Patina

Links: Bodendiele vom Dachboden. Ein gefräßiger Hausbock hat dafür gesorgt, dass alle Bretter weggeworfen werden mussten. Rechts: Stück der früheren Fensterläden unseres Hauses. Sie sind, bis auf solche einzelnen Stücke, verrottet.

Aufheben, Benutzen, Reparieren, Ersetzen, Wegwerfen – wie soll man mit alten Dingen umgehen? Meine persönlichen Entscheidungen laufen ungefähr so wie bei der Wiege von gestern  ab.  Dass ich die Wiege behalten wollte war ja klar, ich hatte sie schließlich gekauft. Sie sollte auch genutzt und nicht nur verwahrt werden. Für das Benutzen war der Inhalt aber doch ein bisschen zu schmuddelig, ich wollte ihn waschen. Bei dem Mehlsack habe ich mich dann dagegen entschieden, weil er mit zu besonders erschien. Auseinandernehmen und Säubern hätten der Patina und der Authentizität geschadet, die ich in diesem besonderen Fall gern erhalten wollte.

Im Ergebnis liegt unten nun noch die Mehlmatratze, bedeckt mit einem sauberen Tuch. Aus dem Stoff, der in dem Kopfkissen war und anderen Resten habe ich eine kleine Decke genäht – gefüttert mit einem Stück alten Betttuchs, das auch schon recht patiniert ist. Bei der Häkelbordüre habe ich mal wieder mit wenig Erfolg probiert, so feine Häkeleien wie die Frauen früher herzustellen.  Das ursprüngliche Kopfkissen ist trotz der Wäsche vergilbt geblieben, aber das stört mich nun nicht mehr so. Ich habe es neu gefüllt (mit Schnipseln einer Fleecedecke – da wird in siebzig Jahren wohl niemand mehr beim Hineinschauen staunen).

Warum ich das schreibe? Weil ich finde, dass der Umgang mit solchen Dingen immer eine ganz persönliche Entscheidung ist. Ich hebe vieles auf was andere wegwerfen und versuche, möglichst viel zu bewahren. Ich sehe aber auch, dass das gerade ein Trend ist.  Ich mag Patina aber nur, wenn sie „echt“ ist. Der künstliche Shabby-Chick-Look ist nicht so meins. Trotzdem bin ich da auch nicht konsequent: Unser Dach ist gerade neue gedeckt worden. Das Haus liegt in einem Denkmalschutzgebiet und ich hatte neue Ziegel mit künstlicher Patina ausgesucht. Im Nachhinein war das die richtige Entscheidung, denn so fügt sich das Dach gut in die Gegend ein. Aber man hätte auch sagen können: Ich nehme neue Ziegel und warte, bis sie „echte“ Patina bekommen.

Bei diesem Thema muss auch wieder an die Diskussion zum Thema Aura vor einer ganzen Weile denken. Die Ziegel haben keine Aura, sehen von weitem aber gut aus. Die Wiege hat Aura, und ganz besonders das Mehlsäckchen. Ungeheure Aura hat das Kuscheltier in der Wiege namens Tigrou – für unsere Familie. Jemand anderes würde den Armen wahrscheinlich einfach nur eklig finden.

Ob der neue Anhänger vom Foto oben Aura hat, weiss ich nicht. Ich finde ihn aber ganz schön. Auf jeden Fall enthält er auch wieder Textilien „mit Geschichten“ – die kenne nur ich.

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4 Kommentare

  1. Ja, genau. Nur echte Patina lebt.
    Auf dem Dach wäre mir das auch herzlich egal, aber so in der direkten Umgebung sind Kleinigkeiten mit Geschichte so herrlich sentimental.

    Ich mag deine Wiege so wie sie jetzt ist- das ist eine Verbindung aus den gegebenen Materialien und deinem eigenen Geschick. Solche kleinen Herausforderungen sind das Salz im Leben einer Näherin.
    Und die Geschichte dazu im Blog machen das hier so lesenswert.
    Danke!

  2. Ich beneide dich um die junge Puppenmutter(, die ja demnächst auf Gymnasialanwärterin spielen muss, da tut es gut im häuslichen Bereich so frei spielen zu können) bei dir und dazu um das süße Bettchen mit Quilt und um Tigrou, so sehen Haustiere aus, wenn sie geliebt werden!
    lg Carmen

  3. Die Fragen nach „Aura“, echter und unechter Patina und dem Wesen der Objekte sind für mich als Restauratorin täglich Brot und glücklicherweise trotzdem immer wieder interessant und inspirierend. Es freut und rührt mich sehr, wenn sie auch Menschen außerhalb meines Berufsumfeldes umtreiben…
    Bezugnehmend auf Deinen Kommentar bei annekata wollte ich Dich noch trösten: Wir Handnäher und Occhiinteressierten sind mehr als nur zwei, auch wenn wir nicht alle bloggen! Ich danke aber allen, die sich die Zeit dafür nehmen, da wir uns so am ehesten finden können und freue mich über jeden neuen Eintrag hier.
    Herzliche Grüße! Bele

  4. Wie das Schicksal so will, ist vorhin der Boden aus der Wiege herausgebrochen. Das wird nun brachial repariert, denn fürs Restaurieren ist das kleine Ding nicht wertvoll genug. Ja, mich treiben solche Sachen um und vielleicht wäre ich auch gern Restauratorin geworden. So dilettiere ich nun vor mich hin, aber es freut mich sehr, dass es doch noch mehr als gedacht gibt, die hier mitlesen und ähnliche Interessen haben. Vielen Dank für die Rückmeldungen, das macht immer Mut. Bele, wenn ich dann noch mal etwas über Occhi schreibe, meldest du dich hoffentlich wieder, denn da dilettiere ich noch viel mehr als ohnehin schon.

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