Der Liselotte-Adventskalender Teil 2

Weihnacht ist ein großes Fest, das der Teufel feiern lässt. 

Hier geht es weiter im Liselotte-Adventskalender und weiteren Einblicken in das Leben der deutschen Prinzessin Elisabeth Charlotte, Herzogin von Orléans, am Hof des Sonnenkönigs.   Für Teil I mit den Nummern 1-13 bitte hier klicken.

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Liselotte liebt die Jagd

Ich gehe alle zwei Tage und sehr oft zwei und drei Tage nacheinander mit dem König auf die Jagd…Ich liebe die Jagd ebensosehr wie Ihro Majestät und das ist ein rechter Lust vor ein Rauschenblattenknecht* wie ich bin, denn man darf sich da nicht viel putzen noch rot antun allwie bei den Bällen   4.11.1677

*ungefähr „Rauschende-Blätter-Knecht“, durch die Blätter rauschend, Wildfang

Exercitzien ist eine gesunde Sache; ich habe 30 Jahr zu Pferd und 10 Jahr in Caleschen gejagd.              24.7.1721

1000 Jagden, 27 Stürze vom Pferd hat Liselotte überstanden. Nur, welche Kleidung hat sie dabei getragen? Es gab für die Frauen damals Jagdkostüme als Prunkgewänder, die so wie auf diesen beiden Abbildungen aussahen: Der Männerkleidung entsprechend eine lange Jacke=Justaucorps mit großen Ärmelaufschlägen, Halstuch-Krawatte (cravate à la Steinkerque), Herrenperücke und Hut. Einziges weibliches Attribut war der Rock statt Hosen .  Zum wilden Reiten eignete sich das reichverzierte Gewand und insbesondere so ein Rock mit Schleppe sicherlich nicht besonders. Ob Liselotte darüber schreibt, dazu morgen mehr.

Madame = Liselotte im Jagdkostüm, 1690er. QuelleNYPL

(Welche Kleidung Liselotte zur Jagd trägt ist nicht so leicht zu klären. Aber die Waffe auf diesem Kupferstich ist dank der vielen männlichen Liselotte-Forscher, der „Liselottisten“,  identifiziert: Es handelt sich um ein leichtes französisches Jagdgewehr neuester Bauart, ein Steinschlossgewehr. Der wenig dekorierte Schaft weist auf eine Gebrauchswaffe hin.)

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Liselotte spricht oft von ihren „Jagts-Kleydern“.  Die spielen auch bei einem ihrer Stürze vom Pferd eine Rolle:

Mich däuchte, daß mein Rock nicht recht unter mir war, drum hielt ich stille und bückte mich, um mich zurecht zu setzen, und in dem Augenblick, daß ich in der Postur bin, steht ein Has auf, welchem alle nachjagen, und mein Pferd, welches die andern jagen sieht, will auch hernach undt springt auf eine Seit […]            14.12.1676

Liselotte auf dem Pferd muss also aufpassen, dass ihr Rock „recht unter ihr“ ist. Sie reitet offenbar im Damensattel wie, hundert Jahre später, Marie-Antoinette auf diesem Gemälde:

marieantoinette1Quelle (Ausschnitt)

Ich konnte mir bisher nicht vorstellen, wie es möglich ist, galoppierend seitlich auf einem Pferd zu sitzen. Aber mit einem Damensattel wie diesem historischen Modell geht das wohl schon. Dort wird der rechte Oberschenkel zwischen die beiden Hörner gelegt und man sitzt relativ fest im Sattel. Den Rock breitet man über die Beine und den Pferderücken.

Quelle

Quelle

In einen gar heißen Sommertag jagte ich den Hirsch zu St Leger mitt Monsieur le Dauphin, da kam ein starck Wetter, Donner, Blitz undt Hagel; mein Rock war so voller Schloßen, daß es im Schmeltzen durchdrang, undt meine Bottinen wurden voll von dem eißkalten Waß[er].                       28.11.1720
Schloßen = Hagelkörner, Bottinen=Stiefel

Es gibt andere interessante Briefstellen zu dem Thema, die vielleicht noch in eine andere Richtung weisen – morgen wieder mehr.

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Ist Liselotte wirklich immer in Rock und Damensitz geritten? Es könnte auch noch anders gewesen sein. Liselotte schildert, wie sie als 23jährige bei einem Ausflug in einem Kloster von einem „Narren“ bedrängt wird. Ein Mönch wirft sich sich vor sie und hält ihre Füße fest:

Ich war in Jagts-Kleyder und zu Pferd hingeritten Er sah mich also für einen Mans-Mensch an …
21.6.1721

Die Jagdkleidung der Frauen damals sah bis auf den Rock wie Herrenkleidung aus, siehe oben. Aber wenn Liselotte bei dieser Szene einen Rock getragen hätte, wäre es sicher nicht zu einer Verwechslung mit einem Mann gekommen. Trug sie beim Reiten also Hosen?

Portrait équestre de la reine, Brun de Versoix, XVIIIe

Königin Marie Antoinette zu Pferde (le Brun), 1783.   Quelle

Durchaus möglich, denn andere Frauen im Barock taten das auch und ließen sich sogar so porträtieren. (Weitere Beispiele Katharina IKatharina II., Maria Luisa – letztere im Herrensitz mit Hosen?-Rock).

Kaiserin Elisabeth Petrowna von Russland zu Pferde (Grooth)

Kaiserin Elisabeth Petrowna von Russland zu Pferde (Grooth), 1749.   Quelle

Eine andere Bemerkung Liselottes deutet darauf hin, dass für die Jagdkleidung kein Schnürleib notwendig war. Liselotte berichtet von einer Entzündung, wegen der sie einen Arm in einer Schlinge (bzw. Schal = Escharpe) tragen muss:

Undt weillen ich kein Leibstück ahnthun konte undt den Arm in Escharpe tragen must, habe ich mich alß die gantze Zeit über in Jagts-Kleyder gekleidt…   17.5.1688

(Leibstück=Schnürleib)

Das finde ich alles sehr spannend! Morgen geht es dann weiter mit der Frage: Trug Liselotte Unterhosen?

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Liselotte und die caleçons, die Unterhosen

Alten Leütten, wie ich bin, kompts nicht zu, jungen Leütten Moden zu folgen. Ich bin so ahn den calsons* gewohnt, daß es mir ohnmöglich were, einen Tag ohne dießelben zu gehen. Vor dießem war es die Moden auch in Franckreich , man hilt es vor modest** . Madame de Durasfort hatt mir verzehlt, daß ihre Mutter sie biß ahn ihr Endt getragen, undt sie hatt sie auch getragen, so lang die Mutter gelebt; es ist gesundt, verhindert die Winde. Hir in Franckreich ist dieße Mode gantz abgangen, kein Mensch außer ich tregt in gantz Franckreich calecons.    27.11.1721

*caleçons, Unterhosen

**sittlich, züchtig

(Der letzt Satz ist natürlich übertrieben. 1777 heißt es in Diderots Enzyklopädie beim Eintrag Caleçons: „In Frankreich tragen derzeit einige Frauen im Winter Caleçons um Krankheiten zu vermeiden; und im Sommer aus Reinlichkeit, fast alle Bürgerinnen, die oft mit dem Pferd aufs Land gehen, tragen auch die Caleçons.“ )

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Was Liselotte an Kleidung braucht

Ich sehe schier nie wie die Leute gekleidet sind und behalt es noch weniger, meine einzige continuirliche Kleydungen sind grand habit* und Jagtkleydt wenn ich reite, sonsten trag ich nichts, auch mein Leben keine robe de chambre noch manteau**,  habe auch in meiner Garderorbe nur einen einzigen Nachtsrock nur damit aufzustehen und zu Bette zu gehen, sonst nichts.      5.3.1695

*grand habit = die formelle, offizielle Hofkleidung

**robe de chambre und manteau sind inoffizielle Kleidungsstücke, die auch tagsüber getragen wurden. In etwa: Hauskleid/Hausmantel.
Recueil des modes de la cour de France, 'Femme de Qualite en Robe de Chambre d'Hyuer' LACMA M.2002.57.61Frau in Robe de Chambre, 1685
garsault

Manteau de Lit, Garsault, 1751

 

 

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Liselotte hat die Königin schon hundertmal nackt gesehen

Es ist kein Wordt war, daß unßer seeliger [König] ein Silice*  getragen undt es sich von Mönchen undt Franciscanern hatt geben [laßen] ; da hatte der König zu viel Vcrstandt , es ist auch der Brauch bey weldtlichen Leütten nicht. Man hatt viel auff den König von solchen Sachen gelogen. Die Königin hatt auch gar gewiß kein Silice getragen; ich habe sie hundert mahl nackendt gesehen, wen ich I. M. [Ihrer Majestät], wie es hier der Brauch ist, ihr Hembt ahngethan habe. Daß ist eine Ceremonie, die erste Cammerfrau gibt daß Hembt ahn die dame d’honneur, die dame d’honeur mir, ich der Königin..
bin ich aber nicht da, [noch] jemandts von den petits enfants de France und nur eine princesse du sang, so gibt ihr die erste Cammerfrau daß Hembt, der Königin ahnzuthun , undt nicht ahn die dame d’honeur ; wir haben viel Unterschiedt so.
18.2.1720

*Silice=Cilice, Cilicium, ein Büßerhemd oder Bußgürtel, Kasteiungsinstrument

Das Aufstehen (Lever) und Schlafengehen (Coucher) mit dem An- und Auskleiden des Königs und der Königin sind formelle Akte am Hof von Versailles. Bei diesen Morgen- und Abendempfängen ist es eine Ehre, im Rahmen einer Zeremonie der Königin das Hemd zum Ankleiden reichen zu dürfen.

William Hogarth 042

Satirische Darstellung eines Lever, Hogarth, ca. 1743      Quelle

Über Liselottes Lever kommt dann morgen mehr, in einem Teil 3 des Adventskalenders – zum Endspurt vor dem großen Fest.

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text1

8 Gedanken zu “Der Liselotte-Adventskalender Teil 2

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  2. Spannend! Der Adventskalender ist großartig. Da ich noch dieses oder jenes nachlese, verliere ich mich jeden Tag in irgendwelchen entlegenen Gebieten – zuletzt über die Verarbeitung von Fuchsfellen, ein faszinierendes Thema, und diese Damensattel-Geschichten sind ja auch sehr interessant. Gibt es nicht so ein Zitat, Ginger Rodgers habe das gleiche getan wie Fred Astaire – aber rückwärts und mit hohen Absätzen? Daran musste ich gerade denken. (Und mich würde ja die Frage interessieren, ob Lieselotte Unterhosen getragen hat. Ich hatte mal gelesen, dass es bei Reitunfällen der Damen wegen der Unterhosenlosigkeit zu peinlichen Situationen kam. Aber vielleicht ist das nur eine Legende? Du weißt da doch bestimmt was.)

  3. Meine Güte, jetzt ist mir mit meiner kleinen Blogpause dieses Schmuckstück hier entgangen! Wie gut, dass man alles nachlesen kann. Herrlich!!! Endlich habe ich auch einen Adventskalender, ich bin dir UNENDLICH dankbar! :-) So viele interessante Geschichten, da kann man sich ja verlieren. Ich bin selbst lange geritten und konnte mir nie vorstellen, wie das auf einem Damensattel funktionieren soll. Die Schlußszene von „3 Haselnüsse für Aschenbrödel“, wo sie im Damensitz durch den Schnee galoppiert, ringt mir jedesmal wieder respektvolles Kopfnicken ab.
    Ich freue mich schon so auf morgen!
    Ganz liebe Grüße,
    N

    • Tja, obwohl ich mit Pferden rein gar nix zu tun habe weiß ich inzwischen dank der Recherche, dass es weltweit Damensattel-Reitclubs gibt. Die schneidern sich auch historische Kostüme und machen Turniere. Es gibt so viele tolle Nerds in so vielen Bereichen!

  4. was für ein toller Adventskalender. Ich will schon soooo lange die Briefe der Lieselotte lesen aber ich komme irgendwie nie dazu. So ist es natürlich noch schöner, mit all den Erklärungen.
    Vielen Dank
    Tine

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