Aus Alt mach Neu aus Not

                   Meine Großmutter 1946 – ihr Kleid ein Stückwerk?

 

Zeitzeugenbericht aus dem  „Kollektiven Gedächtnis“ beim Deutschen Historischen Museum:

 

Der alte Wintermantel 1946

In meinem altem Wintermantel mochte ich so nicht mehr herumlaufen. Ich trennte ihn ganz auseinander und wendete ihn. Das mußte ich an einem Wochenende schaffen, weil ich ihn täglich brauchte. Ich war nicht mehr ansprechbar, denn es dauerte lange, bis ich damit fertig wurde. Die Mahlzeiten waren mir schon lästig. Mama war mir dabei eine große Hilfe. Sie machte mir die Trennfäden alle heraus. Das hätte mir viel Zeit gekostet. Als ich dann am Sonntagabend endlich die Ärmel einnähen konnte, war ich vollkommen fertig. Mir tat alles weh, vom langen sitzen und besonders die Finger, denn ich mußte alles mit der Hand nähen. Am schlimmsten waren die dicken Stellen. Ich träumte dabei immer von einer Nähmaschine, die ich mir irgendwann auch mal anschaffen möchte. Denn schon als 9-jährige wünschte ich mir eine Handnähmaschine, die ich nie bekommen hatte. Es war meine einzige Hoffnung, daß ich sie nun als 20-jährige vielleicht irgendwo mal ergattern könnte.

Aber es waren nur Träume. Meine Näherei war immer noch mein Hobby, auch stricken und häkeln machte ich so gern nach Feierabend. Nur hatten wir leider zu wenig Material dazu. auch mit der üblichen Tauscherei war nicht viel zu beschaffen, denn jeder wollte selbst was haben um es zu verwenden. Papa malte manchmal ein Bild und versuchte es dann zu verkaufen, mein Traum von einer Handnähmaschine war nicht zu erfüllen. Papa war so begeistert von meinem gewendeten Mantel, daß er mir schon vor Freude darüber gerne eine maschine besorgt hätte Er kannte meine heimlichen Kinderwünsche und hätte mir so gern eine geschenkt. Aber es wurde nichts.

Die Mühe, den Mantel zu wenden, hatte sich gelohnt, denn jeder war begeistert davon. Auch wie mühsam er zustande gekommen war, bewunderten alle. Nur selbst machen wollte es keiner, denn dazu gehörte viel Ausdauer. Besonders, wenn man ihn nach anderthalb tagen fertig haben mußte, damit man ihn gleich anziehen kann und weil ich ihn so dringend brauchte. Meine Arbeitskollegen konnten es nicht fassen und waren ganz erstaunt, daß man so was machen kann. Ich war stolz darauf, als erste die Idee zu haben, aus einem alten einen neuen zu machen. Das war mir gelungen. Er sah wirklich wieder dunkel blau aus, und nicht mehr so verblichen. Später konnte Papa zwei Bilder für einen alten, zerschlissenen Mantel eintauschen, aus dem ich ein warmes Winterkleid machen konnte. Das war dann mein erstes, neues Kleid.

 (Eintrag von Margarete Schleede)

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Neue Schuhe gibt es nicht, für die Zehen werden die Schuhspitzen einfach abgeschnitten. Berlin 1946

 
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Aus einem anderen Zeitzeugenprojekt
Erinnerungen zum Thema Kleidung in der Nachkriegszeit
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„Welche Materialien standen zur Verfügung? Da gab es zunächst die weiße Fallschirmseide, aus der Blusen, Festkleider, Kommunionkleider und Brautkleider gefertigt wurden. Ferner wurde auf Bettwäsche und Inletts zurückgegriffen, aus denen Kinderkleider, Röcke, Dirndlröcke (wenn die Bezüge kariert waren), mit Stickerei versehene Sommerkleider und Unterwäsche genäht wurden. Vorhänge eigneten sich gut für Röcke, Kostüme und Mäntel, ebenso die Armeekleidung. Aus den Militärwolldecken und Pferdedecken gab es Blousons, Jacken und Mäntel, wobei oft die Borte eine besondere Verwendung fand. Auch ließ sich der graue Stoff gut einfärben, wie überhaupt das Einfärben eine besondere Rolle bei der Weiterverwendung von Textilien spielte. Besondere Erwähnung fanden hier die Bubenhosen, für die braunes und rotes Fahnentuch entsprechend farblich verändert wurde. Alte Kleidung war auch ein ganz wichtiger Faktor: Sie wurde aufgetrennt, gewendet und gefärbt, vor allem die Bleyle-Sachen. Strümpfe und weiße Strickwaren, wenn aufgetrennt, waren der Lieferant für Strampelhosen. Ansonsten galt für die alte Sachen: Aus eins mach zwei.

Aber es gab da auch noch alte Jute- und Zuckersäcke, die der Garngewinnung dienten. Besonders begehrt waren die glänzenden Fäden, mit denen die Zuckersäcke durchwirkt waren, denn die langen Stücke, herausgezogen und verknotet, ergaben verstrickt weiße Festtagsstrümpfe.

Dann waren da noch die beigen, nicht wattierten Schlafsäcke, die man, farblich unverändert, zu Anoraks und langen Jacken verarbeitete. Ähnliches fertigten die Schneiderinnen auch aus Materialien aus besiegten Ländern. An diese war jedoch nur durch Beziehungen, Tausch oder Kauf zu kommen. Für die meisten ein schwieriges Unternehmen.

Wer Beziehungen zum Krankenhaus hatte, besorgte sich Baumwollwatte. Versponnen und verstrickt konnte daraus Unterwäsche entstehen, ebenso wie aus Verbandsmull „Bändchenpullover“ gestrickt werden konnte. Auch hierbei war das Aufziehen und Neuverstricken ein gewichtiger Vorgang.

Da zu jener Zeit bei uns noch die Schafhaltung von Bedeutung war, gab es an den Zäunen der Pferche und Weiden dicke Wollflocken zu „ernten“. Dieses gesammelte, hochwertige Material fand seine Verwendung in wärmenden Füllungen für Kleiderfutter oder wurde ganz einfach mitgestrickt, um z.B. wärmere Handschuhe zu erhalten.

Dann gab es da noch die eingelagerten Stoffe, vornehmlich in Eisenbahnwaggons. Je nachdem ob es sich um Windelstoffe oder festere Webwaren handelte, wurden daraus mit Stickerei versehene Kleidungsstücke hergestellt, Bettwäsche oder sogar Bikinis im damaligen Stil. In einem Ulmer Vorort landete so ein Waggon mit blau/weiß kariertem Baumwollstoff Es gab kaum etwas, was nicht daraus hergestellt wurde, und das Dorf lief mehr oder weniger im gleichen Dekor herum.

Zu erwähnen wäre noch, dass aus 10 Hasenfellen 1 Hut wurde, Turbane aus Schals entstanden und Röcke oft aus bestickten Putzlappen oder Handtücher kreiert wurden. Der modische Einfallsreichtum bei begrenztem Materialangebot war ungeheuer.“

Frau beim Schuheflechten aus Stroh, 1946 

 

Nachtrag 9.2.: Links zu Exponaten des Deutschen Historischen Museums

Frauenmantel aus Militärdecke

Damenkleid aus Stoffresten

Hose aus Papier (1916/17)

Kinderleibchen aus Papier (1916/17)

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8 Kommentare

  1. Danke für diesen Beitrag und den Link. ich kenne auch einige solcher Geschichten aus Erzählungen und von meiner Großmutter habe ich irtgendwo ein oder mehrere Hefte aus dieser Zeit mit dem aufschlußreichen Titel “ Alles verwenden, nichts verschwenden“ Ich muß mal auf Suche gehen, dann kann ich es zeigen. Passt ja so schön zum Thema.
    Wiederverwendbare Grüße von Karen

  2. So detailliert habe ich noch nie vom „Wenden“ von Kleidungsstücken gelesen – Danke fürs Finden, ich konnte mir bisher nicht so recht vorstellen, wie das funktioniert haben soll. In einem meiner Nähbücher aus den frühen 60er Jahren ist sogar noch eine Anleitung, wie man Kragen und Manschetten von Herrenhemden wendet, in einem anderen ziemlich viele Vorschläge, wie man aus zwei Kleidern eins machen kann – ich glaube wirklich, deine Großmutter trägt auf dem Foto sowas. Ich werde das im Blog nach und nach vorstellen, aber sehr dosiert, das Thema finde ich nämlich interessant, aber auch zutiefst deprimierend. Mal sehen ob Karen diese Hefte wiederfindet.

    viele Grüße!

  3. Eure Funde würden mich auch interessieren. Ich finde das Thema inzwischen hauptsächlich spannend, gar nicht mehr so vorrangig deprimierend. Das alles ist ja nun doch schon so lange her, dass wir es inzwischen als sportliche Herausforderung (oder nachhaltiges Verhalten) empfinden, aus Alt Neu zu machen. Die Nachkriegsgeneration könnte wahrscheinlich nicht so unbefangen vorgehen. Ich freue mich drüber, dass langsam eine Zeit kommt, in der man sachlicher an diese Zeit herangehen kann.

  4. Vielen Dank für diesen interessanten Post! Echt beeindruckend, wie kreativ mit der Materialknappheit umgegangen wurde. Das verspinnen der Krankenhauswatte stelle ich mir schlimm vor… Baumwolle spinnen mag ich gar nicht gerne und die Watte war bestimmt sehr kurzfaserig= mühsam zu verspinnen.

    LG Mirjam

  5. Toll! Schöne Beispiele dafür, dass Kreativität besonders in solchen Zeiten voll erblüht!
    Ich hab ein Buch über Papiertextilien, darin sind Beispiele von Unterwäsche u.ä. aus Papierschnur, z.T aus dem Historischen Museum in Berlin, aber auch aus anderen Museen.
    Ich denke,das Gefühl für Nachhaltigkeit, aus dem heraus wir versuchen zu handeln, kann auch sehr schöpferische Prozesse in Gang setzen!

  6. Solche Geschichten erzählt mir meine Mum auch immer mal wieder. Ist schon irgendwie beeindruckend und bedrückend zugleich. Man kann sich das heutzutage gar nicht mehr so richtig vorstellen……..
    Liebe Grüsse aus Neuseeland
    Christine

  7. Den Bericht des „gewendeten“ Mantels von Hand genaeht ueber’s Wochenende ist sehr beeindruckend. Aber das Bild mit den Kinderfuessen in den „Sandalenschuhen“ ist am beruehrendsten. Ich muss mal nachforschen, ob es gute Referenzen gibt, was die Amerikaner/innen in der „Great Depression“ genaeht haben (ausser Kleidern aus Futtersaecken).
    Vielen Dank fuer diesen interessanten Post.

  8. Ich finde es vor allem wichtig, solche Begebenheiten zu veröffentlichen.
    Wir hatten vor einigen Jahren schon einmal die Diskussion, auf deinem Blog oder einem befreundeten.
    Der Zusammenhang, war meiner Erinnerung nach, das „moderne“ Löcher schneiden in Stoffe und auch das als „neu“ entdeckte Umwandeln von Kleidung.

    Ich selber habe ja viele meiner Kinderkleider aus den Kleidern von Erwachsenen genäht bekommen, aber meine Mutter hatte schon eine Nähmaschine.
    Bei Gelegenheit werde ich sie fragen, wie es ihr kleidungsmäßig gegangen ist. 1946 war sie 16, eine Zeit, in der die jungen Frauen ja absolut in Modelinie sein wollen.

    Der Wendemantel war sicher nicht nur mühsam zu machen, sondern die Frau wird vermutlich dabei gefroren haben, wahrscheinlich sogar Hunger gehabt haben.

    Tally

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