Vor 150 Jahren

Unsere französische Verwandtschaft weiß inzwischen auch, dass ich hier einen Gnadenhof für textile Nachlassgegenstände betreibe.  In den Winterferien erwarteten mich mehrere Umzugskartons mit Überraschungsinhalt. Unter anderem: Ein Stapel Artikel, Musterbögen und Stickvorlagen aus dem französischen Modemagazin  Journal des Demoiselles. Der älteste Bogen ist von 1859.

Insgesamt fällt auf, dass damals das Nährepertoire gar nicht so sehr abwich vom heutigen Deko-Nähblogger-Kanon. Buchhüllen, Kissen, Duftsäckchen, Nähkörbchen, Täschchen, Utensilo, Stiftehalter – alles dabei.

Notentasche

Streichholzschachtelbezug

Füchslein und Rehlein (Hirschgeweih!)  sind auch schon da, als Stickvorlage .

Mit Tellern und Nähhäkchen einen  Blumentopf verschönern – super kreativer Upcycling-Basteltip, könnte ich direkt weiterleiten an Design Sponge etc.

Gar nicht mal so schlecht finde ich die Idee mit der Spielbrett-Tischdecke. Ich glaube ja immer noch, eine gute Familie sitzt bei einem „Gesellschaftsspiel“ zusammen, statt vor der Glotze zu liegen oder vor dem PC zu hängen.  Vielleicht ließe es sich mit so einer Decke leichter angehen (und dann noch gleich ein eingenähtes Täschchen für Spielfiguren?)

Vorschläge zur Modernisierung von Kleidung sind in dem Journal ebenfalls enthalten. Heute nicht mehr ganz nachvollziehbar, worin die Unterschiede bestanden, aber das ist sicher wie bei 7/8 und 3/4 Hose oder so.

In derselben Ausgabe beschwert sich die Redaktion,  dass die undankbare Leserschaft ständig Spezialwünsche für Monogrammvorlagen habe. Ich brauche mich nicht zu beklagen: Gleich 1859 wurden meine Initialen schon bedacht, vielen Dank dafür!

10 Gedanken zu “Vor 150 Jahren

  1. Was für ein Schatz! und deine wunderbar zu lesende Aufbereitung ist einfach köstlich.. Die Bilder werde ich mir in Ruhe nochmal alle großklicken und noch viel egenauer betrachten.
    In Anlehnung an diese Horrorfilme fällt mir ganz spontan ein: ich weiß, was du seit den Winterferien gemacht hast…..

    Reh + Fuchs sahen damals noch nicht nach Bambi und Farbenmix aus, sondern wie richtige Tiere…..tolle Vorlage.

    LG
    Wiebke

  2. Das ist doch eigentlich klasse, wenn die Verwandten wissen, was sie einem schenken können! („gebt ihr die ollen Handarbeitshefte vom Dachboden…“). Ich finde es ja sehr lustig, dass wir heute den modischen Stellenwert dieser Minimalveränderungen an dem Rock überhaupt nicht mehr einschätzen können! Wenn das Thema in einer Frauenzeitschrift war, dann müssen _Welten_ zwischen Version 1 und Version zwei gelegen haben – und wir sehen das gar nicht. Da bekommt man doch glatt mehr Verständnis für modeuninteressierte Männer, die bei neuen Sachen nur Fragen „Aber du hast sowas nicht schon?“

  3. Ich gestehe neidisch zu sein.
    Auf die Vorlagen, auf die Menschenkenntnis deiner Verwandschaft und auf den Platz, den du finden wirst um das angemessen zu würdigen.

    Es ist lustig, dass das kitschige Tiermotiv wohl am meisten Freunde im Hier und Jetzt finden würde. Unsere Retromanie zitiert wohl aktuell schräge Sachen, die mit der Bürgerlichkeit unserer Kindheit zu tun haben. Nach den objektiv eigentlich viel schöneren gestickten Bordüren würde sich wohl keiner ernsthaft umdrehen.
    Oder sie höchstens als zart gemalte Kante auf einem skandinavisch-gekalkten Schrank dulden.

    Was unsere Urenkel wohl mal mit unseren Büchern machen?
    :)

  4. Echt toll und alles scheint auch noch von gehüteteter Qualität zu sein. Da kann man doch stundenlang schmöckern und die Zeit vergessen. Das ist wirklich ein echter Schatz.
    Diese Tellerblumenübertopfdeko ist ein echter Knaller. Das wäre der Hit in jedem trendigen Wohnmaganzin! Niemals hätte ich geglaubt, dass diese idee aus einer so weit entfernten Zeit stammt, von der ich bis jetzt annahm, das sie Gegenstände nicht auf diese Art zweckentfremdet. Ich nehme an, dass das auch zu der Zeit mächtig abgefahren war.
    So eine Spieldecke ist mir mal in den Siebzigeren als Handtuchavariante begegnet. Wo wir denken innovativ zu sein, ist in der Schleife der Zeit sicher oft nur eine Wiederholung in anderen Materialien.
    Begeisterte antiquarische Grüße von Karen

  5. Mich hat auch gewundert, dass das alles noch da war und kaum zerbröckelt ist. Seit mindestens fünfzig Jahren hatte in den Stapel niemand mehr hineingeschaut, da bin ich sicher.
    Zum Thema Retro habe ich in gerade gelesen: „Wer sich nicht erinnern kann, für den ist die Vergangenheit neu“. Aber wieso gilt das nur für bestimmte Looks aus dem letzten Jahrhundert? Ich frage mich auch, wieso Z.B. die ganzen gestickten und gehäkelten Bordüren kaum ein Thema sind (abgesehen von gekleisterten Deckenlampen aus Spitzendeckchen). Andererseits erinnere ich mich, dass in den Siebzigern (Laura Ashley) schon mal wieder kräftig aus dem 19. Jhd zitiert wurde und Spitzenkragen sowie selbst gehäkelte Bordüren an Küchenregalen sehr in waren. Wie Karen schon sagt, es ist nur eine Schleife und kommt sicher bald auch in irgendeiner Form wieder.
    Wenn ihr hier mal vorbeikommt zeige ich alles gern und gebe auch gern etwas ab! Es ist doch etwas anderes, ob man solche Dinge eingescannt im Internet sieht oder „in echt“ in der Hand hat.

  6. Die Blumentopf-Tellerdeko ist ja ein Hit. Nichts hat mich heute so sehr erheitert wie diese Idee. Klasse…

    Hat sich aber dann doch nicht durchgesetzt, sonst wäre mein Amusement wahrscheinlich weniger groß.
    Danke für´s Ausgraben.

    enimSou

  7. Pingback: Monogramme und Namen sticken | Suschna

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