Kunst und Textil in Wolfsburg

dsc06866Fenstertuch, 2010

Um es gleich zu sagen: Keine der Abbildungen in diesem Blogeintag stammt aus der Ausstellung „Kunst und Textil“ im Wolfsburger Kunstmuseum. Dort war mal wieder Fotografierverbot. Verbot macht erfinderisch, und so habe ich mir  nun andere Bilder zur Illustration zusammengesucht. Im Geiste der Ausstellung, wie ich hoffe.

DSC04632Stoffspielerei 2012

„Stoff als Idee und Material in der Moderne von Klimt bis heute“ lautet der Untertitel der Ausstellung, die noch bis zum 2. März 2014 läuft. Zum Glück dauert die Fahrt mit dem Zug von Berlin nach Wolfsburg  kaum eine Stunde.

Egon Schiele, Melanie,1908

Nicht auszudenken, ich hätte diese Ausstellung verpasst, die hundertprozentig in mein „Beuteschema“ passt.  Und ich bin mir sicher, alle, die hier irgendwie auf meiner Wellenlänge liegen, gehen dort auch voller Begeisterung einen ganzen Tag lang auf Entdeckungsreise

Am besten hat mir die assoziative Zusammenstellung der Werke gefallen. Ein berühmtes Bild, ein antiker Seidenfetzen, ein Paar gestickte Schulterpolster, ein Faden, ein Wandteppich… Und irgendwie sprechen sie miteinander. Eine ganz große Leistung der Kuratoren, solche Verknüpfungen herzustellen. Ein bisschen hat mich die gekonnte Durchmischung von (im herkömmlichen Sinne) Kunst, Handwerk und Artefakten an die Documenta 2012 erinnert. Dass dem Gattungsdenken langsam die Luft ausgeht, das gefällt mir sehr.

Die Kunstzeitschrift Monopol fasst es besser zusammen:

Wenn eine Ausstellung mit dem Titel „Kunst & Textil“ mit Öl auf Leinwand beginnt, nämlich Gustav Klimts „Bildnis Marie Henneberg“, und mit einer Computersimulation (Peter Kogler) endet, liegt der Verdacht des Etikettenschwindels nahe. Aber wer diesen großartigen Parcours im Kunstmuseum Wolfsburg hinter sich gebracht hat, ist aufs angenehmste durchgeschüttelt und so grundsätzlich verunsichert, dass solche Material- feinheiten wirklich das geringste Problem darstellen.

annialbersAnni Albers, Textilprobe

Man wird auf diesem Parcours dann immer wieder überrascht und gefangen. Eine Mitreisende schrieb später in ihrem Privatblog:

„…verloren wir Suschna aus den Augen. Bei Louise Bourgeois ist sie fast hinter die Bilder gekrochen, um alle Details mitzubekommen.“

Louise Bourgeois Stoffarbeiten kannte ich ja nur aus Büchern. Wie anders, sie in Wirklichkeit zu sehen. Die Stoffe viel feiner als gedacht, alles (natürlich) viel haptischer. Überhaupt ist eine Ausstellung mit vielen Textilien so wunderbar sinnlich. Ja, hin und wieder duftet es sogar, nach Wolle oder Sisal.

Aunt Clara’s quilt, 1890 – 1915

Unmöglich, hier alles aufzuzählen. Gewundert hat mich ein bisschen, dass Quilts oder Patchwork keine Rolle spielen. Ein Quilt der Amish oder von Gee’s Bend hätte doch gut gepasst. Aber angesichts der Fülle der Exponate kam es darauf nicht an. (Ein bisschen in Richtung Improvisational Quilt gingen Patchworkstücke von Noa Eshkol, hängen im Treppenhaus).

Lieber nicht verpassen: Die kleine korallenartige Skulptur von Jens Risch (geniale Homepage), die aus einem Kilometer Seidenfaden geknotet ist. Ebenfalls eine Entdeckung: „Hirnschnitte“ aus Stoff von Birgit Dieker. Oder zwei Wandteppiche von Gerhard Richter. Oder oder und…

Wer war schon da, wer will noch hin? Es würde mich freuen, von euch zu hören, wie es euch gefallen hat. Mich hat der Besuch jedenfalls weit voran gebracht.

Zum Schluss daher noch ein Zitat von Henry van der Velde, das zu Beginn der Ausstellung steht:

„Es kam mir der Gedanke, durch eine Kunststickerei zu verwirklichen, was ich nicht mehr durch Malerei verwirklichen zu können glaubte.“

In diesem Sinne: Ein schönes Wochenende, mit viel Zeit für Handwerk!

14 Gedanken zu “Kunst und Textil in Wolfsburg

  1. Danke für die ausführliche Berichterstattung. Die vielen Namen, die hier gefallen sind, werde ich noch ausführlich erkunden. Leider, leider ist Wolfsburg ein wenig zu weit für mich, aber Rüsselsheim wäre etwas: da gibt es in den Opelvillen eine Ausstellung mit textilen Werken von Noa Eshkol (die du ja auch erwähnt hast).
    LG
    Siebensachen

  2. wie genial ist das denn! danke Suschna! von Hannover ist das ja auch nurn klacks. ich hatte zwar schon davon gehört, aber irgendwie als für mich nicht spannend weggeschubst so innerlich. denn mit nähen und stoff und so hab ichs halt nicht so, wohl ein kindliches Schul-Trauma:-). aber das ist ja wirklich total interessant. nochmal danke!
    sylvia

  3. Die Vorfreude schwillt an bei deiner begeisterten Schilderung.Besonders auf das Textile der Bourgois freue ich mich. Bis jetzt hatte ich im Original fast nur Plastisches gesehen.
    Wahrscheinlich könnte man solch eine Ausstellung viel öfter machen, aber die, die vor sich hinwerkeln jenseits der kommerziellen Kunstbetriebes muß man erstmal aufspüren!!!
    Gibt es denn eine guten Katalog oder Karten der Objekte?
    Und ich muß noch so lange warten!
    Sei herzlich bedankt fürs Echte!

  4. Der Katalog ist bestimmt wegen der Texte gut, aber ich wollte ihn nicht schleppen. Und Karten zur Erinnerung gab es nicht. Das ist zwar schade, aber irgendwie passt das auch, denn bleibender ist das Gesamterlebnis.

    Wie Sylvia sagt, viele sind bestimmt abgeschreckt wegen des Textilen – und die Textilfixierten vielleicht enttäuscht, weil die sogenannte Textilkunst eigentlich kaum eine Rolle spielt. Dafür jede Menge wichtiger und teurer Namen. In Berlin wäre so eine Ausstellung ein großer Renner, allein wegen der „Zugpferde“, die sich aber schön einfügen.

    • Wie ich gehört habe, wird die Ausstellung auch in Wolfsburg als eine der besten empfunden, die es dort je gab (obwohl ich die bei denen ich war bis jetzt immer gut fand (z.B. „“Archiskulptur“ und „Japan und der Westen“))

  5. Da ich in Wolfsburg wohne, war ich natürlich da und werde vor Ende der Ausstellung sicher nochmal gehen… Auch von mir eine unbedingte Empfehlung! Das Wolfsburger Kunstmuseum macht wirklich sehr beeindruckende Sachen und verschönert das Leben im Herzen der Automobilbranche etwas…
    Liebe Grüße!
    Antje

  6. Ganz unerwartet bekomme ich die Gelegenheit einen Monat in Berlin zu verbringen, die Ausstellung in Wolfsburg habe ich mir schon notiert. Danke für den Hinweis. Liebe Grüsse Waltraut

  7. Liebe Susanne,

    Tausend Dank für Deine Anregung! Ich war gestern in Wolfsburg und habe diese Ausstellung so sehr gemocht wie selten eine! Herzliche Grüße von Martina

    >

  8. Pingback: Verpaspelt | Suschna

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