, es gäbe „echte“ und „falsche“ Versionen dieser Stoffe.  Auf den Webkanten bei mir steht irgendetwas von „guaranteed, veritable, real“.  Zeit, sich mal näher mit dem Thema zu beschäftigen.

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Darüber, dass diese Druckstoffe eigentlich gar nicht genuin afrikanisch, sondern indonesischen Ursprungs waren und von den Kolonialmächten England und Holland in Westafrika eingeführt wurden hatte ich zum ersten Mal  hier geschrieben, andere Blogbeiträge zum Thema hier.

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Sofa zur WM, vor vier Jahren gebloggt.

Sicher ist, dass Stoffe der niederländischen Traditionsmarke Vlisco die teuersten sind und in Westafrika einen sehr hohen Status haben.

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Auf diesem Stoff steht Vlisco drauf – ob auch Vlisco drin steckt?

Ein Großteil der in Afrika angebotenen Stoffe werden aus Europa oder Asien importiert oder vor Ort – meist von Tochterfirmen europäischer Marken – produziert.

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Im Lauf der Zeit ließen viele Firmen in Asien günstiger drucken.  Asiatische Hersteller sahen die Gelegenheit und boten die Stoffe dann auch selbst auf dem afrikanischen Markt an. Inzwischen sind chinesische Produzenten dabei, prestigeträchtige europäische Marken aufzukaufen.

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Bewährt sich im zweiten Gartenjahr: Tischdecke aus Stoff der chinesischen Firma Hitarget – bis zu 50 Prozent der in Ghana verkauften Stoffe stammen von Hitarget.

Es lässt sich also nicht sagen, welche dieser Stoffquellen nun die bessere weil  „authentische“ ist. Mit Sicherheit „falsch“ sind Stoffe, die geschützte Muster kopieren oder sich z.B. mit einem gefälschten Vlisco-Label schmücken. Das heißt aber noch nicht automatisch, dass die Stoff- und Druckqualität sehr schlecht ist. Inzwischen gibt es sogar Kopien von angesehen asiatischen Labels – das „Made in“ führt also nicht weiter.

Eine gute Qualtität hat eine hohe Fadendichte, zeigt satte, leuchtende Farben, der Druck ist auf Vorder- und Rückseite gleich stark,  die Farbe wäscht und bleicht nicht aus,  der Druck ist klar.

Bei meinen Stoffen sehe ich keine großen Qualitätsunterschiede, habe aber auch noch nicht alle benutzt und gewaschen. Zwei Stücke, die ich vor Jahren auf dem holländischen Stoffmarkt gekauft habe, scheinen mir etwas dünner und gröber, weniger glatt.  Mit den Stoffen aus dem Internet (Pamoja) als auch denen vom Maybachufermarkt hier in Berlin bin ich zufrieden. (Auf dem Markt muss man die raren Stoffe allerdings erst einmal erspähen – am besten wie ich lokal versierte Nähnerds dabeihaben! Wie wäre es eigentlich mal mit einem Geschäftsmodell „Nähnerd-Marktguide“?)

Viele der Stoffe sind sehr fest und haben anfangs noch eine glänzende wachsartige Oberfläche. Afrikanerinnen mögen das wohl gern – es lassen sich daraus skulpturale Kleidungsstücke herstellen. Die Beschichtung wäscht sich mit der Zeit aus. Ich habe auch gelesen, dass manche die Stoffe „nachwachsen“, um den festen Griff, den Glanz und auch die Unempfindlichkeit gegen Schmutz zu behalten.

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Mein Kleid, hier gezeigt,  ist mir mit dem festen Stoff ehrlich gesagt ein bisschen zu hart und unbequem. Ein Rock wäre vielleicht besser gewesen.

Traditionell ist ein Stoffstreifen 6 yard (ca. 5,50 Meter) lang und liegt etwas über einen Meter breit.  In manchen Geschäften muss man gleich die ganzen 6 yard kaufen, aber meine Quellen ließen auch Abschnittskäufe zu.  Zwischen fünf und zehn Euro pro Meter habe ich bezahlt.

Hier  noch zwei weiterführende Beiträge zum Thema:   History of Dutch Wax Prints und Borrowed Ideas:  Wax Prints.  Kaufinfos für Paris habe ich in diesem Blog gesehen. Und falls eure Urlaubsroute nach Holland geht, könnt ihr ja in Helmond bei Vlisco anhalten.  Ich arbeite zur Zeit daran, unsere Reiseroute entsprechend zu manipulieren.

Wie immer freue ich mich über Zusatzinformationen. Habt ihr noch Bezugsquellen getestet?

Zum Abschluss der Link zur Modenschau und zwei passende Twittereien.

(In dem Interview erzählt Nina Hoschek, welche Probleme sie hat, Models in Größe 36 zu finden – die meisten Pofis sind leider dünner…)

22 Gedanken zu “Meine afrikanischen Stoffe – falsch oder echt?

  1. Sehr interessant! Ich finde die afrikanischen Muster so schön anzusehen, weiß aber leider gar nicht, was ich damit anfangen soll. Da ist die Hoschek-Sommer-Kollektion wirklich eine tolle Inspiration. Das Interview finde ich auch spannend, aber die Interviewerin nervt (mich)… :-/
    Liebe Grüße!

  2. Danke für diesen interessanten Einblick in weitere Stoffgeschichten. Ich habe mich bisher überhaupt nicht mit afrikanischen Stoffen beschäftigt aber hier tut sich eine neue Welt auf. Ist Dir bekannt das die in Afrika beliebten Spitzenstoffe aus Österreich kommen? Kann man hier nachlesen: http://de.wikipedia.org/wiki/African_Lace Das ist das einzige was ich bisher über Stoffe im Zusammenhang mit Afrika wusste.

    Das Gespräch mit Lena Hoschek ist auch interessant obwohl ich sie bisher als sympathisch wahr genommen habe ist in diesem Interview nicht jede Aussage sympathisch (Stichwort – ältere Arbeitslose). Schön fand ich, dass Sie sich zur Handarbeit bekennt.Und die Moderatorin ist merkwürdig.

    Planst Du was mit deinen Stoffen?
    Liebe Grüße
    Teresa

    • Ein Teil der Stoffe sind schon Kissen und Tischdecken – ich lasse die Webkanten immer dran, finde ich ganz schön. Ein Rock wäre auch noch ganz gut, oder ein Kleid, aber dann mehr eine Etuiform.
      Das mit der Spitze werde ich weiterverfolgen, vielen Dank!

  3. Ich empfehle Euch die Strecke Douenza- Timbuktu in einem afrikanischen Linienbus. Die Strecke führt „nur“ 240 km durch das Sahara-Vorland. Wenn man nach Stunden und ca. 6 Pannen den Bus verläßt, beneidet man die Männer, die nur ihre gewachsten Kleider ein wenig abschütteln, während Frau den Sand an jeder Stelle des Körpers fühlt.
    In Mali trugen fast nur Männer gewachste Stoffe, die ungefähr den doppelten Preis eines normalen Baumwollstoffes haben. Frauen waschen ihre Kleider vielleicht zu oft…
    Ich weiß, das Damaste für die gewachsten Stoffe in Freiberg gewebt werden. Da kann man ja mal in der „Nähe“ recherchieren.
    Die Malier sind sehr stolz auf ihre einheimische Textilindustrie. Dann sollte auf dem Label MOPTI stehen. Ob dort noch produziert wird, weiß ich nicht. Das hängt von der politischen Lage, diversen Bürgerkriegen und gutgemeinter, aber fehlgeleiteter Entwicklungshilfe ab.
    Margret

  4. Echtheitszertifikat hin oder her, geklaut und kopiert wird in der Branche seiot Jjahren.Wer für die Eeinheimischen produziert, wird sich an die werte auch der Funktion halten.Sehr aufschlußreich, was Margert über das Wachsen schreibt.ich hatte ziemlich gegrübelt, warum man in dieser warmen Gegend wachst, weil das ja eigentlich die Luftdurchlässigkeit mindert.
    Die Kombination der Musterungen innnerhalb eines Stoffes sind für mich immer wieder überraschend.
    Warme grüße karen

  5. Danke für die spannende Info. Ich finde die Wax Prints sehr schön und interessant. Und die Entwicklungsgeschichte ist wirklich erstaunlich. Bei vielen ist es sicher inzwischen Ware aus China, naja, so ist das leider – die Textilindustrie ist immer ein guter Anzeiger dafür, wo die Arbeit am billigsten ist und am wenigsten Ressourcen geschont werden müssen. (Und natürlich, wo es nicht alle paar Wochen – überspitzt formuliert – eine Bürgerkrieg gibt).

    Schade, dass mir so etwas so gar nicht stehen würde. Wobei, so einen Obama Wax-Print als Rock – naja, inzwischen würde ich das eher auch nicht mehr begeistert tragen…;)

    Vorher hatte ich keine Meinung bzw. war eher positiv gegenüber Lena Hoschek eingestellt, das hat sich mit dem Interview eher ins Negative verkehrt. Dafür dass sie so jung ist, ist sie beeindruckend konservativ und unbescheiden. Selbst wenn das auch dem vermutlich ebenfalls konservativ-freiheitlichen Publikum geschuldet sein mag, ist es mir nicht unbedingt sympathisch. Schade. Jetzt wäre es interessant, ein Interview mit Westwood in dem Alter zu hören :)

    Liebe Grüße und viel Erfolg beim Routenmanipulieren!

    • Ich hoffe übrigens, dass sich das heute kein Moderator und kein Gast mehr im Fernsehen erlaubt, wirklich unglaublich unverschämt und unhöflich. Beeindruckend.

      • Bewundernswert, wie Vivienne W durchhält. Vor einiger Zeit habe ich im Fernsehen eine Doku über sie gesehen, ich glaube es war „Do ist yourself“. Sie propagiert inzwischen, die alte Kleigung aufzutragen und selbstzunähen. Außerdem sind die eigentlichen Macher inzwischen eher ihr Team bzw. ihr Mann. War ein schöner Film.

  6. Sehr spannend, Danke fürs Recherchieren. Dass die „afrikanischen“ Stoffe, die eigentlich holländische aus Indonesien sind nun mittlerweile aus China kommen, wusste ich nicht – und wenn man es mal so überspitzt aufschreibt, wird auch klar, dass das Argumentieren mit „Tradition“ bei Kleidung eigentlich seit dem 19. Jh in die Irre geht, sondern dass Handelbeziehungen und aus anderen Gegenden übernommene Moden immer eine Rolle spielen. Nicht nur bei Trachten in Mitteleuropa.

  7. Sehr aufschlussreich- sowohl die Info über die Stoffe wie auch das Hoschek-Interview.

    Frau Hoschek hat sich das ja grundsätzlich schon verdient.
    Sie hat ihren grandiosen Landsmann Helmut Lang in der Aufmerksamkeitshierarche lässig abgehängt. Purismus wird abgelöst durch plakative Farben und Formen. Opulenz statt Understatement.
    Sie macht alles richtig.
    (Nur wenn sie Hosen mit Allover- Rissen macht braucht sie sich aber nicht zu wundern, dass das nicht geht. Das bringt man einfach nicht mit ihr in Verbindung. Vivienne darf das, Lena nicht)

    Ich finde sie und ihr Aufteten aber sehr typisch für die kommerzielle Modeindustrie. Wenn man da bescheiden auftritt hat man verloren.

    • Das ist wohl wahr, und natürlich kann man ein Interview vor so einem Publikum auch nicht mit z.B. einem Interview von einem Kulturkanal etc vergleichen.
      Ich glaube, ich hätte mir einfach gewünscht, dass sie in ihrer Haltung einen gewissen Gegenpunkt zu ihrer doch recht „traditionellen“ Kleidung (die ich sehr mag!) verkörpert, oder einfach ein bisschen mehr Hintergrund(info) anbietet. „It’s magic“ als Antwort zum gestalterischen Prozess fand ich jetzt irgendwie, puh, langweilig. Naja, es gibt bestimmt auch spannendere Antworten von ihr auf solche Fragen. Hoffe ich mal.

      • Haha, immerhin hat sie ja ein Tatoo…
        Nein im Ernst, ich glaube, Vivienne Westwood darf man da nicht daneben stellen, das ist eine andere Welt und ein anderer Anspruch. Da würde sich Lena Hoschek wohl auch nicht vergleichen wollen. Was sie im Interview erzählt fand ich ganz interessant, so im Hinblick auf Unternehmensgründung, Produktion etc., Viele Labels halten ja nicht lang durch.

      • Die Frage nach der Inspiration ist aber so doof, da fand ich die Antwort gar nicht so schlecht.
        Lena Hoschek hat sogar mehrere Tattoos, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Aber sowas haben Fußballer, Informatiker und das Nachbarsmädel. Das gilt nicht.
        Ihre Sachen zählen, und die treffen den Nerv der Zeit.
        Und Respekt für die Afrika-Stoffe, die hat sie perfekt in Szene gesetzt.

        (Trotzdem fändest du mich eher in einem Helmut Lang-Shop als bei der Hoschek.)

  8. Das Interview schaue ich mir gleich mal an, die anderen Inspirationen und Quellen fand ich sehr interessant. Ich war vor 16 Jahren in Westafrika, in Ghana, und habe mir auf dem größten Stoffmarkt dort etwas nähen lassen, also lange vbovor ich selbst angefangen habe zu nähen. Bislang haben mich die Stoffe nicht so sehr interssiert, aber ich merke gerade, wie es anfängt zu kribbeln. Für London hab ich einen Tip: Rund um die Middlesex Street gibt es jede Menge Stoffgeschäfte mit „afrikanischen“ Stoffen: http://talentfreischoen.blogspot.de/2011/07/london.html
    Lieben Gruß!

  9. Vielen Dank fürs Vorstellen dieser Stoffe und die links zu Frau Hoschek – ich bin total begeistert ! Hätte nie gedacht , dass diese Stoffe so toll sind !
    LG Dodo

  10. Pingback: Tansania-Kleid |

  11. Bis jetzt habe ich diese Prints auch nur auf Fotos gesehen; und letzte Woche habe ich einen Laden entdeckt, wo man sie auch anfassen und kaufen kann. War ein tolles Erlebnis, und so habe ich mir einen Coupon à 6 Yards in rot mit riesigen Paisleys drauf gegönnt. Ist allerdings nicht von Vlisco, sondern von (Phoenix) Hitarget, Bezeichnung „Super Java“. Mal sehen, was ich daraus mache

  12. Pingback: Waxprint Linkparty – zeigt her eure Kleidung – dreikah

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