Scheinäsen

Lange kannte ich zwar den Begriff der Übersprungshandlung, nicht aber dessen Bedeutung.  Wiebke hat es dann einmal ungefähr so erklärt:

„Übersprungverhalten“ ist ein wissenschaftlicher Begriff und somit nachgewiesenermaßen etwas ganz, ganz Natürliches!!  Kommt auch im Tierreich vor. Frei interpretiert aufs Nähen geht das so: Man ist hin- und hergerissen zwischen zwei sich ausschließenden Handlungen (Instinkten) wie z.B: „Weihnachtsgeschenke  liebevoll  fertig nähen wollen“ (Angriff) und „Absolut keine Lust mehr auf Weihnachtsvorbereitungen“ (Flucht) und steckt dann seine ganze (Trieb-)Energie in ein für den Betrachter völlig irrelevantes drittes Verhalten (bei Rehen z.B. Scheinäsen- so tun, als ob sie fressen würden).

Hier nun also ein bisschen Scheinäsen:

Streichholzschachteln bekleben und sich freuen, dass die Abbildungen aus Buchkatalogen genau auf eine Schachtel passen.

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Im Adventskalender die Lösung des Problems finden: Wohin mit den abgebrannten Hölzern?

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Bei Conrad Elektronik herumlungern und finden, dass Isolierband eigentlich so eine Art Washi Tape ist, nur billiger.

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Handarbeiten im Wirtschaftsteil entdecken.

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Ein bisschen in dem Buch „Von wegen heilige Nacht – Weihnachten in der politischen Propaganda“ stöbern. Letztes Jahr beim Baumfällen in Werder im dortigen Weihnachtsdekoladen gefunden.  Auch echtes Lametta gab es dort im Hofladen – man soll es nur jedes Jahr wieder vom Baum klauben, weil es bleihaltig ist. ( Couturette vermisst echtes Lametta und Miri zeigte gerade unter anderem auch propagandistischen Baumschmuck).

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Mithilfe des Buchs herausfinden, dass die geerbten angekokelten Sternenleuchter und Engel gar nicht, wie immer geglaubt, vom Winterhilfswerk des Dritten Reichs stammen. Christliche Symbolik war damals unerwünscht, man verlegte sich z.B. lieber auf Märchenfiguren.

Mein Holzschmuck kommt eher aus den 20er Jahren. Also nix Nazi, sondern doch „Weihnachten in  Bullerbü“!

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Foto: Filmausschnitt.

Nun habe ich Lust, weiter an einem Fensterstern aus Butterbrotpapier zu falten und Tannenzapfen mit Blattgold zu überziehen.

Euch auch viel Spaß beim Scheinäsen, falls ihr es nötig habt!

11 Gedanken zu “Scheinäsen

  1. Haha, ich hielt mich für die größte Scheinäserin, aber ich gaube der Titel springt jetzt zu dir über. Hast du dir verdient.
    ich habe mal im größten Streß die Idee gehabt, ein von einem Nachbarn ins Altpapier aussortiertes Volkslexikon aus den 60-er Jahren auseinanderzunehmen und alle Portraitfotos (natürlich schwarz-weiß und im gleichen Kleinformat) auszuschneiden, um sie später rigendwo alle nebeneinander hinzutapezieren. (hätten auch super auf Streichholzschachteln gepasst) Das waren schräge Fotos, alle so im Gustav-Heinemann-Stil mit großer Brille. Ich hatte fast alle ausgeschnitten bis ich dann festgestelt habe, dass in dem ganzen 1000-seitigen Lexikon mit hunderten von Abbildungen nur 4 Fotos von Frauen dabei waren. (Marie Curie, Golda Meyr, Else Lasker-Schüler, und ich glaube Marie-Luise Kaschnitz). Unglaublich, oder? Jetzt liegen die Bilder irgendwo, ich weiß nicht mal wo und ob überhaupt noch….
    LG
    Wiebke

  2. Oh, ja, Übersprungshandlungen, nicht nur meine Kinder sind Meister darin (ein sehr früh angelegter Trieb, scheint mir). Das Geniale daran ist, dass man dann ganz oft feststellt, dass die eigentlich zu verfolgende Aufgabe (= Weihnachtsgeschenke liebevoll fertigen) einen völlig zu unrecht stresst und man auch einfach was kaufen, respektive Verzicht predigen kann. Ich glaube ja, dass das Unterbewusstsein das vorher schon weiß und einem so nur quasi auf die Sprünge hilft. Nicht wahr?
    Ich, äh, geh dann auch mal ein bisschen äsen.

  3. Nee, Wiebke, da ist der Titel sofort zurückgesprungen. Und der Blogtitel auch, zu Scheinäsen, tolles Wort.
    Ich nehme an, ihr habt recht mit richtigem Instinkt = Verzicht. Eben wollte ich zum Angriff an der Nähmaschine schreiten (Kissengeschenk), aber auf der Suche nach einem bestimmten Stoff im Keller ist ein Rcyclingklamottenturm über mir zusammen gebrochen. Mein Mann hat mich zwar wieder ausgebuddelt, aber ich gehe zurück in Vermeidungshaltung, koch mir einen Kakao und ess die letzten Plätzchen.

  4. Scheinaesen kannte ich auch gar nicht und als ich „Was ist Scheinaesen“ goggelte, fand ich deinen Blog auf Position 1 in Google!!! Da sind bestimmt ein paar Tierforscher neidisch. Ich scheinaese uebrigens nicht nur zuhause, sondern auch oft auf dem Parkplatz, wenn ich verzweifelt mein Auto suche und das passiert mir staendig. Da fuehle ich mich wie ein Idiot, wenn ich 10 geschlagene Minuten bei eisiger Kaelte mein bloedes Auto suche und dabei auch noch versuche ganz selbstsicher zu erscheinen, so als haette ich alles im Griff. Auf’s diesjaehrige Weihnachten bezogen kann ich nur sagen, dass ich noch nicht ein einziges kleines Geschenkchen habe. Das sollte doch allen Mut machen ;o)

  5. Na, da hat es Wiebkes Definition aber wirklich weit gebracht, Danke nochmal.
    Totstellen finde ich auch wirklich gut. Je älter ich werde, desto mehr Vorteile sehe ich im Totstellen. Gerade Machertypen können von solchen Übungen hin und wieder sehr profitieren.

  6. Pingback: Die letzte Woche im Advent « wortmeer

  7. „scheinäsen“ ist ein herrlicher Begriff.
    Gibt es auch etwas nach der Art: Selten räume ich so gerne, flott und gut auf als wenn ich etwas ganz anderes drängend Wichtiges erledigen müsste, dass ich vor mich hinschiebe.
    ;-)
    Tally

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