Es lebe der Euro und der Konsum

Es schneit schneit schneit, aber irgendwie gar nicht idyllisch, sondern Berlin-endlos-winterisch. Mein Hollandrad ist eingefroren und ich stapfe lange Wege, um unsere Daseinsgrundbedürfnisse zu erfüllen.

Ansonsten vergnüge ich mich mit Dingen wie Geldeinhäkeln: Ein Kasten alter Münzen tauchte im Keller auf und ich stand wieder vor der Frage: Wegwerfen, oder….?

Hier also nun eine „Es lebe der Euro“-Kette, bestückt mit alten Münzen aus Ländern, die heute zur Eurozone gehören. Weil es schnell eine sehr schwere Kette wurde, überwog am Ende das Blechgeld ehemaliger Ostblockstaaten.

Und ich dokumentiere hier auch noch einen Verstoß gegen die „Ich kaufe mir keine neuen Klamotten solange ich noch alte habe“-Regel. Plötzlich fand ich diese Jacke und weil ich genau so ein Muster schon immer wollte und ich es mir auch nicht selbst hätte stricken können, habe ich nun ein neues Teil (zu dem die Kette zufällig ganz gut passt).

Vielleicht hängt mit dem Kauf auch zusammen, dass ich inzwischen zwei Dokumentationen über die Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern gesehen habe, in denen u.a. Prüfer großer Textilanbieter (C&A, Otto) bei der Inspektion der Produktionsstätten  mit der Kamera begleitet werden.   Der eine Film „Nähen bis zum Umfallen“ vom ZDF ist hier zur Zeit noch abrufbar. Der andere heißt „Eine anständige Firma“.  Dort schickt Nokia seine „ethischen Unternehmensberaterinnen“ zur Prüfung eines Zulieferbetriebes nach China. Ein kleiner Ausschnitt ist auf youtube zu sehen.

Das war alles sehr aufschlussreich um zu begreifen, wie schwer sozial verantwortliches Handeln umzusetzen ist.  Besonders, wenn der Konsument am Ende der Kette alles immer noch billiger haben will.  In „Nähen bis zum Umfallen“ fordert der Vorstandsvorsitzende der Otto Group in Bangladesh eine Erhöhung der Mindestlöhne – wenn alle anderen Anbieter mitziehen. (Wegen einer Erhöhung auf 32 Euro im Monat sind die Textilarbeiter dort gerade auf die Straße gegangen, wie den Nachrichten zu entnehmen war).

Meine  Jacke ist übrigens made in China.

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7 Kommentare

  1. Vielen Dank für die Links zu den Filmen!
    Der „Nähen bis zum Umfallen“ hat mir sehr gut gefallen, zumal er mal den Aspekt beleuchtet, wie viel Positives sich auch durch die westlichen Firmen in Ländern wie Bangladesh entwickelt und dass der Druck der Konsumenten z.B. im Hinblick auf Kinderarbeit doch auch etwas bewirkt. Schön wäre es jetzt noch, wenn es sowas wie „Fairtrade Textilien“ oder eben freiwillige Aufschläge wie bei der Milch (mir fällt grad kein besseres Beispiel ein) auch bei den großen Ketten und Versandhäusern gäbe. Also im Bezug auf die Arbeitsbedingungen – für die ökologische Herstellung gibt es das ja. Allerdings brächte ein höherer Mindestlohn in den entsprechenden Ländern natürlich mehr, da es dann ja auch Folgen für Firmen wie Kik hätte. Aber das ist natürlich nicht leicht… Ironisch, dass die westlichen Prüfer weitergehende Forderungen stellen als die dortige Arbeitervertretung.
    Völlig erstaunt war ich ob der Entwicklung in China. Man darf ja nicht vergessen, für viele ArbeiterInnen ist ein Job in einer dieser Textilfirmen einen echte Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse. Eine eher positive Überraschung. Interessant, dass dort bestimmte Segmente dann allerdings auch wieder an „unkontrollierte“ Firmen in anderen Ländern ausgelagert werden – ja, so ist das im Kapitalismus wohl. Man überlege sich nur, wie es früher in der deutschen Textilindustrie aussah (nicht ohne Grund gab es ja mal sowas wie einen Weberaufstand).
    Insgesamt stelle ich mir diese Arbeit als PrüferIn allerdings wirklich als Sisyphus-Arbeit vor. Sehr frustrierend, aber so wichtig. Und manchmal eben auch befriedigend.

    Ich schweife ab.
    Die Jacke ist toll, und das Muster ganz besonders! Ich hatte mal einen Pulli in so einem Muster und trauere ihm gelegentlich immer noch hinterher (er wurde geschrumpft). Zwar habe ich mir kürzlich Strickbücher mit solchen Jacquardmustern besorgt, aber wann ich dazu mal komme… seufz….
    Ich hätte die Jacke auch gekauft ;)

  2. Nun danke ich dir auch, denn du hast aus dem Film noch alles berichtet, was mir im Kopf herumging. Irgendwann sagt in Bangladesch ja einer: Der Druck muss aus den westlichen Ländern kommen, sonst ändert sich nichts. Das heißt, wir, die Käufer, müssen uns immer wieder melden (denn das Imageproblem fürchten die großen Firman ja schon). Wichtig fand ich auch noch, dass eine Verbesserung der Bedingungen auf dem Papier (z.B. Erhöhung der Löhne) gar nichts bringt, weil die Umsetzung nicht überwacht und ständig unterlaufen wird.
    Bei mir ist es jetzt auch so, dass „Made in China“ gar nicht mehr so negativ besetzt ist, dabei war es ja vielleicht auch eine Ausnahmefirma da im Film? Jedenfalls bin ich froh, dass ich nun mehr weiß über all die Facetten des Problems. Danke für den Austausch, konnte mich bisher noch nicht darüber unterhalten!

  3. Irgendwo hatte ich vor kurzem gelesen, dass einige Fabrikanten nun schon nach afrikanischen Ländern schielen, weil die Verhältnisse dort noch gänzlich ungeregelt sind, so wie in Asien vor zehn Jahren. Dass so ein Fabrikjob in Asien für viele eher ein besseres Leben ermöglicht, als auf dem Land zu bleiben, das entspricht ja in etwa der Entwicklung in Europa vor gut 100 Jahren – und wenn es schon langsam sowas wie Arbeiterbewegungen gibt, dann besteht Hoffnung. Nur ich fürchte ja, dass es in ein paar Jahren bis Jahrzehnten mit der Entwicklung eh vorbei sein wird, wenn nämlich die Treibstoffpreise so steigen, dass der Transport von Waren aus China unbezahlbar wird (oder es erfindet bis dahin jemand solargetriebene Containerfrachter) – aber das ist nochmal ein anderes Thema.

  4. Danke für diesen ausführlichen Bericht/Link – Einkaufen mit dem Hintergrundwissen wird nun zunehmend schwierig. Bei jedem Kauf überlege ich nun, ob ich den Menschen damit etwas Gutes tue, bzw. was ich tun kann um diese Ausbeutung nicht noch zu verstärken. Nur selber nähen nimmt ihn ihren Job und nicht kaufen hilft in dem Sinne auch nicht so viel mehr. Ich glaube „überlegt“ Einkaufen kann helfen – H&M meide ich nun, wobei ich eine echte Alternative noch nicht gefunden habe.

  5. Die Kette ist schon verschärft in näherem Augenschein, aber das ist sicher auch der Clou, dass man erst beim näheren Hinsehen, huch – das ist ja „Altgeld“.
    Die Jacke ist sehr schön!
    Sehr wertvoll, dass Du diese Misere in der Textilindustrie ansprichst. Da ist leider vor vielen Jahren etwas gründlich versaut worden, was eben nicht mehr rückzudrehen ist! Aus reiner Prioitgier!Ehe man die Masse der Menschen zur Nachhalktigkeit wieder erziehen kann und zur Wertigkeit bei Kleidung – vielleicht geht es gar nicht mehr, obwohl es Gott sei Dank immer mehr zum Thema wird, auch bei großen Ketten.
    Aus diesem Grund schätze ich z.B. die Firm trigema, die einfach daran festgehalten haben in Deutschland zu produzieren.
    Ich war heute in einem Laden, da gab es Pullover für 7,-€- noch Fragen?
    Nachdenkliche Grüße von karen

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