Ausstellungsberichte und mehr – Kurzwaren Nummer 23

weben handtuchHandtuch handgewebt

1. Textile Art

Ein Häuschen mit Zaun in einer Steppe – das sehe ich in diesem Tuch, gekauft auf der Messe Textile Art in Berlin, und zwar bei der Mitmachaktion „Weben wie in Westafrika mit Ibrahim und Koho von der Elfenbeinküste“. Das Küchentuch, zusammengenäht aus drei Webbahnen, hängt nun bei mir als Kunst an der Wand.

Ebenfalls auf der Textile Art dabei:  Stefanie Gruber mit gestickten und applizierten Stoffbildern,  deren Entstehung man auf ihrem Blog nachvollziehen kann .

stefanie gruber

Beim Stand eines privaten Museums für textile Kunst in Hannover gefielen mir vor allem die Kleidungstücke aus antiken Tischdecken auf, die die Inhaberin und Modedesignerin Erika Knoop schneidert. Frau Knoop sucht auch noch Interessenten, die die Sammlung ihres Museums übernehmen würden.

tischdecken kleider

Bei dem Afghanischen Stickprojekt habe ich auch wieder zugeschlagen – links ein Dampfkochtopf, aber rechts? Ein Küchengerät, über das man (wie schon auf Instagram) nur spekulieren kann.

instasuschnajuni

Gudrun Leitners großes Wandbild aus Stoff sprang sofort ins Auge.

gundrun leitner 1

Auf ihrer Webseite ist ihre spezielle Applikationstechnik im Detail zu sehen. Diese vermummten Köpfe sind ebenfalls von ihr:

gudrun leitner 2

 

2. Frauen und Kopfbedeckungen

Um Verhüllungen geht es auch in der Sonderausstellung „Cherchez la femme“ im Jüdischen Museum Berlin (noch bis 27. 8. 2017).  Die Bedeutung weiblicher Kopfbedeckungen wird für alle Glaubensrichtungen thematisiert.  Sehr gut und übersichtlich gemacht!

Unter anderem kam für mich mehr Licht ins Dunkel zu meiner Beobachtung über die Mode  jüdisch-orthodoxe Frauen in New York.  Ich schrieb damals: „Die oft erstaunlich jungen Mütter bedeckten ihr eigenes Haar mit Perücken und trugen insgesamt einen Look, der betont an die 50ties erinnerte“.

cherchez la femme 1

Die Sache mit der Perücken zeigt das Museum genau und erwähnt auch die modische Variante, die es der Chabad-Bewegung zurechnet. Das sind für Außenstehende natürlich undurchschaubare Welten, und so geht es Menschen wie mir, die aus einem christlichen Kulturkreis kommen, auch mit dem Islam.  In der Ausstellung heißt es zum Hijab: „Am Stil der Kopfbedeckung lassen sich ethnische Herkunft und religiöse Orientierung innerhalb des Islam ablesen. Auch Familienstand, Bildungsgrad und die persönliche Auslegung der heiligen Schriften können Eingeweihte am Kopftuch erkennen“.  In Berlin fallen mir viele Varianten des islamischen Kopftuchs auf, aber dekodieren kann ich sie nicht.

cherchez la femmeVerhüllungen durch alle Religionen hindurch

Was mir in der Ausstellung nicht gefallen hat, war die prominente Wiederholung einer Legende: Angeblich wurde im letzten Sommer an einem Strand in Nizza eine verhüllte Frau von bewaffneten Polizisten gezwungen, mehr nackte Haut zu zeigen. Ob die Geschichte überhaupt stimmt oder nicht vielleicht sogar inszeniert war, ist nie aufgeklärt worden. Das Burkini-Verbot wurde außerdem sofort vom obersten Gericht in Frankreich gekippt.  Diese Klischees hätten in einer so guten Ausstellung daher nicht verfestigt werden sollen.

 

3. Ausstellungshinweise

Neue Ausstellungen im deutschsprachigen Raum:

Dazu die bereits in  den letzten Kurznachrichten aufgelistete Ausstellungen im deutschsprachigen Raum:

Zur Ausstellung „Glanz und Grauen“ in Augsburg hat KaZe gerade in ihrem Blog berichtet. Über Münchens Divine X Design schreibt Siebensachen. In Heidelberg bei der Quiltausstellung Color Improvisations 2  war Redwork in Germany.

 

4. Filmtipp

Richtig schön, vielleicht ja auch bei euch noch im Kino: Dries, Doku über den Modedesigner Dries van Noten. Nahtzugabe hat den Film besprochen.

 

5. Neugründungen

Wenn ihr einen Kunstkurs sucht oder selber einen anbieten wollt, könnt ihr euch die neue Webseite Finde-deinen-Malkurs ansehen. Das Paar dahinter kenne ich, die Idee finde ich sehr gut. Die beiden suchen ausdrücklich auch Anbieter für Kurse zu textilem Gestalten.

Noch eine gute Idee: Der gerade in Berlin gegründete Verein Bis es mir vom Leibe fällt e.V.  kümmert sich um den kreativen Umgang mit gebrauchten Textilien. Es gibt Workshops, eine offene Reparaturwerkstatt und Kleidersprechstunde, neue Mitglieder sind sehr erwünscht.

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Allen ein schönes Wochenende!

Rätselhafte Redensarten – Wer wusch die Wäsche der Soldaten?

Am Rockzipfelfrage1

Nachdem ich euch Am Rockzipfel vorgestellt habe, will ich auf einige inhaltliche Dinge einzugehen. Bei der Recherche für das Buch hat mich immer wieder umgetrieben, dass über die Herkunft  einiger Redensarten scheinbar unausrottbare Legenden kursieren. Von Sammlung zu Sammlung werden die – meist unterhaltsamen – Geschichten  weitergegeben, ohne dass sich offenbar jemand die Mühe macht, sie zu überprüfen.

Eine dieser Legenden habe ich gerade wieder gehört, daher kommt sie hier nun zuerst auf den Prüfstand. Und zwar geht es um „Dumm aus der Wäsche gucken“.

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Der Ausdruck soll aus der Soldatensprache kommen. Die Geschichte dazu geht ungefähr so: Im Zweiten Weltkrieg gab es sogenannte „Wäschesoldaten“, deren Aufgabe es war, durch die Linien zu fahren und schmutzige Wäsche einzusammeln. Da für diese einfache Arbeit eher einfältige Männer ausgesucht wurden, schauten diese dann dumm aus den Wäschebergen.

Die Erklärung konnte ich aber nicht mit in mein Buch aufnehmen:

  • Für die Existenz sogenannter „Wäschesoldaten“ fand ich keine Belege.
  • Der Ausdruck „dumm aus der Wäsche gucken“ ist erst ab 1980 wirklich verbreitet (edit: in gedruckten Publikationen. Mündlich schon früher, z.B. in einem Buch von 1950 als wörtliche Rede. 1976 ist die Wendung im Buch „Moderne deutsche Idiomatik“ gelistet). Gleichzeitig gibt es auch Varianten wie „fröhlich aus der Wäsche schauen“.
  • Standardwerke zu Redensarten enthalten die Wendung oft nicht – vielleicht weil der Ausdruck so relativ neu ist?

Ich wette, bei euch ist die Geschichte aber nun nach meinen Worten schon so im Kopf verankert, dass ihr die Wäschesoldaten nicht vergessen werdet. Die langweiligere Erklärung, die ich plausibel fand, und die deshalb so ein mein Buch gewandert ist, kommt dagegen nicht an:

Dumm aus der Wäsche gucken
Bei Verblüffung oder Enttäuschung guckt man dumm aus der Wäsche, bei Niedergeschlagenheit auch mal traurig. Weitere Varianten wie ›dumm aus dem Anzug gucken‹ zeigen, dass die Wäsche hier allgemein für Kleidung steht. Der verblüffte Mensch versinkt quasi vor Überraschung in seiner äußeren Hülle. Er könnte auch vor Verblüffung aus den Latschen kippen.

(aus: Am Rockzipfel, S. 116)

Die schmutzige Soldatenwäsche habe ich im Text absichtlich nicht erwähnt – auch auf die Gefahr hin, dass nun jemand mit Besserwisserlust in das Buch schauen und sagen wird: Ha, das stimmt nicht! Das kommt von den Wäschesoldaten!   Mythen zu bekämpfen ist nämlich unglaublich schwer, wie wir es ja in Medien und Politik im Moment überall erleben. In dem Moment wo man sagt: „Es stimmt nicht, dass…“ muss man ja die falsche Behauptung erst einmal wiederholen, und – zack – verfestigt sie sich im Kopf des Gegenübers.

Eerste Wereldoorlog, uitrustingAusrüstung eines englischen Soldaten im 1. WK (mit niederl. Beschriftung)

Davon unabhängig wollte ich aber nun natürlich wissen: Wie lief Wäschewaschen denn im Weltkrieg ab?

Mein Großonkel Heinz, der 1938 als Abiturient zum Dienst eingezogen wurde, schickte seine schmutzige Wäsche immer im Paket nach Hause und bekam dann saubere von dort zurück. Das weiß ich aus seinen Feldpostbriefen. Als ich sie vor ein paar Jahren transkribierte, ließ ich diese ganze Wäschekorrespondenz weg, sie schien mir belanglos. Dabei ist das Gegenteil der Fall! Wer hätte gedacht, dass mitten im Zweiten Weltkrieg massenweise Wäschepakete hin- und hertransportiert wurden, die offenbar auch genauso schnell ankamen wie Pakete heute.

lauandry

1943 liegt Heinz in einem Lazarett in Buer/Westfalen (wegen einer Beinverletzung aus einem ganz normalen Motorradunfall an einer Straßenkreuzung) und schreibt am 17.10.1943:

Ich danke Euch für den Brief vom 14. und für das Paket mit der Wäsche. Ich brauche die Hemden noch nicht, liebe Mutter; schicke mir bitte in Zukunft nur dann Wäsche, wenn ich darum bitte. Ich möchte nicht zuviel Wäsche hier herumliegen haben. Ich habe heute morgen ein kleines Paket mit Wäsche abgeschickt. Ich möchte nicht mehr so viel Wäsche im Lazarett waschen lassen, da ich zu leicht die Übersicht darüber verliere und niemand bei Verlust verantwortlich machen kann, da es allgemein als große Gefälligkeit angesehen wird, die man mir mit dem Waschen hier erweist.

dsc01482Heinz mit Krücken

1944 geht es dann endlich ostwärts in die von ihm heiß ersehnte Frontnähe (ja tatsächlich, der 25jährige Leutnant langweilt sich). Im September schreibt er aus der Provinz Posen (heute Polen):

Ich bitte Euch also um folgendes:

1 Pullover (nicht die Pelzweste!)
1 Paar Handschuhe, den schwarzen Schal
1 Paar Hosenträger
1 Butterdose
Etwas Warmes zum Trinken!
Etwas zum Rauchen.
1 Paket Waschpulver
Ich glaube, das wäre wohl alles. Wäsche brauche ich noch nicht. Ich habe noch 6 saubere Unterhosen, genug Oberhemden und auch die langen Unterhosen. Ich will außerdem sagen, daß ich meine Wäsche hier waschen lassen kann, denn auf die Entfernung ist das Nachhauseschicken doch nichts. Habt Ihr übrigens das Paket schon von mir erhalten mit meinem Anzug? Ich habe es noch am letzten Tag von Buer abgeschickt. –

…..Schickt das Paket bitte an: Amsee, Kr. Hohensalza, Warthegau. Am besten ist wohl per Expreß.

„Dass ich meine Wäsche hier waschen lassen kann“ – es gab also auch eine Möglichkeit, vor Ort zu waschen. Waschpuler brauchte er aber dennoch.

Bilder zum Thema habe ich eher aus dem Ersten Weltkrieg gefunden, so zum Beispiel dieses Foto von Neuseeländern in Frankreich, die offenbar zentral die Socken waschen.

Soldiers washing socks during World War I, Bus-les-artois, France (20659415884)

Bei so einer Kollektivwäsche bekam dann jeder Soldat irgendwelche sauberen Socken ausgehändigt – also nicht sein eigenen. Socken waren wichtig, denn sie dienten dem Schutz der Füße, dem lebensnotwendigen Transportmittel. Ansonsten zeigen die Fotos immer Männer, die ihre Sachen selbst waschen, sei es wie hier  in einer Schüssel oder in einem Fluss oder See.

A New Zealand soldier doing his washing at Chateau Segard, World War I (21092971650)

Auch heute noch läuft das so ab, hier z.B. eine Wäscheleine britischer Soldaten in Afghanistan.

Washing Line of Uniforms in Afghanistan MOD 45150637OGL

Das alles gibt ein falsch-friedliches Bild ab und bezieht sich natürlich nicht auf hart umkämpfte Frontlinien. Dort war an Dinge wie Wäschewechseln, geschweige denn Wäschewaschen, nicht zu denken. In einem Armeeforum erinnert sich ein US-Veteran an das Leben im Krieg:

„Everything except what you were there to do, became very secondary, so secondary you can hardly remember doing it!“

kleider-desinfizieren

Wichtig war auch die Bekämpfung von Ungeziefer, wie auf diesem Foto von ca. 1910. In Döberitz/Brandenburg wird laut Bildtitel Kleidung „desinfiziert“.

Eine Art Wäschesoldaten habe ich am Ende doch noch gefunden. In den USA gab es im Zweiten Weltkrieg „laundry men“, die auch an der Front Wäsche einsammelten und verteilten. Das waren dann sehr gefährliche Jobs, wie in diesem Artikel beschrieben.

Wer Spezialwissen zu diesen Themen hat, wie immer gern her damit. Das Terrain scheint noch ganz unerforscht.

coats

Vor 200 Jahren löste die österreichische Militärführung das lästige Problem übrigens so:

Ein Theil der Commandierten kann verheirathet seyn, damit ihre Weiber für die Compagnie die Wäsche besorgen.

(Militär-Abhandlung von 1821)

Strandfoto Teil II – dem Rätsel nachgespürt und Kuchen gebacken

NisdroyPostkarte 001bearb(800x512)

Zehn junge Frauen liegen für ein Mittagsschläfchen im Sand von Misdroy, einige tragen Schirmmützen – was ist da los? Hier nun die Fortsetzung zu Auf den Spuren eines Strandfotos – Recherchereise nach Polen. Wir hatten schon spekuliert, was für eine Szene das wohl sein könnte. Sind die jungen Frauen berufstätig? Vielleicht bei der Bahn oder in der Fährschiffahrt? Von wann könnte die Aufnahme sein? Gehen wir ins Detail:

1. Der Hintergrund

Strandkörbe gab es an den deutschen Küsten ab 1870, dazu steht mehr beim Strandkorb-Rätsel aus dem letzten Jahr. Ist der Steg im Hintergrund des Fotos vielleicht die Seebrücke, durch die Misdroy  ab 1885 an den Schiffsverkehr Anschluss fand? 1914 wurde sie zerstört und erst 1921 wieder aufgebaut, das würde bei der Datierung des Fotos helfen. Der holzverschalte Steg kann aber leider nicht die Seebrücke sein, die sah sowohl vor 1908 als auch später ganz anders aus, war offen gestaltet. Die Holzverschalung und die Treppen nah am Wassersaum deuten vielmehr darauf hin, dass es sich um die Abtrennung eines Badebereichs handelt, vielleicht des Herrenbades (Postkarte von 1912), das es auch schon vor 1900 gab.  Familienbad, Herrenbad, Damenbad – solche Strandabteilungen waren damals in den Küstenorten  üblich. Vor allem im 19. Jahrhundert wurde noch streng nach Geschlechtern getrennt gebadet.  Die Umkleiden, der Steg, die Treppe ins seichte Wasser – alles war mit Holz oder Planen vor Blicken geschützt, denn man ging teilweise noch nackt ohne Badeanzug ins Wasser.

2.  Die Kleidung

Die Mehrzahl der Frauengruppe trägt bodenlange dunkle Röcke und weiße hochgeschlossene Blusen – so sah die Alltagskleidung der Frauen um 1900 aus. Dieser Einheitslook  war für junge Frauen damals das, was heute Jeans und T-Shirt sind.

berlinerleben-1898fecht1898, Fechtclub (Berliner Leben)

Auf dem Fechtclub-Foto von 1898 sehen die Ärmel der Bluse noch sehr hammelkeulenartig aus – beim letzten Rätselfall hatte ich ja gezeigt, dass diese im oberen Bereich sehr aufgeblähten Ärmel ab 1872 in Mode kamen. Bei unseren Damen am Strand aber fallen die Ärmel – soweit man das sehen kann – gemäßigter aus, zum Teil bauschen sie sich auch eher nach unten hin.

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Solche verschiedenen Ärmelformen nebeneinander sieht man auch bei den Berliner Wäschenäherinnen auf dem Foto unten von 1906. Ich tippe daher darauf, dass das Strandfoto jedenfalls nach 1900 aufgenommen wurde.

1906 arbeithaus1 (3)1906, Berliner Leben

Die Frisuren der Wäschenäherinnen passen auch zu denen auf unserem Strandfoto – hochgesteckte Haare, zu Rollen toupiert und mit einem Knoten auf dem Kopf. Dieser puffige Look hielt sich ab 1890 über zwanzig Jahre, wie man sehr schön bei den Baskteballteams sehen konnte.

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Dieser Ausschnitt zeigt, dass auf dem Strandfoto noch Korsett getragen wird und unter den dunklen Rock natürlich ein weißer Unterrock gehörte. Zwei Damen in einem Strandkorb im Nachbarort Zopott sehen 1911 ganz ähnlich aus wie unsere Frauen in Misdroy:
berlinerleben-1911zopottZopott 1911, Berliner Leben

3. Die Hüte

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Kopfbedeckungen: 4 Strohhüte und 6 Schirmmützen für 10 Köpfe. Die flachen Strohhüte waren als Kopfbedeckung für Frauen Anfang letzten Jahrhunderts durchaus üblich. Diese Art Hut hatte viele Namen –  Kreissäge, Butterblume, Boater, Matelot u.a. –  und gehörte ursprünglich zur Sommeruniform von Matrosen. Um die Jahrhundertwende wurden sie dann vor allem für Männer ein modisches Muss.
berlinerleben-1912  1912, Berliner Leben

Schirmmützen aber sind für Frauen damals eher ungewöhnlich. Sind sie vielleicht Dienstmützen? Als ich das Foto zuerst sah, dachte ich sofort: Das ist bestimmt eine Szene aus der Zeit von 1914/18, denn wie schon bei „Hosen an der Heimatfront“ gezeigt, übernahmen während des 1. Weltkriegs Frauen vielfach die Arbeit der Männer und damit auch Elemente deren Kleidung.

polizistinKontrolleurin Berlin 1915-20

Auf die Zeit 1914/18 möchte ich das Strandbild aber nach vielen Vergleichen mit anderen Strandfotos nicht datieren, das scheint mir zu spät.  Die doch noch sehr hoch liegenden Taillen und die Frisuren sprechen dafür, dass das Foto eher früher aufgenommen ist. Wie bei der Kontrolleurin schön zu sehen ist, sitzt die Kleidung in der Kriegszeit schon lockerer. (Außerdem hätte es in dieser Zeit in Misdroy gar keinen regulären Schiffsverkehr gegeben, denn die Seebrücke war ja von 1913 bis 1921 zerstört.  Eisenbahnanschluss gab es dagegen schon seit 1899.)

Wenn das Foto aber vor dem 1. Weltkrieg aufgenommen ist, wofür die Kleidung spricht, dann wären Uniformmützen als Arbeitskleidung sehr ungewöhnlich. Daher war mir auch der vorhergehende Beitrag Berufstätige Frauen um 1900 wichtig – die Stichprobe in den Jahrgängen 1900 bis 1910 der Zeitschrift ergab kein einziges Foto, auf dem eine Frau beruflich eine Uniformmütze trägt.

Ich tippe eher darauf, dass die Schirmmützen ein modischer Gag waren, ein Sommer- und Strandlook, von den Männern übernommen. In der Zeitschrift „Berliner Leben“ jedenfalls habe ich Frauen mit Schirmmütze gefunden, jeweils im Strandurlaub.

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Sylt 1905

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Rügen 1909

Ein bisschen stutzig macht mich nur ein hochgekrempelter Ärmel bei der Frau ganz rechts: Dort könnten hinter ein Band Fahrkarten o.ä. geklemmt sein, das würde dann doch für eine Mittagspause angestellter Frauen sprechen.
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Aber, wie ihr letztes Mal schon angemerkt habt: „Zur Erinnerung an unser Mittagsschläfchen am Strand“ würde man nicht schreiben, wenn man regelmäßig mit den Kolleginnen dort Pause macht.

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Der Text auf der Rückseite des Fotos deutet eher auf einen gemeinsamen Kurzurlaub der Frauengruppe hin, ich tippe auf das erste Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts.

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Falls ihr das Fotorätsel doch noch weiter auflösen könnte, bin ich natürlich interessiert. Den unbekannten polischen Kuchen konnte ich dank eurer Hilfe jedenfalls schon nachbacken:

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Eine Kommentatorin hatte mitgeteilt, dass der Kuchen in Polen „Keks“ heißt. Es ist wohl ein Früchtekuchen, ein Keks z bakaliami (= mit Trockenobst und Nüssen). Auf deutsch habe ich  hier ein Rezept gefunden, oder hier, da werden die Früchte über nacht in O-Saft und Rum eingelegt. Die leckeren, ziemlich künstlich grün-rot leuchtenden Fruchtbestandteile meines Kuchens aus Misdroy vermisse ich für die Optik etwas. Vielleicht werde ich da ja noch hier in Berlin in polnischen Geschäften fündig. Gern nehme ich weitere Rezepte in den Kommentaren entgegen, das soll ja auch ein Weihnachts- oder Osterkuchen sein.

Zum Abschluss eine Szene aus dem Misdroy von 1899

„In Misdroy angelangt, war denn ihre erste Sorge, das Meer zu begrüßen. Die Mutter war allerdings mit diesem Ritual nicht einverstanden, sie wünschte, daß jeder beim Auspacken tüchtig mithelfe. Aber in diesem Fall hätte auch eine noch stärkere Autorität die Leidenschaft der Kinder nicht bändigen können. Ungestüm eilten sie durch den Kurpark, stürmten den steilen Weg am Kurhaus vorbei zur Strandpromenade empor; hier, dem grau-hölzernen Herrenbad gegenüber, blieben sie atemlos stehen  − da war es wirklich, dieses unglaubliche, durch keine Phantasie in solcher Kraft heraufzubeschwörende Element, ein stählern glänzendes Riesenschild, diese steil und schrecklich erhobene, geradezu vertikal aufgerichtete Wasserwand in weißflammender Sonne, vor der einem die Augen wehe taten.“

aus Max Brods Erinnerungen  „Der Sommer, den man zurückwünscht“

Basketballteams – Frauen und Sport im Wandel der Jahrzente

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Jahrbücher von US-Highschools und Colleges in den Flickr-Commons zeigen sehr schön, wie sich die Frauenkleidung im letzten Jahrhundert entwickelt hat. Als Beispiel habe ich Basketballteams in Nordamerika herausgesucht, die über eine Zeitspanne von 1903 bis 1979 posieren. Die jeweilige Jahreszahl steht netterweise oft gleich  auf dem Ball.

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Dieses Foto liebe ich besonders. Hier noch ein Ausschnitt:

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Image from page 225 of "Milady in Brown 1908" (1908)1908

Die Sportlerinnen in den USA tragen schon um die Jahrhundertwende Pumphosen, Bloomers  genannt. Die weiten Hosen gehen auf die amerikanische Frauenrechtlerin Amelia Bloomer zurück, die seit 1851 Reformkleidung für Frauen propagierte.

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Interessanterweise gilt der Pluderhosendress aber offenbar nicht für alle Schulen. In einem College in New Orleans trugen die Basketballerinnen noch bis mindestens 1913  lange Röcke.

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Image from page 354 of "Jambalaya [yearbook] 1909" (1909)1909
Image from page 351 of "Jambalaya [yearbook] 1909" (1909)
Image from page 352 of "Jambalaya [yearbook] 1909" (1909)

Image from page 336 of "Jambalaya [yearbook] 1913" (1913)

Die Bilder zeigen sehr schön, wie sehr man sich vor Generalisierungen hüten sollte. Nur weil ein Foto irgendwo in der Welt eine Frau in einer bestimmten Kleidung zeigt, heißt das noch lange nicht „ab dem Jahr X trugen Frauen Y in der Z-Form“. Wie heute war Mode immer ein schleichender Prozess, ganz unterschiedlich ausgeprägt je nach Region, Alter und Bevölkerungsschicht.

Miami women's basketball team 19111911

Western College on College Day 19121912

Spezielle Basketballschuhe für Frauen wurden 1907 angeboten:

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1917 hat das College in New Orleans dann auch die Bloomers eingeführt…

Image from page 347 of "Jambalaya [yearbook] 1917" (1917)1917
Image from page 344 of "Jambalaya [yearbook] 1917" (1917)1918

Image from page 118 of "Jambalaya [yearbook] 1922" (1922)1925

… und hängt 1925 der Entwicklung wieder hinterher, denn zur gleichen Zeit werden in Kanada schon Shorts getragen:

Edmonton Grads, 1926 Canadian Champions1926

Für die Folgejahre ist in den Commons nicht mehr so viel zu finden, das hängt mit dem Urheberrecht an den Fotos zusammen. Aber Shorts und Shirts setzen sich im Sport offenbar durch.

Aurora Athletic Club girls basketball team1933
Pierce Junior High School girl's basketball team - Pierce1936
Edmonton Grads (1940)1940

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Goshen College Women's Basketball, 19671967

Die letzten beiden Fotos sehen wie Rückschritte im Sportlook aus, auch sehr interessant. Aber ob es repräsentativ ist? Dazu bräuchte es mehr Material.

1978/1979 geht es dann weiter in die heutige Richtung:
Image from page 38 of "U and I" (1921)

Jetzt könnte ich schon fast in das Fotoalbum meiner Jugendzeit überwechseln, der Kreis wäre geschlossen.

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Dieser Beitrag sollte ursprünglich zur Rubrik  Bilderfang im freien Netz – #Gemeinfreitag gehören, denn bei den Flickr-Commons steht unter jedem Bild:  „no known copyright restrictions“. Die teilnehmenden Institutionen wissen und akzeptieren das eigentlich. Wenn man dann aber zu der jeweiligen Bildquelle geht, sieht die Sache plötzlich oft ganz anders aus,  die Weiterverwendung wird beschränkt. Für Nutzer wie mich ist es nicht möglich, diese widersprüchliche Haltung jeweils zu recherchieren. Daher sind das hier vielleicht gemeinfreie Bilder, vielleicht auch nicht – für #Gemeinfreitag sind sie jedenfalls nicht geeignet.

Dennoch ist die Sammlung hoffentlich ohne Verbiegungen zu genießen!

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Ab wann trugen Frauen wirklich Hosen?

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Wandertag einer Mädchenklasse, 1955

Dieses Foto von 1955 aus dem Fotoalbum meiner Mutter ist mir aufgefallen. Meine Mutter und ihre Klassenkameradinnen tragen zum Wandern alle ausnahmslos Röcke, Wollsocken und feste Lederschnürschuhe. Schon zwanzig Jahre später wäre es für 16jährige Mädchen aber sehr seltsam gewesen, im Rock auf Wandertag zu gehen. Sie hätten Hosen, wahrscheinlich sogar Jeans getragen.

Meike von Crafteln hat vor Kurzem zwei interessante Interviews zum Thema Hosen veröffentlicht. In dem einen befragt sie ihre Mutter, die (wie meine Mutter) in den 50er Jahren zur Schule gegangen ist. Ich habe nun Meikes Fragen genommen und sie auch meiner Mutter gestellt.

Meine Mutter und die Hosen
Frage: Kannst du dich daran erinnern, wann du deine ersten Hosen getragen hast? Ich frage, weil ich die Vermutung habe, dass in den 50ern und frühen 60ern die Mädchen und Frauen eher oder nur Röcke trugen. Trugen deine Mutter oder andere Frauen Hosen?

Nein, meine Mutter hat nie Hosen getragen. Ich habe wohl erst in den 60er Jahren angefangen, Hosen zu tragen. Der Hauptgrund, warum ich ziemlich lange gebraucht habe, um mich an Hosen zu gewöhnen, war: Ich habe keine Hosenfigur. Es war immer schwierig für mich, eine gut passende Hose zu finden. Inzwischen ist das anders. Die Hersteller bieten genug Auswahl für unterschiedliche Frauenfiguren an. Auf Fotos trage ich in den siebziger Jahren oft Hosen. 1980, bei unserem Tischrücken, trugen die Hälfte der Frauen Hosen, die anderen Röcke.

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1980, Tischerücken (= Hauseinweihungsparty)

Frage: War das Tragen von Hosen ein „revolutionärer Akt“ eine Befreiung? Waren Hosen feministisch? Zu welcher Zeit war das und mit welchen Gefühlen war das verbunden?

Ich habe Hosentragen nicht als Befreiung empfunden. Ich habe 1959 die Schule mit 19 Jahren verlassen. Damals trugen wir noch keine Hosen. Nur eine Lehrerin. Ich vermute heute, dass sie lesbisch war, denn sie lebte mit ihrer Freundin zusammen.

Frage: Waren „Blue Jeans“ wirklich eine Revolution? Ab wann trugst du Jeans und ab wann war das normal?

Jeans haben mich nicht wirklich interessiert. Irgendwann habe ich sie für Arbeiten in Haus und Garten angezogen.

radhose1977, meine Mutter im Hosenrock, ihre drei Kinder in Jeans.

Egal wo man nachliest und herumfragt, es sieht es so aus, dass in Deutschland Hosen erst ab Mitte der 70er Jahre wirklich gesellschaftsfähig wurden.  Vorher waren Frauen, die Hosen trugen, die Minderheit. Davon kann man sich mit einem Blick ins eigene Familienalbum überzeugen.  Wenn man vor 1975 Frauenhosen sieht, dann eher beim Sport, Radfahren, Wandern oder bei Gartenarbeiten. Diese Burdamodelle von 1966 zeigen nur einen Hosenschnitt – ein Skihose.  Für einen Gang in die Stadt, eine Einladung oder als Bürokleidung scheinen Frauenhosen erst seit ca. 40 Jahren akzeptiert. Das ist eine kurze Zeit, oder?  Ich habe vorhin den Besuch in einem Altenheim gleich zu weiteren Recherchen genutzt. „Hosen standen mir nicht“ hörte ich auch hier. „Die ersten Frauen, die in Hosen kamen, fielen schon auf. Aber nicht als skandalös“. Eher waren diese Frauen Pionierinnen, Trendsetter, die modisch etwas wagten. Da war dann ein Hauch von Pariser Laufsteg in der Provinz.

Marlene Dietrich 1963, Wiki

Der Siegeszug der Hose scheint je nach Kulturkreis unterschiedlich vorangekommen zu sein.

  • Im Blog „American Age Fashion“, der die Modegeschichte älterer Frauen sammelt, sind auf einem Familienfoto von 1940 alle Frauen in Hosen gekleidet. Solche Freizeitkleidung wäre für meine Großmütter damals undenkbar gewesen. 1938 landete eine Frau in Los Angeles noch im Gefängnis, weil sie in Hosen im Gericht erschienen war. Das Urteil wurde aber später aufgehoben, sie durfte in Hosen aussagen.
  • Ich erinnere mich, dass ich noch Ende der 1990er Jahre bei einer Konferenz in London von anderen Frauen darauf angesprochen wurde, dass mein Hosenanzug aber in diesem Umfeld unüblich sei. Es stimmte: Alle Frauen außer mir trugen Rock, Pumps und Nylonstrumpfhosen. Thatcher hatte man auch nie in Hosen gesehen – und ich nehme an, dass Merkels Hosenanzug in vielen Ländern auch heute noch gegen Kleidungscodes verstößt.
  • Im türkischen Parlament dürfen Frauen erst seit 2013 Hosen tragen.
  • Ich weiß nicht genug darüber, aber ich vermute, dass es für Frauen in osteuropäischen Ländern bis heute unüblich ist, zu offiziellen Anlässen Hosen zu tragen. Was aber vielleicht dann weniger mit „Unschicklichkeit“ zu tun hat und mehr von einem anderen Weiblichkeitsbild herrührt. So wie in Frankreich die Politikerinnen  ja auch  anders aussehen als die Deutschland.

Ihr könnt ja beim Familientreffen zu Ostern mal überlegen, ob und ab wann ihr, eure Mütter oder Großmütter Hosen trugen. Spielte die Gegend und die Gesellschaftsschicht vielleicht auch eine Rolle?  Ein Extrathema ist die Jeans, die ja weiterhin eher als Freizeitlook gilt. Da macht ja meine Mutter bis heute einen Unterschied. In einer Wollhose würde sie heute sicherlich zu einem Geburtstagskaffe gehen, aber nicht in einer Jeans.

Vielen Dank meiner Mutter, Meike und allen anderen, die an dem Thema forschen!

Schöne Ostern allen, ob in Jeans oder Osterfestkleid.

Hosen an der Heimatfront: Frauenbeinkleider 1914-1918

Fensterputzerinnen in Berlin um 1917

Frauen tragen in der Öffentlichkeit Hosen – das wäre vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs eigentlich ein Skandal gewesen. Hosen an Frauenbeinen gelten damals als unschicklich, ja unsittlich. Dann aber ziehen die Männer 1914 (nur scheinbar euphorisch) in den Krieg. Weil die Arbeit zuhause weitergehen muss, übernehmen die Frauen die Posten der Männer – und auch ihre Kleidung.  So wie die beiden Fensterputzerinnen in Berlin um 1917, deren Auftritt in den „unsittlichen“ Hosen aber doch wohl noch ein ein ziemliches Aufsehen erregt.

Dabei sind die beiden damals nicht die einzigen Hosenträgerinnen im Straßenbild, wie ein kurzer Film von 1917 zeigt.  Die Szenen verbreiten ganz gute Laune, denn die Frauen wirken selbstbewusst und genießen ihre Freiheit sichtlich.

laterneScreenshot, Landesfilmsammlung BW

Wie ich bei einem Vortrag im Rahmen der Ausstellung “Krieg und Kleider” beim Kulturforum gelernt habe, waren in Deutschland schon vor dem Ersten Weltkrieg 8 Millionen Frauen erwerbstätig. Der Krieg brachte da keinen neuen Durchbruch, aber er verstärkte den Eintritt der Frauen in die Berufswelt.  Die Frage, was Frauen in Männerberufen tragen sollten, wurde je nach Tätigkeit gelöst.

Diese Mitarbeiterin der Straßenbahn sieht so aus, als ob sie noch im abgelegten Mantel ihres Vorgängers steckt.

Im schlichten Kostüm ist diese Berliner Straßenbahnfahrerin uniformiert. Einig war man sich, dass jegliche Art schmückendes Beiwerk zu unterlassen sei. Das diente Sicherheitsaspekten, sollte der Frau aber auch ein neutrales Erscheinungsbild geben.

Briefträger, Postkutscher, Telegrammbote, Nachtwächter – solche Tätigkeiten übten die Frauen weiterhin in langen Röcken aus.

Auf dieser Postkarte mit fröhlicher Durchhalteparole ist lediglich die Frau mit der Leiter ganz rechts in Hosen zu sehen.

Fotos von Fabrikarbeiterinnen zeigen meist Frauen in Kleidern und Kitteln. Ungefähr so wie bei diesem Plakat  „Deutsche Frauen, arbeitet im Heimatheer!“ von 1917, das für die Rüstungsindustrie wirbt. Dort schiebt die Frau dem Mann eine Handgranate zu.

Ging es um schwere körperliche Arbeit, so wurde der Rock aber möglichst mit der Hose vertauscht. Gerade bei den Zehntausenden Frauen, die im Ruhrgebiet in der Schwerindustrie an der sogenannten Heimatfront arbeiteten, gehörten Arbeitshosen und kurzer Kittel zur Ausstattung. Die Frauenhosen hatten hinten eine geknöpfte Gesäßklappe, wie ich ebenfalls auf dem Vortrag gelernt habe. So war ein Toilettengang bei minimaler Entblößung möglich.

Jenseits der Front sah es in den am Krieg beteiligten Ländern nicht anders aus. Die Frauen machten die Arbeit der Männer, wenn nötig auch in Hosen.

Belgierinnen im Kohleabbau

In der Öffentlichkeit wollten sie so aber eher nicht gesehen werden. Es gab daher auch Vorschläge für Verwandlungsmodelle, also Röcke, die man in Hosen umknöpfen konnte oder Hosen, die wie Röcke aussahen. Der Arbeitsanzug auf diesem amerikanischen Plakat war eine Art Pumphose im Rock-Look, genannt „trouserette“ oder auch „womanall“.

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Oft wäre schon aus Sicherheitsaspekten eine Hose sicher besser gewesen. Diese mit Tischlerarbeiten und Zimmerei beschäftigten Frauen blieben aber lieber im Rock und Kleid. Gut zu sehen ist, dass sich die Rocklängen zugunsten besserer Bewegungsfreiheit verkürzt haben.

Erweiterung einer Holzwerkstatt der Briten an der Westfront in Frankreich ca. 1918

Von Großbritannien aus waren 57.000 Frauen in Hilfscorps für das Militär aktiv. Sie erledigten nicht-kämpfende Aufgaben im Bereich Verpflegung und Versorgung. Eine ganze Fotoserie zeigt britische Frauen in Hilfscorps an der Front. Diese Fahrerinnen laufen zu ihren Krankenwagen, weil ein Zug  mit Verwundeten ankommt:

When a train is signalled they all rush off to their ambulances
Wahrscheinlich waren diese Röcke mithilfe von Knöpfen in eine Art Hose zu verwandeln. Es könnte sein, dass die Helferin auf diesem Foto gerade die Druckknöpfe (die waren zum Glück schon erfunden) an ihrer Rock-Hose schließt:

Kurios: Auf einem anderen Foto tragen einige der Krankenwagenfahrerinnen dicke Pelzmäntel. Viele Frauen der Oberschicht hatten sich freiwillig zum Hilfseinsatz an der Front gemeldet. Diese fünf  Fahrerinnen nahmen aus der Heimat offenbar ihre  Mäntel mit:

Westfront ca. 1918. Krankenwagenfahrerinnen einer britischen Hilfsorganisation.

Andere Engländerin arbeiteten für die Truppenversorgung in der Landwirtschaft (hier: Heu für die Soldatenpferde). Sie tragen, soweit ich sehen kann, alle Hosen.

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(Am Rande: Ich wusste nicht, dass der Trenchcoat nach den englischen Militärmänteln im Ersten Weltkrieg benannt ist. Trench = Schützengraben.)

Wer zum Thema Heimatfront und Hosen noch etwas hören möchte: Hier ein  Radiobeitrag beim MDR. Allgemein zu Frauen im Ersten Weltkrieg ein Stück beim BR. Inzwischen gibt es auch ein Buch zum Thema. Man kann die These diskutieren, ob der Erste Weltkrieg wirklich ein Motor für die Gleichberechtigung war.  Abgesehen davon haben sich die Hosen als selbstverständliche Alltagskleidung für Frauen erst Ende der 1960er, Anfang der 70er Jahre durchgesetzt. Aber die Modehistorikerinnen sind sich einig: Der Erste Weltkrieg war der erste Schritt hin zu einer Akzeptanz der Hose als Unisex-Kleidungsstück.

Die Gruppenfotos der Frauen oben wirken ja ein bisschen so, als ob alles ganz vergnüglich war. Das war es nicht, wie man weiß.  Zur Erinnerung daran hier  noch ein Foto von zwei Mitarbeiterinnen des Roten Kreuzes, die Prothesen anfertigen.

Und  ein Bild von Ersatz-Verbandsmaterial aus Torfmoos, Vorhangstreifen, Unterröcken und anderen Baumwollstoffresten. Es gabe einfach keinen Nachschub mehr für die vielen Verwundeten.

Science Museum, Copyrighted work licence CC BY 4.0

Bei den Recherchen zu diesem Beitrag habe ich so viele Bilder von Verbänden, Krankenbetten und Schwesteruniformen gesehen! Die medizinischen Versorgung  im Ersten Weltkrieg wäre noch ein Kapitel Frauengeschichte, das man anhand von Textilien erzählen könnte. Gerade bin ich bei der App „Lost Generation“ die Diakonisse Marie und pflege Verwundete im Lazarett. Ziemlich gute App für Jugendliche von heute, die sich die Daten 1914 – 1918 vielleicht allenfalls für die Schule gemerkt haben.
Wie immer freue ich  mich über eure Zusatzinformationen und Gedanken. Letztes Mal waren all die Hinweise und Stimmen ja wirklich sehr hilfreich, Danke!