Hamburg, Barcelona, Berlin

Drei Kunstgewerbemuseen mit sehenswerten Mode- und Kostümausstellungen.

1. Hamburg

Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) kannte ich bisher nicht. Zum Glück liegt es direkt am Hauptbahnhof, so dass Kulturhungrige auf der Durchreise die Bahnfahrt dort sehr gut für ein paar Stunden unterbrechen können.

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Jetzt gerade lohnt sich das MKG für Modeliebhaber besonders, denn es sind sehr interessante Ausstellungen zu sehen. Inside Out – Einblicke in Mode läuft noch bis zum 15. März 2015. Gezeigt werden Kleidungsstücke von Modedesignern (Rei Kawakubo, Martin Margiela, viele mehr), die mit Kleidungsideen spielen und Mode weiter denken – nicht zum Tragen gedacht, sondern als Performance, als Konzept.

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Rechts ein Rock, auf den eine Hose appliziert ist, links ein Overall mit Aufdruck eines nackten Körpers.

Dazwischen sind auch historische Modelle eingefügt, die Verbindungslinien und Zitate deutlich machen. Keine Glaswand zwischen mir und den Handnähten von 1800 – ich war begeistert.

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Trompe l’Oeil auch schon früher, das Blusenkostüm ist ein Kleid.

Eine weitere sehr inspirierende Ausstellung im MKG ist der Modegrafik seit den 20er Jahren gewidmet. Bilder der Mode – Meisterwerke aus 100 Jahren läuft noch bis 15. Mai 2015. Aurore de La Morinerie hat mich mit ihren Arbeiten für Harpers Bazaar u.a. besonders beeindruckt, sie erzielt mit Monotypien tolle Effekte. Francois Berthoud  arbeitet ebenfalls mit Monotypien, sehr aufwändig, wie ein Film zeigt. Mehr Eindrücke von den gezeigten Werken hier.

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Mats Gustafson, 2005, Mode von Comme des Garçons, Aquarell und Tusche.

Außerdem sehenswert: Die Fotoausstellung „Fette Beute – Reichtum zeigen„, wo Kleidung natürlich eine Rolle spielt.  Teenager kann man damit ködern, dass Bilder aus dem Tumblr-Blog „Rich Kids of Instagram“ auf die Wände projeziert werden – oder Drohnenerkundungen der Anwesen von Filmstars. Für die Ausstellung Raubkunst – Provenienzforschung zu den Sammlungen des MKG hatte ich dann gar keine Zeit mehr, und es wäre noch so viel mehr zu sehen gewesen, alles sehr heutig!

Überhaupt war das Museum voller Menschen, die meisten jünger als ich, was in einem Kunstgewerbemuseum nicht so oft passiert. Auch in der ständigen Sammlung merkte man, dass das Publikum im Vordergrund stand und mit Blick auf unsere heutige Welt kuratiert worden war.

Sicher bald einen Besuch wert ist diese anstehende Schau: Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode. 20. März bis 20. September 2015.

2. Barcelona

In Barcelona Mitte Dezember eröffnet: Das Museu del Disseny.  Eine ganze Etage ist der ständigen Kostümausstellung gewidmet, Titel: „Dressing the body. Silhouettes and fashion (1550-2015)“.  Noch gilt freier Eintritt für alle – und entsprechend war überall Leben, abends um halb acht.

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Die Frage nach den sich wandelnden Kleidungssilhouetten in der Mode zieht sich als roter Faden durch den ganzen Rundgang der Kostümausstellung. Wachspuppen demonstrieren, auf welchen Körperteilen in der jeweiligen Epoche die Betonung liegt.

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Neben den Kleidern wird durch Beispiele der Unterkleidung deutlich, wie die Silhouetten erzielt wurden. An den Wänden erklären Abbildungen und Animationen auf Monitoren den Wandel der Mode. Zusätzlich sind in den Vitrinen immer wieder moderne Modelle untergemischt, die Formenelemente der Epoche aufnehmen – so ermüdet das Auge nie, der Geist bleibt wach und ist ständig auf der Suche nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten.

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Das ist eine tolle Konzeption für eine ständige Kostümausstellung, ganz nach meinem Geschmack. Zum Teil konnte ich die Stücke auch schön von Nahem studieren. Und: Die Exponate gingen tatsächlich bis in die Gegenwart. Auch die heutige Mode wurde nach ihrem Formendiktat befragt. Die Erkenntnis: Statt eines Korsetts haben wir jetzt Diät, Sport und Schönheits-OPs. Unsere Kleidung soll möglichst den gestählten/gerichteten Körper zu Schau stellen. Für den Rest des Museums hatte ich dann gar keine Zeit mehr – ist sicher aber auch sehr zu empfehlen.

 3. Berlin

Seit zwei Jahren hatte ich mich auf die Neueröffnung des Berliner Kunstgewerbemuseums gefreut, das unter anderem für die Präsentation der neu erworbenen Kostümsammlung Kamer/Ruf umgebaut wurde.

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Ich war inzwischen da, und die Modegalerie ist auch wirklich schön geworden. Exquisite Kleider in bestem Zustand perfekt präsentiert – wie bei einem nächtlichen Schaufensterbummel an einem Luxuskaufhaus entlang.

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Tolle Stiefel, oder?

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Ein Augenschmaus. Für wissbegierige Besucher wie mich gibt es aber kaum weiterführenden Informationen, Einordnungen oder kuratorische Eingriffe, die über die zeitliche Abfolge hinausgehen. Die Ästhetik steht im Vordergrund.

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Ganz wichtig für Fans früherer Epochen: Die Mode bis 1850 ist nicht mit beim neuen Modetrakt untergebracht, danach besser extra suchen – ihr müsst zur Porzellan- bzw. Möbelabteilung. Ich war perplex, dass hier die Räume und Vitrinen offenbar gar nicht renoviert waren – alles immer noch voll im Muff der 80er Jahre. („Ästhetische Zumutung erster Ordnung„). Ist eben alles eine finanzielle Frage, mehr war wohl nicht drin.

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Königin Luises Zahnbürsten

Nach dieser Auflistung hat euer Geist wahrscheinlich abgeschaltet?  In der Gesamtschau sieht alles ähnlich aus. Na, ich hatte Glück, dass ich in den letzten Wochen so viele Ausstellungen besuchen konnte, die mir recht nach dem Herzen waren.

Oben im Menü findet ihr jetzt eine neue Seite: Ausstellungen. Ich werde versuchen, dort aktuelle Schauen mit textilem Bezug aufzulisten. Aus Platz- und Zeitgründen beschränke ich die Liste auf Institutionen im deutschsprachigen Raum.  Gern könnt ihr in den Kommentaren berichten, ob ihr eine Ausstellung gesehen habt. Was lohnt sich, was nicht so sehr?

Meine Besuche haben sich sehr gelohnt – hoffe, meine Tipps sind von Nutzen.

11 Gedanken zu “Hamburg, Barcelona, Berlin

  1. Die Kategorie ist eine tolle Idee, denn erst als ich deinen Artikel las, fiel mir wieder ein, dass ich ja auch ins Kunstgewerbemuseum wollte. Und die Hamburger Ausstellung hatte ich gar nicht auf dem Schirm, das ist für mich ja sogar noch ein bisschen näher. Danke.
    Hab ein gutes Jahr 2015!
    Beste Grüße,
    Juli

    • Wenn du in HH Hbf aussteigst – im Museum gibt es unten sogar ein paar Schließfächer. Weihnachten stand ich beim Fockemuseum leider vor verschlossener Tür, da hätte mich das Schaumagazin interessiert. War aber o.k., sonst wäre es ein Overkill geworden.
      Dir auch ein gutes Jahr!

  2. deutschsprachiger Raum…gehört da die Niederland doch ein bisschen mit dazu ? In der Himmelfahrtswoche gibt es nämlich in Leiden ( die Stadt alleine ist schon sehenswert, und auch noch ganz nah zur Küste..) das “ Textielfestival „. Modernes, Traditionelles, Experimentelles-vieles in Museen. Eine Reise wert !

    • Ach ich wünschte, ich könnte Niederländisch besser verstehen. Dort gibt es soviel mehr Initiative, das textile Erbe zu wahren als in D! Ich habe mal den Link herausgesucht: http://www.textielfestival.nl/
      und werde ihn auch noch bei der Ausstellungsseite posten, in den Kommentaren wäre doch ein guter Platz dafür. Leiden kenne ich von früher, es war wirklich sehr schön dort.

  3. So, endlich mein Feedback: ich fand die Ausstellung im Kunstgewerbemuseum eigentlich sehr schön! Die Beleuchtung war ein bisschen dunkel gehalten, was atmosphärisch rüberkam, aber einige Details waren nicht optimal erkennbar. Es kann aber auch einfach sein, dass ich langsam eine Brille brauche… Lustig, die ersten zwei Kleider haben mich auch sehr beeindruckt, und das weiße Paco Rabanne Kleid habe ich auch fotografiert, nachdem ich meine Nase am Glas plattgedrückt habe, um die Machart des Saumes anzusehen. Da ich nicht so wissbegierig bin wie du, hat mir die Ästethik und die kurzen Beschreibungen gereicht. Meine Augen waren jedenfalls sehr zufrieden am Ende! Und die alten Kleider hatte ich mir auch noch angesehen. Es stimmt, ihre Präsentation ist nicht so glamourös aufgezogen wie die neue Sammlung, aber ich fand es trotzdem sehr interessant. Muffiges bin ich irgendwie von Museen gewohnt… ;-) Sehr schade, dass die HH-Ausstellung im April schon vorbei ist, die hätte ich total gern gesehen!
    Liebe Grüße,
    N

    • Muffig mag ich eigentlich ganz gern, bloß hatte ich jetzt wohl nach den drei Jahren Umbau erwartet, dass alles neu ist, hatte mich auch gewundert, dass im älteren Bereich nichts neu geordnet war. Da sind so wunderbare Sachen (auch beim Porzellan), aber irgendwie krankt das ganze Kulturforum daran, dass es schlecht zu präsentieren ist. Für Kenner o.k., da muss man keinen Massenandrang befürchten.

  4. Hamburg klingt sehr verführerisch, aber das werde ich wohl nicht mehr schaffen? Das Konzept in Barcelona gefällt mir schon vom Lesen ausgezeichnet. ich glaube das ist toll und erschließt sich vom Sehen So etwas spannend und informaiv rüberzubringen ist nicht leicht. Na und Berlin sehe ich mir auf alle Fälle an. Deine neue Rubrik ist sehr sinnvoll. Vor längerer Zeit war ich auf einem Blog, der europaweit texile Museen aufgelistet hatte, das war schon zeimlich dicht, Mal sehen, ob ich evtl doch irgendwo gespeichert hat, aber man wird der zahlreichen Infos nicht immer Herr.
    Im Kulturforum habe ich immer den Eindruck, dass die Architekur der Räume einheitliche Konzepte verhindert, aber vielleicht ist das ein sehr persönliches empfiunden. im Grassimuseum Leipzig sehe ich das jedenfalls besser gelöst.
    VG karen

  5. Dieses „Rich kids of instagram“ ist ja widerlich protzig. *würg. Macht man das heute so, dass man seinen Reichtum so raushängen lässt?

  6. Die Ausstellungs-Rubrik als eigener Reiter ist eine sehr, sehr gute Idee, so findet man es wenigstens wieder, und wenn mir mal eine Ausstellungsankündigung über den Weg läuft, schicke ich sie dir einfach weiter. Die Ausstellung „Textile Vielfalt“ in Dahlem ist übrigens nicht der Rede wert (http://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/museum-europaeischer-kulturen/ausstellungen/ausstellung-detail/textile-vielfalt-objekte-aus-60-jahren-kuenstlerischer-textilgestaltung-in-potsdam.html), die empfehle ich ausdrücklich nicht. Das ist nur ein einziger Raum, und nur ein Viertel der Ausstellungsstücke entstand vor 1989 – der Rest sind Stoffcollagen und, naja, böse gesagt, künstlerisch gemeinte Basteleien von Leuten, die man aus dem Textile-Art-Umfeld kennt. Über den Textilzirkel selbst erfährt man wenig – wie viele Leute haben über die Jahre daran teilgenommen? Wie lief das ab? Es ist alles etwas lieblos in diesen Raum gestopft und das wars. Zum Glück sind die Dauerausstellungen der Dahlemer Museen so interessant, und in allen gibt es auch Textilien – wir schauten uns dann noch „Welten des Islam“ an, so dass sich die Fahrt doch sehr gelohnt hat.

    • Danke für den Bericht. Ich hatte mir fast schon so etwas gedacht. Die DDR-Geschichte hätte mich auch interessiert.
      Eigentlich wäre ein Reiter „Museen“ wegen der ständigen Sammlungen auch noch gut, aber da müsste man dann von überall Berichte haben und hätte auch Schwierigkeiten alles auf dem Laufenden zu halten. Wie oft habe ich schon vor geschlossenen Türen gestanden, da kann man oft noch nicht einmal der Homepage des Museum trauen.

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