Trümmerfunde

Vor einigen Monaten hatte ich ja schon erwähnt, dass ich bei uns in der Nähe an einem Trümmerberg immer mal wieder interessante Scherben finde. („Urbane Archäologie“ nannte es Griselda ganz treffend).  Die Sache hat sich inzwischen zu einer fixen Idee ausgeweitet. Ich muss ständig vorbeischauen und im Unterholz nach den Überresten der Berliner Geschichte suchen. Wildschweine und BMX-Fahrer bereiten mir freundlicherweise vorher den Boden auf.

Ein Suchziel sind Scherben mit Mustern, wobei blau-weiße Geschirrteile am häufigsten vorkommen. Es gibt aber auch viele andere besondere Dinge, wie zum Beispiel dieser Teil eines Deckels, der vielleicht eine Zahnputzpaste enthielt:

Ich habe schon so viel gefunden, dass ich eine ganze Schauvitrine damit bestücken könnte.

Aber auch eine Weiterverarbeitung ist möglich. Zunächst habe ich ein paar Ketten aus Scherben gemacht. Ich will jetzt nicht wieder mit dem Thema Aura anfangen, aber für mich sind das viel mehr als nur irgendwelche Porzellan- oder Keramikanhänger.  Ob sie nun positiv oder negativ besetzt sind, das entscheidet jeder anders. Für meinen Hals sind sie gerade richtig.

 

Seltsam, ja fast unheimlich wird mir manchmal, weil ich relativ oft kleine Körperteile finde. Ich buddle und wühle ja nicht. Die Stücke liegen, wie beim Pilzsuchen, einfach da und wollen gesehen werden. Und so habe ich nun Teile von Biskuitporzellanpuppen, kleinen Statuen oder Puppenhauspüppchen. Die Wahrscheinlichkeit, so etwas an dem riesigen Berg (genau genommen sind es sogar zwei Berge) zu finden, ist eigentlich verschwindend gering. Und doch, es passiert immer wieder, als kämen sie extra für mich an die Erdoberfläche.

Insofern fühle ich mich als Scherbensammlerin berufen. Noch mehr „Müll mit Bedeutung“ ist zwar das letzte, was dieser Haushalt braucht, aber das Jagdfieber lässt sich nicht mehr aufhalten. Ist doch schon nett, dass  ich mich auf Kleinkeramik und nicht auf Bauteile spezialisiert habe.

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20 Gedanken zu “Trümmerfunde

  1. Faszinierend, was diese Berge nach und nach wieder freigeben – und die Häufigkeit von Puppenteilen gibt mir auch zu denken. Mit Sicherheit hatte jeder Haushalt Geschirr – aber Porzellanpüppchen? Deine Weiterverarbeitung zu Anhängern mit Häkelei finde ich genial, gerade durch den Kontrast von Porzellan mit dem Textilen. Wie wäre es als nächstes mit einem Puppenbein-Anhänger? Da könnte manch einem die Aura etwas zu viel werden.

  2. mir gefällt die idee, die scherben zu schmuck weiter zu verarbeiten, ebenfalls sehr, sehr gut. schade nur, dass man bei uns auf dem land so gar nix in der richtung finden mag – aber falls doch irgendwanneinmal (man weiss ja nie….), werd ich mir deine idee merken
    schönen pfingstmontag noch! andrea

  3. Porzellanscherben kann ich auch kaum widerstehen, wenn ich welche sehe. Meine Hauptsammelzeit hatte ich so mit 10, 11 Jahren, aber sie begeistern mich immer noch. Vor einigen Jahren habe ich in Lissabon viele auf der Straße aufgelesen (viele Hauswände sind mit bedruckten/bemalten Kacheln versehen) und daraus ein kleines Tischchen mit Scherbenmosaik gemacht. Die Kette passt zu dir, soweit ich das als Blogleserin sagen kann.

  4. Die Ketten sind wunderschön. Wie genau macht man Scherben zu Anhängern? Sind sie umhäkelt? Auf den Bildern kann ich das nicht so genau sehen.

  5. Es ist verrückt! Ich war schon so oft auf diesem Trümmerberg zum Drachensteigen oder Schlittenfahren, aber ich habe noch nie etwas gefunden. Entweder ignorant oder die Teile sind wirlich für dich bestimmt ;-). Die Ketten sind wunderschön, aber die Puppenteile finde ich eher bedrückend (und als Anhänger unvorstellbar für mich, wie unheimlich).
    Vielleicht finde ich ja nächstes Mal auch mal was…
    Lg
    Aylin

  6. Tolle Sachen, die du da gefunden hast. Die Kette ist wirklich besonders schoen. Wie Lucy auch schon bemerkte, der Kontrast von weich und hart, ist sehr interessant. Ich frag mich auch, wie du die umhaekelt hast. Muss man viel zaehlen? Das ist naemlich leider ueberhaupt gar nicht meine Staerke. Die Puppenteile finde ich irgendwie morbide faszinierend. Wuerde ich mir zwar wahrscheinlich nicht um den Hals haengen, koennte ich mir aber gut in einer von Joseph Cornell’s Kaesten vorstellen.

  7. Nein, das ist ja das Gute am „organischen“ Häkeln, dass man nicht zählen muss sondern einfach guckt, wie lang etwas wird. Für die Scherben kann man entweder eine Platte für die Rückseite in Form der Scherbe häkeln und dann so stark abnehmen, dass ein Rand entsteht, der die Scherbe umfasst. Oder man häkelt nur einen schmalen Streifen, den man dann fest um die Scherbe legt und zum Ring verbindet. Je nach Spannung/Breite des Streifens/Größe der Scherbe muss man dann noch kleben. Den kleinen Anhänger für das Band kann man auch häkeln, oder man schiebt einen Metallanhänger durch die Häkelei. Ich könnte mir die Umrandung auch gut in Silber o.ä. Metall vorstellen, aber dazu müsste ich dann erstmal einen Schmiedekurs machen.
    Scherben kann man ja überall finden – inzwischen fällt mir zum Beispiel bei Schotterstraßen oft auf, dass da Keramikstücke zu sehen sind. Wie beim Pilzesuchen muss man nur erstmal einen Blick entwickeln.
    Die Körperteile und die anderen „besonderen“ Funde würde ich nicht zu Schmuck verarbeiten, für die stelle ich mir tatsächlicher eher thematisch geordnete Kästen vor.

    • Vielen Dank suschna. Ich muss mich mal an’s organische Haekeln begeben. Und dann ziehe ich in eine Gegend, in der es schoene Scherben gibt. Hier gibt’s ja nur Home Depot Scherben, und die kann man sich dann leider doch nicht um den Hals haengen. Allerdings gibt es huebsche angeschlagene Vintage Teller mit Blumen……..Allerdings ist Finden irgendwie schoener, als zertruemmern.

  8. Ich finde in unserem Garten beim Beete umgraben auch immerwieder Scherben, meistens Reste von schönen Irdenentöpfen manchmal auch Porzellan oder Pressglas. Ich hebe jedes Teil auf und sammle die Stücke in Rexgläsern das sieht auch noch sehr nett (shabby) als Deko aus. Früher war es bei Bauern anscheinend ganz normal allen Müll gleich beim Haus oder im Garten zu vergraben und das Unverrottbare kommt jetzt langsam hoch. Ich freue mich immer wenn ich was finde, ich verstehe also Deine Begeisterung.
    Zum Umhäkeln:
    Bevor ich die „Anleitung“ von Dir gelesen habe machte ich mir schon Sorgen ob die Scherben am Hals nicht kratzen aber mit weichem Rand scheint das zu passen.
    Liebe Grüße
    Teresa

  9. Ich hab jetzt lang drüber nachgedacht. Über Deinen Beitrag. Über die Kommentare. Ich finde, dass Du auch die Puppenteile durchaus tragen könntest. Gut, eine Puppe sieht einem menschlichen Körper sehr viel ähnlicher als die Scherbe einer Tasse oder Kachel, aber nichtsdestotrotz sind alle Deine Scherben Manifeste der Zerstörung und des Untergangs, was nicht heißen soll, dass sie auch danach nicht noch schön sein und/oder aber Ausrufezeichen einer Aussage sein können. Die Scherbe, die Du da um den Hals trägst, die könnte somit durchaus z. B. vollkommen hypothetisch zu einer Tasse gehört haben, an der der/die Besitzer/in mit sehr viel mehr Liebe und Gefühl hing, als jemals z. B. an der Puppe gehangen wurde, die nun mit diesem Gesichtsfragment auf Deinem Foto zu sehen ist. Ja. Ich würde tatsächlich beides tragen.
    Vielen Dank für die Denkanstöße, die ich immer wieder bei Dir finde.
    Herzliche Grüße,
    Ev

    • Ich stelle mir tatsächlich bei jeder Scherbe vor, wozu sie einmal gehört hat. Der untere Anhänger z.b. war offensichtlich einmal Teil einer kleinen Vase. Vielleicht standen da Schneeglöckchen drin.
      Über den Links von Kathrin (weiter unten) weiß ich nun, dass das alles ganz normal ist. In der Themse wird schon lange nach dem Londoner Geschichtsmüll gesucht, siehe Zeitungsartikel.

  10. Bei deinem ersten Fundepost mußte ich gleich an einen Urlaub denken, indem die Kinder in einem Flüßchen in Thürigen beim Durchwatem Scherben entdeckten und dann war natürlich ans Rauskommen nicht mehr zu denken. Vorrangig weiß und auch diverse Körperteilchen. Nach einigen Recherchen fanden wir heraus, dass am Fluß eine Porzelline war, die ihren Bruch früher einfach ins Wasser gekippt haben . Wasser war wohl oft ein Entsogrungsmittel. Auch an der Elbe konnte man bei rtockenen Sommern Scherben finden. Das weckt extrem den Sammler und Jäger finde ich. Im Berliner Friedrichshain gibt es doch eien Berg “ Mont Klamott“, der aus dem Kriegschutt entstanden ist. vielleicht ist dein Berg auch so einer. irgendwo mußte man ja hin damit. Und Porzellanpüppchen und Nippes gab es allerhand, was die Köperteilé erklären würde. ich hatte immer gehofft es in einem Mosaik zu verarbeiten, aber dieses Idee werde ich wohl eher in meinem zweiten Leben umsetzen.
    Sammlergrüße von Karen

    • Das erinnert mich daran, dass ich kurz nach der Wende bei einer Angelbegleitung an der Flöha in dem klaren Wasser eine ganz kleine Kunststoffpuppe gefunden habe. Die habe ich auch heute noch.
      Unser Berg hier ist quasi der Mont Klamott in Westberlin, der Teufelsberg. (Schöner Name ohnehin für übersinnliche Findevorgänge).

    • Ach du lieber Himmel, das kann ja heiter werden. Dann gibt es vielleicht irgendwann eine geschlossene Teufelsberg-Buddler-Gesellschaft, jeder Fund muss von einem Archäologen begutachtet werden und wer was mitnehmen will, braucht eine Ausfuhrgenehmigung? Vielleicht mache ich irgendwann Buddelführungen am Berg und die Leute stecken ihre Claims ab? Wahnsinn.
      Na, bisher sehen es noch alle als Müll an. Römische Sandalen, wie in der Themse, werde ich mit Sicherheit nicht finden. Toll da, in London! Danke für den Hinweis.
      Nach allem, was ihr schreibt, ist das Scherbenfinden ja weit verbreitet. Wenn ihr mal etwas daraus macht, schickt mir doch ein Foto (Danielas Tisch z.B. würde ich ja gern sehen). Viel Spaß beim Suchen und Finden!

  11. Total faszinierend, ich würd am liebsten den nächsten Zug nehmen und mich auf die Suche machen…wenn ich das nächste mal in Berlin bin vielleicht/hoffentlich. Du hattest schon vor langem mal vom Teufelsberg geschrieben und ich war total erstaunt, noch nie etwas davon gehört zu haben. Ich war bevor ich Kinder hatte ziemlich oft in Berlin (immerhin wohn ich gut 5 Stunden ICE entfernt) aber von sowas tollem hatte mir noch niemand erzählt. Erzähl uns mehr davon!!
    LG, Katharina

  12. Chère Suschna,
    la prochaine fois que je t’inviterai avec ta famille, tu auras le droit de me ramener un de ces beaux pendentifs que je viens d’admirer. Ils sont superbes. BIZ et bonnes vacances!
    isabelle f.

  13. Pingback: Stoffmanipulation – Spielerei im Oktober « Suschna

  14. Pingback: Scherbenanhänger II | Suschna

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