Notizen aus New York

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Ganz spontan mal eben nach New York – das geht, wenn man erst günstige Flüge ergattert und dann auch noch ein nettes Airbnb-Zimmer findet. Es hat mir gut getan, meine Bequemzone zu verlassen und mich ohne große Vorplanung ins (vermeintliche) Abenteuer zu stürzen. Hier nun ein paar Tipps, fast alle kostenlos.

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Flug, Zimmer und Nahverkehr

Dank des Bordprogramms mit hunderten Filmen und Serien zum Auswählen lässt sich der lange Flug gut überstehen. Wenn man  dann auch noch im Nähzimmer einer New Yorkerin übernachten kann, ihre Küche benutzen darf und für 30 Dollar eine Wochenkarte Nahverkehr kauft, sind die wesentlichen Grundbedürfnisse erfüllt. (New York hat die Vermietung ganzer Wohnungen über Airbnb zwar verboten, Privatzimmer dürfen aber weiterhin angeboten werden).

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Pendlerfahrt mit der Staten Island Ferry

Eine gute Idee, wenn man angekommen ist und dem Jetlag nicht nachgeben will: Eine Abendfahrt mit der Staten Island Ferry, hin und zurück an der Skyline und der Freiheitsstatue vorbei. Die Fahrten kosten nichts, außerhalb der Rushhours gibt es auch genug Platz.

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Andere Sehenswürdigkeiten für Spaziergänge und Staunen: Die Highline (eine ausgediente Hochbahntrasse), der Times Square, der Gang über die Brooklyn Bridge bei Nacht und vieles mehr.

Shoppen

Unglaublich aufwendige Schaufensterdekorationen, schöne Geschäfte – einen ganzen Tag kann man nur mit Gucken verbringen. Im Quilter- und Strickhimmel PurlSoho war ich auch. Selten habe ich ein Geschäft gesehen, in dem vor allem die Stricksachen so geschmackssicher ausgewählt waren. Gekauft habe ich nichts, alles zu schön. Geld ausgegeben habe ich dafür im Vintage-Laden Beacons Closet. Anders als in Berlin ist die Auswahl toll und man findet für unter 20 Dollar schöne Stücke, Designerlabel kosten nur unwesentlich mehr.

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Dieses Kleid ist nun mein – ich freue mich über die Handnähte im Saum.

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Ausstellungen

Eintritt frei für zwei schöne Ausstellungen im Museum des Fashion Institute: Zum einen geht es dort um Uniformen und Mode, Uniformity.

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Zum anderen ist Kleidung der Gräfin Greffulhe zu sehen, It-Girl um 1900 und Muse für Frauenfiguren in Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Die Ausstellung war vorher in Paris, Fashiontwist berichtete darüber.

Proust’s Muse, The Countess Greffulhe at The Museum at FIT, noch bis 7.1.2017

Proust's Muse, The Countess Greffulhe Installation View ccnc

Im Met war gerade keine Kostümausstellung, mir war es dort auch zu voll. Leider sind die bekannten Museen oft ziemlich teuer. Im MoMA kommt man aber freitags ab 16 Uhr umsonst hinein, im MetMuseum und kann man den Eintritt selbst bestimmen. Im Guggenheim läuft zur Zeit Agnes Martin – das ist ein Genuss für alle, die Monochromes mögen. Viele der Ölmalereien wirkten wie gewebt, wie textile Oberflächen – abgesehen davon, dass bei durchscheinender Struktur der Leinwand ja immer eine stoffliche Haptik bleibt.

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Was mir sonst aufgefallen ist

Das Zusammenleben in der Großstadt läuft viel ziviler ab als in der Berlin. „Folks, make an effort, move a little, then we can all get in – be kind!“ ruft ein Mann an der Tür der proppevollen U-Bahn. Undenkbar in Berlin.

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Obwohl die Bevölkerung ethnisch extrem gemischt ist, sah ich kaum Muslima, die Kopftücher trugen. Dafür waren (wohl wegen des Laubhüttenfestes) um so mehr jüdisch-orthodoxe Großfamilien unterwegs. Die oft erstaunlich jungen Mütter bedeckten ihr eigenes Haar mit Perücken und trugen insgesamt einen Look, der betont an die 50ties erinnerte, darüber wunderte ich mich, das muss ich noch weiter recherchieren.

Was mir gefehlt hat: Essen aus Porzellangeschirr, gutes Essen, Essen mit Muße. Die Norm sind Schnellrestaurants mit Pappbechern und Tüten, auch in den Wohngebieten schwirren überall Lieferanten herum, die den Menschen selbst das Frühstück mit dem heißen Kaffee in den 5. Stock an die Tür bringen. Jetzt verstehe ich auch die unübersehbare Werbung von Lieferdiensten wie Lieferando hier in Berlin, die den Markt offenbar erschließen wollen – in New York ist es längst die Norm, nicht mehr selbst zu kochen. Ich glaube, das wird eine der Neuerungen, die ich aufgrund fortgeschrittenen Alters nicht mehr in meinen Lebensstil integrieren kann. Auf Fahrdienste wie Uber freue ich mich aber – die sind in einer Großstadt wirklich praktisch.

Nun muss ich erst einmal den Jetlag auskurieren und mir überlegen, ob ich etwas zur Stoffspielerei bei Griselda morgen beitragen kann, das Thema ist „Blätter“. Sie hat auch wieder einen neuen tollen Taschenschnitt im Angebot, geht ruhig mal gucken.

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(Im Shop des Guggenheim Museums wird Hedwig Bollhagen zu astronomischen Preisen verkauft  – das hätte sich die Keramikerin sicher nicht träumen lassen.)

19 Gedanken zu “Notizen aus New York

  1. Im Nähzimmer einer New Yorkerin übernachten?
    Himmel.
    Auf Erden. :)
    Mich überzeugtes Landei zieht es ja gar nicht nach New York, aber bei dir klingt es nach einer sehr entspannten Zeit. Wenn du das ohne Vorplanung hinbekommst, dann bist du ein Naturtalent. Ich wäre vermutlich hilflos.Und würde mich tagelang in Museen verkriechen.

    Als ich neulich ein paar Tage in Berlin war dachte ich übrigens auch, dass ich dort erstmal nicht kochen würde. Falafel, Fish&Chips, unzählige Cafés und Veggiebuden. Und diese Thaiwiese am Fehrbelliner Platz! Hammer.
    (Aber ok, dazu muss man natürlich immer aus dem Haus.)

    • Das mit dem Crafting-Room hatte dann auch den Ausschlag gegeben – ich nahm es als ein Zeichen, die Idee wirklich durchzuführen. Alledings war ich mit Teenagerbegleitung, da ist nichts mit hilflos, und Museum ging jeweils nur im Schnelldurchlauf :)
      Wenn du in Berlin klarkommst: New York schien mir sogar einfacher, netter und sicherer!

  2. Ach, wie schön Dein Bericht, ich habe oft an Euch gedacht. Meine Jungs und ich überlegen Deinen Trip in den kommenden Herbstferien nachzumachen. Ob ich dann allerdings in eine einzige Ausstellung komme ist fraglich. Sicherlich ist diese Stadt überall und in jeder Hinsicht so sehenswert, dass alles passt was so kommt. Danke für die tollen Tipps und Einblicke.
    Zum Thema jüdische Lebenskultur und den Perücken kann ich Dir ein Buch ausleihen. „Ich bin verboten“. Harter Titel zu einem uns (mir zumindest) sehr fremden Thema und einer so ganz anderen Lebenskultur.
    Liebe Grüße, Birgit

    • Für Teens ist die Stadt sehr gut geeignet, ständig begegnet man aus Serien, Filmen, youtube etc. legendären Dingen. Die Museumsbesuche musste ich per Kompromiss aufwiegen mit anderen Dingen, zu denen ich keine große Lust hatte. Ansonsten ist in den Museen eigentlich immer freies WLan, das beschäftigt gelangweilte Besucher auch gut.

    • Dieses Buch ist durchaus lesenswert – allerdings geht es darin auch wieder nur um eine bestimmte ultra-orthodoxe Gruppe, keineswegs um das orthodoxe Judentum generell.

  3. Agnes Martin würde ich wohl auch gerne sehen… und Übernachtung im Nähzimmer ist ja wunderbar! Das auswärtige (oder gelieferte) Essen hilft in New York halt auch, Wohnraum in Form der Küche einzusparen. So weit ist es hier zum Glück noch nicht. Und dein neu erstandenes Kleid ist eine perfekte Erinnerung daran, öfter mal die Komfortzone zu verlassen.
    Die Kombination der Perücken mit der Fifties-Mode finde ich eine interessante Beobachtung. Vielleicht einfach eine insgesamt stimmige (perfekt frisiert+weiblich konservativ gekleidet) Kombination für stylische orthodoxe Jüdinnen? Ich bin gespannt, was du herauskriegst.
    LG, Bele

  4. Ich wohne in der jüdisch-orthodoxen Gegend von London und finde die Frauen hier eher wie in den frühen 60ern gekleidet – frage mich jetzt ob es in New York anders ist oder ob wir die Linien nur anders ziehen! Würde mich sehr interessieren von dir mehr zu dem Thema zu hören.

    • Ja, wir meinen sicher dasselbe, mit der Zeit habe ich es nicht so genau genommen.
      Rotbraune Perücke für halblange glatte Haare, etwas nach außen gedreht. Oft ein kleine Käppi hinten auf dem Kopf wie ein Fascinator, mit Schleife o.ä. Dunkler Rock bis unterhalb des Knies, dunkle Strümpfe, flache Schuhe (Ballerinas), Langärmliges Shirt oder Bluse, Wollmantel.
      Mich hat der Widerspruch interessiert, das eigene Haar, Arme und Beine nicht zu zeigen, dennoch aber einer – offenbar erlaubten – Mode bzw. einer bestimmten Form der Attraktivität zu folgen. Bei Kopftuchträgerinnen hier in Berlin gibt es das ja auch, sexy mit Hijab.
      Allerdings sind mir die ultraorthodoxen jüdischen Frauen weiter weg, das kann ich schlechter nachvollziehen. Ich hatte auch Bauchschmerzen, teilweise sehr junge Mädchen mit Kindergesichtern, hochschwanger mit wesentlich älteren Ehemännern zu sehen.

  5. Da wäre ich gern Mäuschen in der Handtasche gewesen, die Modeausstellungen sehr reizvoll.
    Und bei einer Nähbegeisterten wohnen ist natürlich perfekt. Um gut essen zu können, muß man sich sicher gut auskennen, viel hinblättern und ich las kürzlich, dass man nur mit Bestellung gut ißt!? Also gemeint war, dass man nur mit Bestellung in dieses Restaurant reinkommt.So ist es für die Gastronomen ideal planbar, eine Möglichkeit die Unsicherheit des Alltags in diesem Gewerbe zu umgehen.
    viele Grüße Karen

    • Im Restaurant mit Bedienung am Tisch essen konnte man wie hier in Berlin, wenn Platz war auch spontan ohne Reservierung – aber das waren keine Gourmettempel, stimmt. Wir konnten auch nicht in Ruhe essen, sobald wir die Gabel hingelegt hatten, flatterte die Rechnung auf den Tisch. Alles schnell-schnell, damit gleich der nächste Gast an den Tisch konnte.

  6. Sehr viele orthodoxe jüdische Frauen tragen keineswegs Perücken, sondern Kopftücher, um ihre Haare zu bedecken (was für verheiratete Frauen in diesen Gemeinschaften religiöse Pflicht ist). Und die Kopftücher sind häufig durchaus hübsch und modisch. Als Alternative zu einem Kopftuch kommen im orthodoxen Judentum noch Haarnetze, Hauben, Hüte oder Mützen in Betracht.

    Hier einige Fotos:

    https://en.wikipedia.org/wiki/Tichel

    https://kruppzeuch.wordpress.com/2010/05/01/kopftuch-was-ist-eigentlich

    http://www.wrapunzel.com/product-category/tichels

    (Edit von Suschna: Fotolinks gelöscht)

    Ich hoffe, diese Informationen sind hilfreich.

    • Tut mir leid, ich musste die Links zu den Beispielfotos zu Tichel/Kopftuch löschen, wg. Urheberrecht und Ladezeit.
      Hier geht es ja auch nur um die Perücken und den beschriebenen 50er/60er Jahre Look, falls du dazu mehr weißt? Es sah so aus, als ob die jungen Frauen den Dresscode für eine eigene Mode nutzen.

  7. Es gibt einige ultra-orthodoxe jüdische Frauen, die Perücken tragen, um ihre eigenen Haare zu bedecken. Doch auch das ist nicht der „Regelfall“, andere Kopfbedeckungen (wie z. B. Kopftücher) sind weitaus stärker verbreitet. Aber ultra-orthodoxe Frauen kleiden sich sicherlich konservativ.

  8. Pingback: Ausstellungsberichte und mehr – Kurzwaren Nummer 23 | Textile Geschichten

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