Zeitreise

Ein Rock nach einem circa 70 Jahre alten Schnitt.  (Die Gerhard Richter-Optik ist eine Spezialität meiner Fotografin). 

Alles fing damit an, dass ich vor zwei Tagen dieses Buch im Bücherschrank fand. Ich hatte es völlig vergessen.

 

Das Buch, geschätzt aus den 40er Jahren, enthält über hundert Schnittabbildungen für Damen-, Herren- und Kinderkleidung.

Zum Vergrößern der Schnitte ist ein Maßband erforderlich, das man an einem Punkt auf der Schnittkarte feststeckt und dann, den Angabe auf der Karte folgend, auf Schnittpapier überträgt. Der Punkt auf dem Maßband richtet sich nach dem Brustumfang (für Oberteile) oder Hüftumfang (für Röcke etc.).  Dieses System der Firma Lutterloh gibt es auch heute noch.

Eigentlich braucht man dazu ein spezielles Maßband, aber ich habe mir einfach aus dem Buch notiert, wo meine Punkte liegen und sie auf ein normales Maßband übertragen.  Zum Ausprobieren habe ich mir einen unkomplizierten Rockschnitt ausgesucht.

Was soll ich sagen – es hat geklappt!  Das Verfahren ist einfach, allerdings muss man damit leben können, nur die äußeren Umrisse eines Schnitts ohne irgendwelche Angaben zum Nähvorgang, zu Verblendungen, Verstärkungen, Futter und Verschlussmöglichkeiten zu haben.

Das summarische bzw. selbständige Vorgehen war in meinem Fall besonders notwendig, weil ich versehentlich das Vorderteil zweimal zugeschnitten hatte und der Stoff verbraucht war. Aber mit ein wenig Probieren und experimentellen Abnähern entstand dann aus den zwei Vorderteilen diese Version.

Warum der Rock so verknittert aussieht? Ich hatte den Stoff (angeblich Wolle) vorher heiß gewaschen, und nur die Karostreifen hatten sich zusammengezogen – die senfartige Grundfarbe beult sich daher. Das alles finde ich nicht so schlimm, denn ich werde den Rock wohl nur als „Hausrock“ tragen.  Er ist sehr gemütlich, die hohe Taille gefällt mir und ich hätte Lust, ihn noch einmal in festerem, glatteren Stoff zu nähen.

Für die Anpassung der Reißverschlussfarbe habe ich wieder Filzstifte genommen. 

 

Das Buch bietet noch viele Möglichkeiten (wobei die Wespentaillen natürlich in die Irre führen).

Hier links in grün sieht man einen Hausmantel, der auch als Abendkleid genäht werden kann. Ganz nach meinem Geschmack.

Und um den Bogen zum letzten Blogeintrag zu schlagen: Es gibt auch Modelle für die Umarbeitung vorhandener Kleider, so wie dieses zweifarbige Kleid hier.

Für den Sommer ein kleines Tanzhöschen? Nicht nur für die Schnitte, sondern auch kulturgeschichtlich ist das Buch eine schöne Fundgrube, die ich mir jetzt erst einmal in Ruhe erschließen muss.

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16 Kommentare

  1. Fantastisch ist deine Experimentierfreude! Außerdem sieht der Rock wirklich sehr bequem aus, besonders auf dem 3. Bild der vierer Reihe. Eine sehr schöne Rock-Form. Ich plädiere für ein Rock-Projekt im Nähkränzchen!

  2. Genial, dass es tatsächlich klappt! Seitdem ich auf einer Hobbymesse mal eine Vorführung dieses schnittsystems gesehen hatte, die ungefähr so ablief wie bei Gemüsehobeln und Fleckentfernern, hatte ich ja doch Zweifel, ob das ganze nicht auch in die Kategorie „überteuertes Pseudo-Wundermittel“ fällt. Mit den alten Schnittvorlagen ist die Sache noch dreimal reizvoller. Ich hoffe du machst weitere Versuche – und schon mal gut zu wissen, dass man das spezielle Maßband gar nicht braucht, das ist ja sozusagen das Geschäftsgeheimnis…

  3. Der Rock sieht prima aus und diese Kräuselwollware ist genau richtig. Dabei entsteht dann auch immer viel mehr Lebenszeit, statt Bügeln. Ich wollt es wär schon Sommer, ….insbesondere um dich ín dem praktischen Tanzhöschen im Garten werkeln zu sehen-Ha!
    Im letzten Beitrag mit den Zeitzeugenprojekten habe ich schon viel gelesen. Toll, dass man in das Archiv so bequem von zuhause eingucken kann. Bei mir setzte sich dann über das Gefühl der Bedrücktheit einfach ein Interesse. Es handelt sich bei diesen Berichten um die Generation meiner Eltern(geb. 1916 und 1924). So sind mir viele Schilderungen noch sehr präsent, z. B. ermunterte mich meine Mutter zu jedweden schneiderischen Experimenten u. a. tiefere Ausschnitte und mehr Einblicke, ulkigere Stoffe. Lautete ihr Urteil aber: „zu sackartig “ lautete , war Schluss mit lustig.
    lg Carmen

  4. Meine Großmutter, Schneiderin, liebte den Goldenen Schnitt und meine Mutter sprach auch in den höchsten Tönen davon.
    Der Rock sieht gut aus und die Gehard Richter Optik ist super gelungen(ich habe die Austellung in der Albertina gesehen vor ein paar Jahren)
    Die Modell schauen doch ganz so aus als könnte man das eine oder andere auch heute noch nähen und tragen mal von dem Tanzhöschen (für welchen Tanz?)abgesehen. Und Röcke die Taille in der Taille haben sind sowieso schon ein Gewinn. Hosen mit guter Paßform wären auch klasse.
    Liebe Grüße
    Teresa

    • Weißt du zufälligerweise, ab wann das System der goldene Schnitt hieß? In meinem Buch wird der Begriff noch nicht verwendet. Ich würde das Buch so gern zeitlich einordnen. Jedenfalls ist es noch nicht aus einer Zeit, wo Frauen Hosen trugen (außer zum Sport). Leider, ich hätte auch gern einen Hosenschnitt von früher.

  5. ich bin im Besitz des Buches „Der Goldene Schnitt“ von 1950. Darin befindet sich auch noch das legendäre Maßlineal. Ein wahrer GuteLaune -Hort sind die Ratgeber auf den ersten Seiten, was Richtig Angezogen vom Morgen bis zum Abend, und die Goldenen Ratschläge für jede Frau, gibt Sicherheit und Lebensfreude und verschönt die Züge. Durch vernünftige Ernährung für geregelte Verdauung sorgen….mit freudigem, leuchtenden Blick und Scharm ihre Umwelt erfreuen…usw. Das geht so nahtlos weiter bis“Kleine Winke und Hinweise“ ins Schneiderhandwerk. Toll. Ich muss jetzt weiterblättern bis zum Tanzhöschen, bei mir solls auch endlcih Sommer werden.
    Carmen

    • Oh, das ist ja super, dann können wir ja mal abgleichen. Also ist mein Buch jedenfalls von vor 1950, das hatte ich auch geschätzt.

  6. Meine Mutter war passionierte „Goldener Schnitt“-Näherin. Sie hatte das im Abo (vierteljährlich?) und ich gäbe was drum, herauszufinden, wo im Elternhaus das Zeug gestapelt ist. Eine oberflächliche Suche vor ein paar Jahren brachte nichts.
    Irgendwann, ich tippe mal auf Mitte der 70’er , kam dann die „Neue Mode“ ins Haus geflattert. Die haben wohl die Kundenkartei übernommen und so bekamen wir ein paar Jahre die Monatszeitschrift als Ersatz.

    Ich finde es echt beeindruckend, wie ihr in Berlin euch die Bälle zuspielt und euch gegenseitig inspiriert.
    Da werden ‚zig Schnittteile ausgedruckt und beschnippelt, originale Schnittbögen aus den 50ern nachgenäht und du nähst jetzt sogar aus schrägen Büchern aus der Zeit mit noch schrägeren Vergrößerungsmethoden.
    Und es ist tragbar!
    Unglaublich.

  7. Kann das Buch vielleicht von 1956 sein, in diesem Jahr ist eine neue Auflage erschienen mit dem gleichen Deckblatt. Steht die Auflage im Buch ?

  8. Wünschte ich würde mich ernstlich an Tragbares trauen (+ kaufte heute optimistisch etliche m hellgrauer Baumwolle – bei Babie lato, gefällt mir, der Laden…) – wünsche gutes Gelingen mit dem Schulwebrahmen… P.S. wollten wir uns nicht mal treffen…?!

  9. Ich habe das Lutterloh Schnittsystem, aber kein Maßband. Könnte mir jemand die Seite aus dem alten Buch kopieren? In den neueren ist leider keine Abblidung.

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