Kultur in Friesland – Schlossmuseum, Tee und Himmelstorte

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Gerade ist hier wieder richtig norddeutsches Wetter. Es ist kalt und windig und also der passende Moment für einen Bericht von der Nordseeküste, der eigentlich schon vor einem Jahr hätte erscheinen sollen. Weiter unten geht es um Tee und Torte, aber zunächst kommen die Textilien dran.

Auf dem Weg zu einem Kurzurlaub auf den ostfriesischen Inseln kann man schön beim Schlossmuseum Jever Station machen.  Als wir spontan dort hielten, wusste ich nicht, dass das Museum eine umfangreiche Mode- und Textilsammlung beherbergt.  Vom Keller bis ins Dachgeschoss fand ich interessante Exponate, was locker einen halben Tag ausfüllte.

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Ich lernte, dass die Menschen dieser Region in den letzten Jahrhunderten immer relativ frei waren. Die zum Schloss gehörenden Herren lebten als „ferne Fürsten“ weit weg und ließen sich von Statthaltern vertreten. Es gab keine Adelsgüter, die wohlhabenden Marschenbauern konnten sich selbstbewusst behaupteten, ebenso wie das Bürgertum in der Stadt. Oft waren sie wohlhabender als die fürstlichen Beamten und leisteten sich eine repräsentative Ausstattung.

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Oben ein feines Taufkleid, unten blassrosa Einzelteile für ein Gewand.

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Kurios: Für einige Zeit war auch die Zarin Katharina II. Herrin auf Jever. Die gebürtige Prinzessin von Anhalt-Zerbst hatte das Jeverland von ihrem Bruder geerbt. Natürlich ließ auch sie sich nur vertreten. So kommt es aber, dass einige Portraits der Zarenfamilie heute noch im Schloss hängen.

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So wie hier Sohn und Schwiegertochter der Zarin,  Paul I. und seine (aus Württemberg stammende) Frau Maria Fjodorowna.

Das folgende Ehepaar ist komplett bürgerlich.  Der Pastor würdig mit Perücke, seine Frau sehr reich gekleidet, mit dem aufgeschlagenen Botanikbuch ihr Interesse für dieses Fach zeigend . Solche kleinen Informationen gab es oft in den Bildbeschreibungen dazu, das hat mir gut gefallen.

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(Generell gefallen mir Museen, in denen Bilder schief hängen.)

Die Kuratoren haben sich auch kritisch mit der Sammlungsgeschichte auseinandergesetzt.  Der Heimatverein hatte lange Zeit vorrangig Objekte erworben und ausgestellt, die als „friesisch“ und „vaterländisch“ galten. Vermeintlich Althergebrachtes wurde idealisiert, so wie die „Bauernstuben“, die Wohnräume der ländlichen Bevölkerung im späten 18. Jahrhundert nachstellen sollten.

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Nachdem ich das noch einmal pflichtbewusst erwähnt habe,  werden ich im Nachfolgenden hemmungslos von friesischen Traditionen schwärmen, angefangen mit blau-weißem Friesenmuster auf zierlichen Teekannen, die mit kräftigem Tee gefüllt sind.

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So wie hier im Café Kluntje auf der Insel Baltrum.  Kluntje heißen die dicken Kandiszuckerstücke, die bei der friesischen Teezeremonie zuerst in die Tasse gehören. Gießt man dann den (dank der hübschen Stövchen aus Messing) knallheißen Tee darauf, so knistert es ganz leise und entzückend in den dünnwandigen Tassen. Das nachfolgende Wölkchen Sahne (idealerweise von einem speziellen Sahnelöffel geflossen) lasse ich persönlich weg. Dieser kurze Spot „Das Beste am Norden“ aus der guten Stube einer älteren Dame macht alles klar.

Die New York Times war diese Teekultur schon einmal eine Reiseempfehlung wert. „Where the Water Is Soft and the Tea Is Bold“. Ja, das mit dem weichen Wasser, das ist der Schlüssel zum Glück. Dieselbe Teesorte, die an der Küste zu einem orange-goldenen hocharomatischen Aufguss wird, ergibt mit Berlins hartem Wasser nur eine graue schlierige Plörre. (Und nein, Wasserfilter helfen da nicht, alles schon probiert, da werden die Geschmacksträger gleich mit rausgefiltert. Das einzige was ansatzweise funktioniert ist dieses Quellwasser hier).

Vom Tee geht es dann weiter zur friesischen Himmelstorte. Im Café habe ich wirklich die beste Version ever dieser Lagentorte mit Sahne und Pflaumenmus gegessen.

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Seitdem bastle ich daran herum, auch so eine Torte hinzubekommen. Es gibt verschiedene Rezeptvarianten und ich möchte NICHT die mit den Blätterteigböden. Da quetscht dann beim Durchschneiden immer gleich die ganze Sahne an der Seite heraus. Zum Glück hat das Café unter dem Menüpunkt ‚Rezept‘ die Zutaten für seine Torte aufgeschrieben. Ich werde es morgen noch einmal probieren, und dann berichte ich hier, wie es gelungen ist und an welcher Stellschraube noch zu drehen ist. (Ich weiß bereits, dass ein Knackpunkt das Pflaumenmus ist, das einfach exzellent sein muss).  Sehr gern nehme ich Tipps entgegen. Ansonsten bis in Kürze, schönen Feiertag wünsche ich, mit hoffentlich hervorragenden Heißgetränken!

Nachtrag 10. 5. 2016

So, hier nun der Kuchen.

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Er war ganz lecker, aber mir persönlich zu süß und zu schwer geraten.  Das Rezept aus dem Café (Menüpunkt ‚Rezept‘) ist auch mehr ein Konditorenprogramm, da konnte ich nicht ganz mithalten, z.B. das mit dem Eischnee und dem heißen Wasser hat nicht geklappt und das mit der Sahne und der Gelatine hat die Sahne zu fest gemacht. Bei den Böden gab es auch wieder Quetschalarm, zu hart, da wäre weniger Butter und mehr Backpulver vielleicht ein Option. „Ein Glas“ Pflaumenmus, wie im Rezept angegeben, ist naürlich relativ und war hier auch zuviel, eben zu süß.  Also, ich probiere weiter und erst wenn ich die optimale Variante gefunden habe, rücke ich sie raus.

12 Kommentare

  1. Ist das erste ein Original suschna?
    Ich sags mal gleich, der Knackpunkt ist das elektrische Messer!
    Lasst es euch schmecken! schöner Museumsbericht.!
    VG K.

    • Ja, das ist noch aus der Zeit der TAbletzeichnungen.
      Also eine Elektromesser an der Tortentafel, nein nein nein, da denke ich immer gleich an Kettensägenmassaker, bzw. eigentlich müsste ja jeder neben seiner silbernen Kuchengabe dann noch ein Mini-Elektromesserchen haben :)

  2. Oh , man ,jetzt habe ich wieder Sehnsucht nach Ostfrieland . Ja dort hat es mir auch gut gefallen. Diese Weite, die kenne ich hier nicht .Überall Tee einkaufen in den kleinen schnuckeligen Lädchen. Oder der Hinweis , hier gibt es Apfelkuchen von geklauten Äpfeln , jo , das muß ja schmecken ;) .
    Vielleicht sollte man das Pflaumenmus selbst kochen ?

    • Hab auch Sehnsucht, obwohl es hier heute wieder schön ist, aber die dicken weißen Wolken, der Wind in den Silberpappeln…
      Pflaumenmus hab ich dann letzten Herbst wegen der Torte dreimal gekocht, großer Aufwand, kleine Wirkung. Wahrscheinlich waren die Pflaumen schon zu geschmacklos. Aber ich weiß, das kann bei anderen ganz wunderbar schmecken.

  3. Das ahnt man ja wirklich nicht, dass es in so einem „Provinzmuseum“ solche Schätze gibt. Vielleicht stimmt die These ja gar nicht, dass die textilen Traditionen in GB und Frankreich viel mehr geschätzt würden, vielleicht sind die Museen einfach nur besser im Vermarkten und darin, sich einen modernen, professionellen Anstrich zu geben.
    Und für die Torte würde ich Thüringer Pflaumenmus von Mühlhäuser versuchen.

    • Super, Danke für den Tip mit dem Pflaumenmus, werde ich kaufen und probieren.
      Ja, es gibt sicher noch viel mehr solche kleinen (das war eigentlich gar nicht klein) Museen, die sehr gut gemacht sind. Das Problem ist sich eher, dass das wirklich weit ab liegt, wenn man nicht gerade Urlaub an der Küste machen will. Aber mir ist das ja lieb, wenn es schön leer ist und das einzige Personal der Kartenverkäufer an der Kasse ist.

  4. Ich habe ein Anliegen , da es hier um textile Geschichten geht möchte ich mal nachfragen ob es nicht einmal um das Thema Kleidermotten gehen kann .
    Bei mir sind die Biester eingefallen , (Hilfe meine Teddybären ) Bei Nachfrage in einem Forum
    stellte ich fest das sehr viele schon Motten hatten und das jedes Jahr .
    Bekanntlich sind unzählige Textilien aus Wolle in den letzten Jahrhunderten den Kleidermotten zum Opfer gefallen .
    Nur eine Anregung , Doris

  5. Hallo Suschna,
    danke für den Wölkchenfilm. Ich konnte ihn sogar hier in Sarajevo anschauen.
    Gerade reise ich für länger auf dem Balkan herum und gehe in jedes Ethnografische Museum das ich finden kann. Und ich mach viele Bilder von Trachten und Details. Und von Reperaturen der Kleidung. Immer wieder kommst du mir dabei in den Sinn, deshalb
    Schöner Gruß Mema

    • oh, das hört sich richtig gut an. Hoffentlich findest du die Muße für einen Bericht? Oder zumindest eine kleine Auflistung mit den Museen, die sich lohnen? Gute Reise weiterhin, mit viel perfektem Wetter, nicht zu heiß, nicht zu kalt.

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