Böse Dinge

Im Museum der Dinge in der Kreuzberger Oranienstraße läuft noch ein paar Tage eine Ausstellung zum Thema  Kitsch, Geschmacksverirrung, gutes und schlechtes Design.

Ich bin ganz begeistert, sowohl von der ständigen Ausstellung des Museums als auch von den vielen gruseligen Gegenständen, der Sonderausstellung!  Wer eine böses Ding mitbringt, bekommt freien Eintritt.  Das Ding kann man dann entweder von vier Zerstörungsmaschinen vernichten lassen, oder man erklärt anhand einer ausführlichen Kategorisierung schriftlich, warum es so schlimm ist.

Originelle Schmuckgedanken neben Dekorübergriffen unter Ornamentenwut und Schmuckverschwendung

Die Kategorisierung beruht auf einem System, das  der Museumsdirektor Gustav Pazaurek  vor hundert Jahren entworfen hat.  Sein Werk „Guter und Schlechter Geschmack im Kunstgewerbe“  darf man durchblättern, wenn man sich Handschuhe überzieht.

Dazu gehören die seltsamsten Sparten: Patenthumor, Dekorübergriff, Hurrakitsch, Materialpimpeleien (letzteres z.B. ein Puppenschaukelstuhl aus Wäscheklammern).

Eigentlich hatte ich mir ja Antworten zu der Frage erhofft, ob z.B. Blumenkranzdecken für Geburtstagstische Kitsch sind, aber nach reiflicher Überlegung gibt mir die Ausstellung die einzig richtige Antwort: Man darf das alles nicht so eng sehen. Ein spielerisches Vorgehen ist ratsam, mit ein wenig Augenzwinkern und Abstand werden auch die fragwürdigsten Gegenstände erträglich.

Die wirklich sehenswerte und witzige Ausstellung läuft noch bis zum 11. Januar 2010. Aber auch für die Zeit danach garantiert das Museum mit seiner Sammlung von Alltagsdingen über hundert Jahre hinweg einen interessanten Besuch.  Man sieht plötzlich Dinge aus seiner Kindheit, an die man sich sonst niemals mehr erinnert hätte.

Wer weiss noch, wozu diese Anhänger dienten?

Rundkopfwäscheklammern werden als Beispiel für zeitloses Design gezeigt:

Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass deren Bemalung, Verzierung mit Geschenkband, Hütchen und Flügeln aus Naturmaterialien von Herrn  Pazaurek  als Geschmacksverirrung verworfen worden wäre. Die Klammerdamen wären wohl in die Kategorie „wunderliches Material“ gefallen – damit kann man doch ganz gut leben.

Museum der Dinge, Oranienstraße 25

(Das Museum liegt über der NGBK und der Blindenanstalt, wo man danach noch einen Kaffee trinken kann. Oder man nimmt gleich daneben bei Smyrna   einen Tee und knabbert ein paar geröstete Kichererbsen.)

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10 Kommentare

  1. Das hört sich spaßig und interessant an. Manchmal wünschte ich mir auch eine Definition für Kitsch oder böse Dinge. Hast Du ein böses Ding mitgebracht und bekamst freien Eintrit? Wofür die Anhänger sind, weiß ich nicht. Sie kommen mir bekannt vor, ich glaube, sowas war in Knall Bonbons drin.

  2. Nur noch bis zum 11.? Dann muss ich mich mit der Blinkente ja beeilen.
    Die Anhänger hätte ich für Beschwerungsteile für Tischdecken (im Sommer, damit sie nicht wegfliegen) gehalten, aber die, die ich kenne, haben kleine Klammern. Diese S-Haken kann man ja nur an etwas befestigen, das eine Öse hat. Hm.

  3. Hallo Suschna,

    das scheint eine tolle Ausstellung zu sein. Die kleinen Anhänger gab es in meiner Kindheit (Bj. 1961). Man hängte sie an den Rand von (Bowle-)gläsern, um Verwechslungen zu vermeiden.
    Schöne Grüße von einer bis jetzt stillen Leserin,
    Muddies

    • Ja, das waren „Markierungshäkchen“ für Gläser – so etwas könnte ich heute auch noch gut gebrauchen. Vielleicht bastel ich mir mal welche. Vielen Dank fürs Melden – ich frage mich ja immer mal wieder zwischendurch, wer sich überhaupt für mein Geschreibe interessiert.

  4. Schade, dass schaffe ich nicht, hört sich nach viel Amüsement an! Gratwanderungen dieser Art oder Grenzgänge sind spannend. Dieses Museum kannte ich noch garüberhaupt nicht, da bin ich jetzt sehr neugierig, aber der nächste Berlinbesuch stehet erst im Frühling an.
    Danke fürs zeigen!

    Kitschgrüße von Karen

  5. Ich weiß es!!!!! die waren vor vielen, vielen Jahren mal als ‚Erkennungs-Anhänger‘ für Bowlengläse gedacht.
    Ich habe nämlich im November ein Karussel mit vielen dieser kleinen Anhängerchen geerbt (hm, vielleicht sollte ich die mal fotografieren und bloggen…)

    Nach Deinem Beitrag bin ich übrigens in Celle mal wieder in meinen Lieblings-Flohmarktladen gegangen und habe wunderschönen Kitsch gekauft :-)

    Nur, in das Museum schaffe ichs nicht, zu weit :-(

    Liebe Grüße
    Frauke

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