Der Liselotte-Adventskalender Teil 1

Weihnacht ist ein großes Fest, das der Teufel feiern lässt. 

Wer sagt denn so etwas, vor 300 Jahren, als deutsche Prinzessin am französischen Hof? Der Spruch stammt von Liselotte von der Pfalz, oder auch: Elisabeth Charlotte, Herzogin von Orléans, Schwägerin des Sonnenkönigs. Bis zum 24. Dezember gibt es hier nun täglich einen Blick in ihre Briefe. Mit dem Fokus auf Mode- und Lebensfragen, natürlich.

1

Madame sein ist ein ellendes Handwerck

Als 19jährige wird Liselotte 1671 aus politischen Gründen mit dem Bruder Ludwig des XIV.  verheiratet.  In ihrem langen Leben schreibt sie geschätzt 60.0000 Briefe, von denen über 5.000 noch erhalten sind. Darin berichtet sie detailreich auch von dem „elenden Handwerk“, eine Madame am französischen Hofe zu sein. Ich habe gerade erst angefangen, in ihren Berichten zu stöbern und bin ganz fasziniert. Liselottes altertümliches Deutsch hoffe ich beibehalten zu können – der Charme ihrer Sprache geht sonst ein bisschen verloren. Also, schaut mal wieder vorbei, bis zum Fest, das der Teufel feiern lässt.

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2

Ich haße allen schminck, kann kein rodt vor mir selber leyden    28.2.1711

Mitt kein geschmer bin ich mein leben umgangen, werde es nicht im alter ahnfangen  9.4.1711

(Sie mag keine Schmincke, so ein Geschmier)

3

Es ist nur zu wahr, dass sich weiber bleue adern malen lassen, um glauben zu machen, dass sie so zarte häute haben, daß man die adern sieht.   29.9.1718

(Durch helle Haut unterschied sich der Adel vom bäuerlichen Volk. Sowohl Männer als auch Frauen betonten den blassen Teint mit weißer Schmincke.  Die blau nachgezeichnten Adern lassen an den Ausdruck „Blaues Blut“  denken – bei heller Haut scheinen die Blutgefäße blau durch).

≈ 4 ≈

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Bei Hof trägt niemand kein Busentuch, aber die Koiffüren werden täglich höher. Der König hat heute an Tafel verzählt, daß ein Kerl, so gewöhnlich die Leute koiffiert und Allart heißt, in England die Damens so hoch aufgesetzt hat, daß sie nicht mehr in ihrer Sänfte haben sitzen können, und alle Damens dort, um der französischen Mode zu folgen, haben ihre Sänften höher machen lassen.

Queen Mary II, England, 1688 mit Fontange/Frelange (Locken, Draht + Spitzen) Quelle

≈ 5 ≈

Es war eine alte Dame hier, so Madame de Fiennes hieß, die haben wir erschrecklich geplagt; sie hörte nicht gerne schießen und wir warfen ihr immer pétards [Knallfrösche] in den Rock, welches sie verzweifelte, lief uns nach, um uns zu schlagen, das war der größte Spaß.

(Am Hof macht die Jungvermählte  mit anderer Jugend Blödsinn).

≈ 6 ≈

[…] zudem auch so ist man nicht so delicat [zartfühlend] hir im lande, sondern man spricht all frey genung von allerhandt natürliche sachen. Ich weiß ein galand, welchen ich aber nicht nennen will noch darff, welcher alß mitt seiner maitresse auffn kackstul geht undt wan eins von ihnen seine sachen verricht hatt, dan setzt sich das andere drauff, undt entreteniren [unterhalten] einander auff dieße weiße. Undt ein ander par kenne ich auch, die einander alß vertrawen, wenn sie ein clistier nehmen undt von nöhten haben; ich habe solches mitt meinen eygenen ohren gehört undt der liebhaber bekente, daß er solches von nöhten, weillen er den abendt zuvor zu viel gefreßen hette, so ihm ein groß magenwehe verursagte, drumb wolle er ein clistier nehmen, umb desto beßer wider zu mittag zu eßen, ohne desgoust [Widerwille].

Wenn das Teütsche theten, wie solten die Frantzossen lachen, aber weillen sie es selber thun, so ist es gar hofflich.           24.7.1678

MM10567

Abraham Bosse, Das Klistier, 1632-33, MetMuseum  Quelle

≈ 7 ≈

Liselotte und ihre Kinder (Sohn rechts weist auf den Degen), J.G. Murat, Quelle

Monsieur hat nichts in der Welt im Kopff als seine junge Kerls, um da gantze Nächte mitt zu freßen, zu sauffen, und gibt ihnen unerhörte Summen Gelts, nichts kost ihm noch ist zu theuer vor die Bursch, unterdeßen haben seine Kinder und ich kaum was uns nöthig ist.

(Monsieur, Liselottes Ehemann, geht dem „italienischen Laster“ nach, ist auf der „Straße nach Sodom“ = schwul. Homosexualität wurde in den besseren Kreisen toleriert. Monsieur hatte sich in den ersten Ehejahren mit Liselotte aber dazu durchgerungen, Nachkommen zu zeugen).

≈ 8 ≈

Unterdessen muß ich euch noch sagen, dass ich nun eine alte Mutter bin, denn mein Sohn ist in Hosen und Wams, sieht artlich aus.     10.4.1681

(Die Mutter, Liselotte, ist hier 29 Jahre alt, ihr Sohn Philippe sieben. Etwa in diesem Alter wurden Söhne damals aus der Obhut der Gouvernanten in die Hände männlicher Erzieher übergeben. Ab dann wurden sie auch nicht mehr wie kleine Mädchen gekleidet.)

Philippe noch in Mädchenkleidern, Ausschnitt s.o., Quelle

Régent Rigaud

Philippe 1689, Quelle

 

 

≈ 9 ≈

Noch etwaß muß ich E.L. verzehlen, so mir am Anfang sehr frembt ist vorkommen: man redt hier ohne Scheu von Jungfer Catherine [Jungfer Kattl = Menstruation], und die Königin, so so eine erbare Frau ist, spricht an öffendtlicher Taffel mitt allen Manßleütten davon […]               24.7.1678

 

Sie haben mir mit aller Gewalt wollen aderlaßen und Medicin geben, aber ich hab durchauß nicht gewolt. […] zu allem Glück hat mich einen Jungfer* besucht, welche verursacht, daß man mir nicht [zur Ader] gelaßen (ihr versteht mich woll).        4.2.1672

*Jungfer=volkstümlich für Menstruation

 

≈ 10 ≈

Schreiben ist meine große occupation, denn ich kan und mag nicht arbeytten, finde nichts langweiligers in der welt, alß eine nehennadel einzustecken und wieder herauszuziehen             8.6.1719

DP7593

Nicht von Liselotte:   Nadelköcher, spätes 17. Jhd., Frankr. oder Italien.  MetMuseum

fvh

Hier wird geschrieben, nicht genäht. (Ausschnitt Bild Nadelköcher)

 

≈ 11 ≈

Liselotte ist à la Mode

Ich muss sagen, dass der König mir noch täglich mehr Gnade erweist, denn er spricht mir überall zu, wo er mich antrifft, und lässt mich jetzt all Samstag holen, um Medianosche [ médianoche, Mitternachtsschmaus] mit ihm bei Madame de Montespan zu halten. Dieses macht auch, dass ich jetzt sehr à la Mode bin, denn alles, was ich sage und tue, es sei gut oder überzwerch [verkehrt], das admirieren die Hofleute dermaßen, dass, wie ich mich jetzt bei dieser Kälte bedacht, meinen alten Zobel anzutun, um wärmer auf dem Hals zu haben, so lässt jetzt jedermann auch einen nach diesem Patron [Schnitt] machen und es ist jetzt die größte Mode; welches mich wohl lachen macht, denn dieselben, wo jetzt diese Mode admirieren und selber tragen, haben mich vor 5 Jahren dermaßen ausgelacht und so sehr mit meinem Zobel beschrien, dass ich ihn seitdem nicht mehr hab antun dürfen.    14.12.1676

Liselotte (auf französisch „La Palatine“, die Pfälzerin, genannt)  hatte sich aus ihrer Heimat einen Zobelpelz mitgebracht. Neu am Hofe wurde sie mit diesem Pelzkragen zunächst belächelt. Fünf Jahre später steht sie inzwischen hoch in der Gunst Ludwig des XIV.  Er läd sie regelmäßig zu sich und seiner Maitresse Mme de Montespan an den Tisch. Der Hof findet Liselotte und ihren Zobel nun auf einmal sehr chic und lässt sich den Umhang nacharbeiten. Bis heute ist diese Art Pelz nach Liselotte benannt: Der Palatin.

≈ 12 ≈

Der Schnee fällt sobald auf ein Kuhfladen als auf ein Rosenblatt.       2.8.1686

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≈ 13 ≈

Laute Furtze, met verlöff

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furzFnQuelle

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Für Teil 2 mit den Türchen 14 bis 24 bitte hier klicken…

 

15 Gedanken zu “Der Liselotte-Adventskalender Teil 1

  1. Sehr interessant! Es macht Freude, hier immer wieder vorbeizuschauen.

    Und ja die „vornehme Blässe“ war über Jahrhunderte hinweg Statussymbol: „Seht her, ich kann es mir leisten, weiße Haut zu haben. Ich muss nicht draußen in der Sonne arbeiten.“ Mittlerweile hat sich das ja dramatisch geändert. Heute gilt Braunsein als schick, im Sinne von: „Ich kann es mir leisten, viel in Urlaub zu fahren (oder auch ins Sonnenstudio zu gehen). Ich habe viel Freizeit.“
    – Auch wenn wir mittlerweile wissen, dass braune Haut nicht wirklich gesünder ist, sondern eher im Gegenteil schneller altert, UV-Licht das Risiko für Hautkrebs erhöht, etc., etc., reden wir meistens trotzdem abschätzig über „käsige“ Haut.

  2. ich kannte bis dato nur den brief von der guten lieselotte, in dem sie sich über „bequemes scheißen“ auslässt (im zusammenhang mit einem kleinen parforceritt durch die geschichte des abtritts…). umso mehr freut es mich, hier mehr von der bemerkenswerten dame zu erfahren.
    danke für meinen persönlichen nr.1 adventskalender 2014 !!!!
    lg,
    susa

  3. Oh, es ist mir völlig neu, dass Jungs am Hofe in der Kindheit Mädchenkleider getragen haben. Mich würde mal interessieren, ob das in erster Linie am tonangebenden französischen Hof üblich war. Denn ich kann mich an Kinderportraits von spanischen Infanten erinnern, da hatten die Thronfolger auch schon als Kleinkinder Hosen an. ( Ok, das war auch 100 Jahre später…)
    Das mit den Geschlechterrollen war scheinbar nicht so festgelegt wie ich dachte!

    • Mehr weiß ich auch noch nicht dazu, nur, dass ich ein Foto meines Großvaters als kleiner Junge habe – im weißen bodenlangen Kleidchen.

  4. Liebe Suschna, wieder ein toller Beitrag von Dir über historisches/gesellschaftliches/textiles. Ein toller Adventskalender für Große :-) Bei uns: kein Schnee, aber heute früh lag dick Reif auf den Dächern :-) Vorletzte Woche bin ich für den Liebsten Blog-Award nominiert worden. Und der gebührt Euch Dir !! Mehr dazu hier – bitte schön: http://tanjamariae.wordpress.com/2014/12/09/liebster/.
    Ich wünsch Dir frohe Vorweihnachtstage und ein schönes Fest!
    Und hoffe, daß ich im Neuen Jahr, nach allen Umstellungen dann mehr Muße hab, bei Dir vorbeizuschauen & der Handarbeit zu pflegen!! :-) Herzl. Tanja

  5. Liebe Suschna,
    so ein schöner Adventskalender für uns Textiler! Danke dafür.
    Die geschlechtsneutrale Kleidung im Kleinkindalter ist sehr lange sehr üblich und nicht auf das höfische Leben beschränkt. Wenn ich mich recht erinnere, ist die erste eigens für kleine Jungen erdachte Kleidung der Matrosenanzug (Mitte des 19. Jh.).
    LG, Bele

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