Liselotte-Adventskalender Teil 3 – der Endspurt

Weihnacht ist ein großes Fest, das der Teufel feiern lässt. 

Endspurt im Liselotte-Adventskalender! Es folgen bis zum Fest noch fünf Zitate aus ihren Briefen.  (Für Teil I mit den Nummern 1-13 bitte hier klicken., für Teil 2 mit den Türchen 14 bis 19 hier entlang).

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Elisabeth Charlotte (Liselotte) von der Pfalz, Herzogin von Orléans, 1652-1722, DHM, MuseumofSelfies

Wir sind in den Jahren nach 1700. Liselotte ist jetzt eine ältere Dame. Sie schreibt massenweise Briefe und nimmt weiterhin kein Blatt vor den Mund. Wer weiß, heutzutage hätte sie vielleicht gebloggt oder getwittert.

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Homestory von Liselotte – Ihr „Lever“, der Ablauf ihres Vormittags

Unterdeßen habe ich mein morgen-gebet verichtet, nach halb 6 bin ich auffgestanden, habe mich ahngezogen, ein par gutte Strümpff von castor* ahngethan, einen tugendten [tuchenen]  Unterrock und über dieß alles einen langen, gutten, wattenen nachts-rock, welchen ich mitt einen großen, breytten Gürttel fest mache. Wie daß geschehen, laß ich zwey Lichter ahnzünden undt setze mich ahn meine Taffel. Da wist Ihr nun, liebe Louise, meine Morgendts-Arbeydt wie ich selber.

*castor=Biber. Aus Biberhaar wurden Filzhüte und Strümpfe gemacht, auch grobe Wolle wurde Biberhaar genannt

Ich schreibe biß halb 1 1, den laß ich mein Honigwaßer bringen , wasche mich so sauber , alß ich kan, reibe mein schmertzhaffte Knie undt Schenckel mitt eau vulneraire [Wundwasser], so mir mein Docktor gerahten, schelle hernach, laß alle meine cammer-weiber kommen, setze mich a ma toillette, wo alle Leutte, Mans- und Weibspersonen herrein kommen, unterdeßen daß man mich kämbt undt coeffirt.

Wenn ich coeffirt bin, gehen alle Mansleütte außer meine Docktor und Balbirer und Apotecker hinauß, ziehe Schu, Strümff und calson [caleçons, Unterhosen] ahn, wasche die Handt. In der Zeit kommen meine Damen, mich zu bedinnen, geben mir die Handt zu waschen undt daß Hembt,

alß den geht alles docktor-geschir fort undt kompt mein Schneyder herrein mitt meinem Kleydt; daß ziehe ich gleich ahn, so baldt ich mein Hembt ahngethan.

Manteau, ca. 1690. Quelle

Wen ich wider geschnürt bin, kommen alle Mansleutte wider herrein; denn mein manteau ist so gemacht, daß, wen ich geschnürt bin, so [bin ich] gantz fertig, denn alle meine Unterröck sind mitt Nesteln [Bändern] ahn mein Leibstück gebunden und le manteau ist auff mein Leibstück genehet, daß findt ich sehr gemachlich. Nach dem ich gantz ahngezogen, welches ordinarie umb 3 viertel auff 12 ist, gehe ich in die capel.       6.11.1721

Zu den Details in diesem nicht nur für die Bekleidungskunde sehr interessanten Abschnitt könnte man jetzt eine ganze Abhandlung schreiben. Wie mag zum Beispiel das „Manteau“ genannte Kleid, das Liselotte so gemachlich-bequem findet,  genau ausgesehen haben? 25 Jahre vorher hatte Liselotte es ja noch verneint, ein Manteau zu besitzen (1695, Türchen 18 im Kalender). Im Lauf der 25 Jahre hat sich die Mode geändert und Liselotte trägt nun den informellen Manteau, aber ungern – man sähe darin „cammermägdisch“ aus, schreibt sie an anderer Stelle. Dabei ist diese Kleidform am Hofe eigentlich schon wieder passé – zu Liselottes Leidwesen, aber dazu morgen mehr.

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Robe battante, der „wüste Rock“, ein fauler Flatter-Look

DeTroy
Auf so ein Herumgefläze hat Liselotte keine Lust (de Troy, Quelle)
Die alte Dame Liselotte hat ein Problem damit, dass der Kleidungsstil am Hofe immer informeller wird, insbesondere nach dem Tode Ludwig des XIV. im Jahre 1715. Die Frauen tragen zunehmend lockere und weite Kleider, unter denen sie auch ungeschnürt sein können. Die französischen Ausdrücke für die weiten Kleider zu der Zeit sind robe volante / robe battante (fliegend/flatternd).

Seidher die Damen sich hier an den landerienen* und ungeschnürte Tracht gewohnt haben, kommen gar wenig zu mir; sie wollen sich nicht ankleyden, [ich] will sie nicht in ihrem desabilles [Hauskleidung] sehen, also kommen wenig Damen zu mir. Aber Mansleutte kommen morgendts sehr viel a ma toilette.                   25.4.1720

*“l’Andrienne“ = robe battante / Contouche

Frauen in Robe battante, mit „Watteaufalten“ im Rücken (de Troy, 1731)  Quelle

Madame de Montespan hat die robes batantes erfunden, um ihr Schwangerseyn zu verbergen, weil man die Taille nicht darinn sehen kann; aber wenn sie den Rock anthat, war es eben, als wenn sie es an die Stirn geschrieben hätte, daß sie schwanger wäre; denn alle Leute sagten bei Hof: M. de Montespan a sa robe batante, elle est donc grosse [sie trägt ihre robe battante, sie ist also schwanger]. Ich glaube, sie that’s mit Fleiß, in der Meinung, daß ihr dieses bei Hof mehr Consideration [Beachtung] geben würde, wie auch in der That war.    22.7.1718

Die Mode von den wüsten Rocken kompt ahm ersten von Madame de Montespan, so es trug, wen sie schwanger war, um sich zu verbergen. Nach deß Königs Todt hatt es Madame d’Orlean wider auff die bahn gebracht…  20.12.1721

Madame de Montespan war eine Mätresse Ludwig des XIV und brachte bis 1678 sechs Kinder von ihm auf die Welt. Die Erinnerung Liselottes an die Kleidung der Montespan bezieht sich also auf eine mehr als vierzig Jahre zurückliegende Zeit. Dennoch hat sich diese – von keiner anderen Quelle bestätigte – Behauptung Liselottes inzwischen verselbständigt: Madame de Montespan wird immer wieder als die Erfinderin der Robe battante genannt.

Madame de Montespan, ca. 1675 (unbek. Maler, Quelle)

Liselotte hat keine Lust, Damen des Hofes zu empfangen, wenn sie sich für den Besuch nicht vernünftig anziehen. Viel macht ihr der Besucherschwund nicht aus.

Gar viel Leutte kommen nun nicht mehr, seyder ich daß grand habit [Staatsgewand] wider tragen, den die Damen können sich nicht resolviren, Leibstücker ahnzuthun und sich zu schnüren Ich verliehre nichts dran, den dieße vissitten mir mehr beschwerlich, alß ahngenehm, sein. Sie werden ihre Faulheit mitt der Zeit theuer bezahlen; den kompt einmahl wider eine Königin, werden sie alle Tag wie vor dießem ahngezogen sein müßen, welches ihnen dan eine Qual sein wirdt.    13.3.1721

Zum grand habit, der offiziellen Hofkleidung, morgen noch ein bisschen mehr.

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Grand Habit, die steife Hoftracht – mit Mühe und Verdrießlichkeit

Wir seindt hir alle heutte en grand habit , den ich habe eine Ceremonie um 3 uhr, nehmlich die Reception von dem verfluchten Cardinal du Bois, dem der Papst seine Barette geschickt hatt [den Kardinalshut]. Den muß ich saluiren, sitzen machen undt eine zeit lang entreteniren , welches nicht ohne Mühe geschehen wirdt, aber Mühe undt Verdrießlichkeit ist daß tägliche Brodt hir.
25.9.1721

Einige Jahre früher, aber wahrscheinlich auch schon schwer abgenervt: Liselotte bei einem Empfang des Sonnenkönigs.

grandhabit1714  Quelle (Ausschnitt)

Auf dem Bild lässt sich das Grand Habit von Männern und Frauen schön studieren. Die Frau in Schwarz-Weiß fällt etwas heraus. Sie ist die Enkelin von Liselotte – in verschärfter Witwentracht, weil ihr Mann einige Monate vorher bei einem Jagdausflug ums Leben gekommen ist. (Keine Sorge, sie tröstet sich bald mit wechselnden Liebhabern).

Louis XIV 1714.jpg
„Louis XIV, 1714“, Louis de Silvestre, Quelle

Liselotte trägt schon seit 1701 den schwarzen Witwenschal – aber dazu morgen mehr. Beim vorletzten Türchen!

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witwenschalWitwenschal Liselotte, Ausschnitt

Liselottes Mann Philipp, der Bruder Ludwig des XIV., stirbt 1701. Die Eheleute haben die letzten 25 Jahren ihre eigenen Leben gelebt, der schwule Philipp umgeben von seinen Günstlingen.

…wenn es wahr ist, daß man wider Jungfer wirdt, wenn man in langen Jahren bei keinem Mann schläfft, so muß ich wieder eine Jungfer geworden sein, denn seyder 17 Jahren haben mein Herr undt ich nicht bey einander geschlaffen…              15.5.1695

Nach dem Tod ihres Mannes muss Liselotte als Witwe repräsentieren, dafür liegt sie in einem abgedunkelten Raum auf einem Bett. Ein seltenes Mal beschreibt sie bis ins Detail ihre Kleidung:

Versailles, den 26. Juni 1701
Ich habe den König und die Königin in Engellandt in ceremonien empfangen müßen in einer dollen tracht: ein weiß leinen stirnbandt, darüber eine cappe, so unter dem halß zugebunden wirdt, über die cappe eine cornette [Haube], über die cornette ein leinen tuch wie ein voille, so auff beyde axelen ahngehefft wirdt wie ein floren mantel undt schlept 7 ehlen lang; ahm leib hatt ich einen langen schwartz tuchenden rock mitt langen ermellen, undt vom halß ahn biß auf die erden herminen [Hermelin] von gleicher breitte wie auf den ermellen, einen von schwartz crepon gürtel, so biß auf die erden vorn geht, undt ein schweiff ahm herminen rock auch von 7 ehlen lang. In diesem aufzug hatt man mich in eine gantz schwartze cammer, auch das parquet bedeckt undt die fenster überhenckt, in ein schwartz bett gelegt, den schweiff überall überdeckt, daß man die herminen gesehen. Ein großer leuchter mit 12 brenente lichter waren in der cammer ahngezündt, undt 10 oder 12 auff dem camin, alle meine bedinten groß und klein in langen trawermänteln, ein stück 40 oder 50 damens in flormäntelen.
Das alles sahe sehr abscheulich auß….

Mausoleum für das Begräbnis Philippes de France, Duc d’Orléans,  in der Kirche St. Denis,  23 juillet 1701, Quelle

Frau in Witwentracht, 1678. Quelle

Liselottes Enkelin als Witwe 1714, s.o. Tag 22. Quelle

 

 

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