Aura?

Wie schon erwähnt sind in dem Broschenkasten auch Dinge „mit Bedeutung“ verarbeitet.  Hier ein paar Beispiele:

Ergraute Unterwäsche
Ergraute Unterwäsche

 

Vom Mann heissgeliebtes T-Shirt, das sie nie mochte
Vom Mann heissgeliebtes T-Shirt, das sie nie mochte

 

Fensterleder, daraus wurde für den ersten Freund ein Hemd genäht (damals Idee aus der Brigitte)
Fensterleder, daraus wurde für den ersten Freund ein Hemd genäht (damals Idee aus der Brigitte)

 

Strandglasanhänger (Welcher Strand? Ist das wichtig? Ja.)
Strandglasanhänger (Welcher Strand? Ist das wichtig? Ja.)

 

Teile aus einem gefundenen Regenschirm
Teile aus einem gefundenen Regenschirm

 

Der Regenschirm, weggeworfen an einer Stelle, an der Kinder täglich unter Polizeischutz auf ihren Schulbus warten.
Der Regenschirm, weggeworfen an einer Stelle, an der Kinder täglich unter Polizeischutz auf ihren Schulbus warten.

 

Himmelblaue Ehebettwäsche, damals schwer zu finden
Himmelblaue Ehebettwäsche, damals schwer zu finden

 

Was macht das nun eigentlich für einen Sinn? Verändern sich die Broschen, wenn man die Geschichten dazu kennt? Ich habe hier schon verschiedene Reaktionen gehabt. Manchen werden die Broschen mehr wert, ja überhaupt erst interessant, manche dagegen graut es vor Schmuck aus ergrauter Unterwäsche.

Werden die Broschen durch die Erinnerungen „aufgeladen“?  Ich glaube ja generell daran, dass Gegenstände eine Aura haben können, aber ich frage mich, ob sie nur im Kopf stattfindet.  Was, wenn ich mir diese Geschichten nur ausgedacht habe? Oder mich falsch erinnere?  Ist dann die Aura eingebildet? Wenn ich im Neuen Museum antiken Goldschmuck bewundere und dann erfahre, dass es nur eine exakte Replik ist – dann ist für mich die Faszination weg, das habe ich so erlebt. Es fehlt die „historische Zeugenschaft“ (den Begriff habe ich hier aufgesammelt).

Viele Fragezeichen. Meine Geschichten sind jedenfalls nicht erfunden. Und ich weiß auch wirklich nicht mehr, von welchem  Strand das Strandglas kommt -besser wäre es, ich wüsste es. Oder?

.

17 Kommentare

  1. Ich liebe die kleinen Altagsgeschichten für mich macht es die Broschen liebenswert und für Dich wertvoll weil das was für mich eine Altagsgeschichte ist, für Dich wertvolle Erinnerung ist.

    Im Museum erwarte ich auch Originale und diese Erwartung wird nicht immer erfüllt. Aber Kunstwerke oder Handwerkstücke berühren schon auf besondere Art wenn es sich um Originale handelt. Das wissen, dass dieses Stück vor 100 oder 1000 oder noch mehr Jahre ein anderer Mensch hergestellt/ benütz hat ist schon was besonderes. Mich persönlich berühren Altaggegenstände immer besonders und weniger Kustwerke die zum Zweck der Repräsentation hergestellt wurden. Altasgegenstände retten sich ja oft nur durch einen Zufall in unsere Zeit und sind nicht extra für die Nachwelt hergestellt. Vielleicht ist es das was mir besonders gefällt.

    Leider kann ich das jetzt nicht besser erklären aber ich hoffe Du verstehst den Unterschied.
    Liebe Grüße
    Teresa

  2. Benjamin mit seinem Standardwerk – da schließt sich ja für mich ein Kreis. Hätte nie gedacht, dass ich auch in der Bloggerwelt darüber stolpere …. Und die Broschen: interessant mit oder ohne „Aura“

  3. Du hast deinem ersten Freund ein Hemd aus einem Fensterleder genaeht? Mannomann. Die Stiefelgeschichte war uebrigens auch sehr schoen und hat mich ein kleines bischen entmutigt. Aber nur ein bischen!

    Den Ausdruck „Historische Zeugenschaft“ kannte ich gar nicht, werde ich mir aber merken. Bei mir ist die Emotion auch sofort weg, wenn ich weiss, dass es eine „Nachbildung ist“. Wenn es schwierig ist zu erkennen, ob es eine Nachbildung ist, bin ich besonders genervt. Weil „Nachmachen oder -bilden“ kann ja irgendwie jeder, es ist die erste Iniative mit all ihren Ideen, die zaehlt. Und ich glaube auch, dass die Umgebung in ein originales Objekt mit einbezogen wird, Erinnerungen und Kontext. So wie deine traumhaften Blumen. Ich bin sehr froh zu wissen, dass diese tollen Blueten aus Bettwaesche, Regenschirm und Unterwaesche entstanden sind. Macht sie irgendwie doppelt schoen. Ich habe sogar manchmal Muehe ein Schnittmuster zu benutzen, weil ich mit das nicht selbst ausgedacht habe…

  4. Eine mit Erinnerung gefüllte Brosche ist 100 mal mehr wert – für mich. Auch wenn sie aus Unterhosen wäre!!!Dinge, die ein zweites Leben haben dürfen, haben mir schon immer gefallen.
    Das Traurige ist, das ich anderen Dingen, deren Geschichte ich nicht erfahren durfte weit weniger Aufmerksankiet schenke, obwohl sie es vielleicht genauso verdient hätten.
    Eine Replik löst bei mir Achtung des Handwerks aus, aber Emotionen kommen viele eher hoch bei Originalen, egal wie vollständig man sie betrachtehn darf.
    getragene Grüße von Karen

  5. Ob Dinge eine Aura haben, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass ich Sachen vom Trödelmarkt nicht mag, weil ich nicht weiss, wer sie vorher besessen hat, dass ist mir irgendwie unheimlich. Obwohl ich sonst ein eher rationaler Mensch bin.
    Bei deinen Broschen finde ich es schön zu wissen, welches Material du verwendet hast und wie die Geschichte dahinter ist.
    Liebe Grüsse, Allerleirauh

  6. Einmalig sind die Broschen , aber auch in Manufaktur hergestellte Sachen können einmalig sein, da sie sich in winzigen Details unterscheiden. Aura heisst ja eigentlich Hauch, Windhauch -der Erinnnerung -in diesem Fall.

  7. hallo Suschna,
    Vielen Dank für diesen Ergänzungsbeitrag zum Broschenkasten. Damit und durch vorerst ein flüchtiges Studium der Walter Benjamin Werke eröffnet sich mir eine weitere Perspektive. Zuerst freue ich mich über ein neues Wort: Apperzeption ( was mal nichts mit Blinddarm zutun hat), sondern mir die Aneignung eines Gegenstandes durch das Zusammenspiel von sinnlicher und geistiger Wahrnehmung nahebringt. Prima. Gefühlt habe ich sowas ja schon, aber dafür kenne ich nun ein Wort.
    Ein bißchen Angst macht mir aber seine Sichtweise auf die Fotografie und mögliche politische Vereinnahmung? Dazu habe ich aber noch nicht tief genug geschürft und hoffe, dass die Fotografie noch gut dabei weg kommt.
    lg Carmen

  8. Ich finde das ja eher lustig, wenn eine Unterhose igitt ist. Warum denn eigentlich? Oder war sie ungewaschen? Ich finde die Geschichte gehört dazu. Ich merke das jetzt bei stricken, weil das ja doch viel viel länger dauert als das nähen: die Zeit und die Begegnungen in oder während der ich gestrickt habe, fließen mit in das Teil ein, z.B. bei den Sachen die ich in Frankreich gemacht habe. Die sind mit der Zeit verbunden. Was du über Repliken schreibst geht mir meistens so. Aber es gibt auch Ausnahmen, ich finde es z.B. nicht so schlimm, dass die Höhlen von Lascaux nach gebildet wurden weil die Originale sonst nicht zu retten wären.
    LG Catherine

  9. Für mich gewinnen Dinge auch an Wert, wenn ich weiß, dass sie eine Geschichte haben. Wobei für mich Handarbeiten per se eine Aura haben – unabhängig von dem Verwendeten… Ob die Aura eine Kopfsache ist, ist ein interessanter Gedankengang. Dein Beispiel mit den Repliken bringt mich ins Grübeln!
    Dabei – macht es denn einen Unterschied, ob die Aura nur im Kopf oder auch außerhalb existent ist? Ist denn mein Innenleben nicht genauso real, wie etwas, was ich sinnlich erfassen kann? Ich trotze dem Materialismus und behaupte: Wenn ich eine Aura wahrnehme, ist da eine Aura. Punkt.
    Über deinen Brief habe ich mich übrigens außerordentlich gefreut, liebe Tante Susanne. Und dein Wunsch hat mich noch mehr zum grübeln gebracht, als dieser Post hier…
    Liebe Grüße
    Katharina, die heute mal ganz bestimmt so bleibt, wie sie ist…

    Ach, und warum warten die Kinder denn unter Polizeischutz auf den Bus?

  10. Ja, ich finde schon, dass die Dinge durch die Geschichten eine andere Bedeutung oder besser: eine zusätzliche Bedeutungsschicht bekommen. Wenn nicht, dann dürfte es ja auch niemandem vor Broschen aus vergilbter Unterwäsche grausen, schließlich ist das auch nur Stoff. Was ich in der Hinsicht z. B. nicht ertrage, das ist dieser Schmuck aus Haaren, der im Biedermeier hergestellt wurde, das ist mir eindeutig zu viel Aura. Man kann natürlich ganz rationalistisch diese Überreste magischen Denkens beiseite wischen, aber dennoch steht noch in manch einem Heimatmuseum eine Tasse oder ein Teller, den Napoleon benutzt haben soll, als er in der Gegend war. Bei Repliken im Museum fühle ich mich auch immer ein wenig betrogen und verliere das Interesse. Wobei ich mich frage, inwiewieit dieser Glaube an eine Aura des Originals, die an dessen Materialität geknüpft ist, bei uns nur eine kulturell eingelernte Haltung ist. Ich habe schon öfter gelesen, dass man in China z. B. eine andere Haltung zum Original hat, und dass dort Sehenswürdigkeiten, alte Häuser halt abgerissen und neu nachgebaut werden, und dass dieser Nachbau den gleichen Stellenwert hat wie das Original. Bedeutet das, dass die Idee zählt, und die materielle Verwirklichung nebensächlich ist? Ich kann das nicht so richtig einordnen. Ansonsten nehme ich ja an, dass die meisten Kulturen die Verknüpfung von Dingen mit einer Aura kennen, dass die Eigenschaften des Besitzers/Benutzers auf das Ding übergehen usw.

  11. fliegende aura
    ich bin mir sicher: es gibt sie, die aura. ich bin mir sicher: man kann aura einfangen. und ich glaube: sie muss nicht materialisiert sein. rikuo ueda (www.mikikiosatagallery.com) hat auf einer ausstellung in hamburg kleine plastiktüten mit dem wind aus der ganzen welt aufgehängt. ein taifun vom pazifik (eingfangen am nachmittag) hing neben dem mistral des mittelmeers (gefunden am frühen morgen) und der sanften briese der ostsee.
    kaum aus der galerie getreten, erfasste uns ein windstoss. ich fühlte mich umarmt.

  12. Zu jedem eurer Kommentare könnte ich gleich wieder etwas schreiben, das würde den Rahmen sprengen. Ich danke euch für so viele gute Gedanken! Ich werde auf das Thema bestimmt bald wieder zurückkommen, denn ich habe hier noch eine ganze Menge Aura-Sachen herumliegen, die ich verarbeiten möchte. (Und auf meiner Festplatte liegt ein halbfertiger Post über Schmuckstücke aus Haaren – die finde ich faszinierend).
    Also danke nochmal für eure Beiträge. Mit so einem Gedanken-Mosaik kommt man der Sache viel näher.

  13. Sinn liegt in den Augen der Betrachterin.
    Dieser abgewandelte Satz (von Schönheit liegt …) kam mir sofort in den Sinn beim Lesen deiner ersten Zeilen.
    Gleiches gilt: Sinn entsteht für den Schaffenden mit den Händen und den Augen.
    Das ist das Phaszinierende am Arbeiten mit der Hand (zumindestens kann es das sein).
    Ob nun alte, persönlich bedeutungsvolle Sachen verwendet werden oder, wie Cat, schrieb, die Örtlichkeit, die Zeit, das Umfeld mit einfließt.
    Ich gehe nicht so weit wie Kathrin, die vor fertigen Schnitten zögert. Ich kann immer meinen persönlichen Sinn hineinbringen, durch die Gedanken beim Herstellen, beim Auswählen des Materials, beim Hinzufügen von Extra-Ideen.
    Manchmal entsteht eine (innere? eingebildete?) Verbindung zu derjenigen, die sich ein Strick-, ein Schnittmuster ausgedacht hat.

    Ichh bedauer, von der Windausstellung (Claudihh) erst jetzt erfahren zu haben. Solche Installationen finde ich spannend.

    Herzlichen Gruß
    Tally

Falls ein Kommentar nicht gleich erscheint, muss er erst freigeschaltet werden. Dann bitte etwas Geduld. Vielen Dank!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s