Stilfragen und Weitertragen

„Wer Interesse an Stil verliert, verliert Interesse am Leben“. Ungefähr so etwas sagt Carson der Butler in der BBC-Serie Downton Abbey, der wir hier auch verfallen sind. Die wunderbare Ausstattung des Film steckt an und man kommt ins Grübeln, ob man sich nicht etwas stilvoller kleiden sollte. (Dazu auch Annekata schon vor einem Jahr).  „Stilvoller“, das bedeutet dann wohl würdevoller, aufrechter, aber auch weniger praktisch und bequem.

In der Dubai-Folge der Arte-Reihe „Kleider und Leute“ erzählt ein junger Emirati: Seine Kandura, das lange weißes Gewand, muss er zwar nicht tragen, will er aber, aus Würde und Stolz.

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Er kann darin nicht so schnell gehen wie in Jeans und sich auch nicht aufs Sofa fläzen. Er passt auch sehr auf, dass er das Gewand nicht schmutzig macht, sonst muss er sofort nach Hause fahren und sich umziehen.

So eine Tracht führt zu der Frage, ob es nicht angebracht es, wenig zu haben und dafür oft zu tragen.

Bei Downton Abbey trägt Mrs. Hughes, die Haushälterin, tagein tagaus dasselbe dunkelblaue Kleid. Von Nahmen sieht man viele interessante Details. Ich glaube, ich wäre völlig zufrieden mit so einem Kleid.

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screenshots downton abbey

Natürlich muss etwas, das man dauerhaft trägt, aus gutem Material beschaffen sein. Es darf nicht sofort ausbeulen, pillen, Fäden ziehen, abscheuern, die Farbe verlieren. Heute sind solche Stoffe nur noch schwer zu finden. Da ich ja über die letzten Jahrzehnte viel alte Kleidung horte, habe ich einen Überblick über den Niedergang der Qualitäten. Dies hier ist zum Beispiel eine jahrelang getragene  Jacke von Strenesse aus meiner Business-Zeit in den 90ern, die immer noch tadellos ist. Nie hätte ich gedacht, dass ich sie außerhalb eines Büros mal wieder freiwillig herausziehen würde, aber nun scheint der Zeitpunkt gekommen. Very Downton Abbey.

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Das Kontrastprogramm bekam ich diese Woche bei einem Streifzug zu den SALE-Kleiderstangen in den Edel-Abteilungen der Kaufhäuser. Die großen Marken gibt es dort teilweise auf bis zu einem Zehntel des ursprünglichen Preises herabgesetzt. (Vorzugsweise in Größen wie 42 und 44, die mir gerade recht kommen  – ein Hoch auf die altersbedingte Matronenstatur!).  Sehr oft aber sah man den Stücken (auch von Strenesse) bereits an, dass sie ihre besten Tage gesehen hatten. Insbesondere Wollstoffe ohne Pilling scheinen kaum noch zu existieren.

Also habe ich beschlossen, noch mehr mit dem hochwertigen Teil meines Bestandes zu arbeiten.  Enger nähen, Säume ändern, Abtrennen, Löcher schließen,  Färben, neu Kombinieren, Drapieren und so weiter. Das ist alles nicht spektakulär, aber hinterher kann man ein bisschen eine diebische Freude genießen.

Vor einiger Zeit hatte ich ja schon diese Umänderung eines wunderbaren Strickleides aus den 80ern beschrieben. Über den Winter ist es so ein bisschen mein Mrs. Hughes-Kleid geworden. Ich habe es sehr viel getragen. Die überstickten Mottenlöcher stören mich zwar schon ein bisschen (nicht so ganz kompatibel mit Achtung und Würde und stilvollem Auftreten), aber das ist dann der kleine Kick.

Diese Wollhose von Escada (auch mal so ein Schlussverkaufsschnäppchen) hatte matronenfeindliche Elefantenfußweite. Schmaler genäht sind die Hosenbeine nun tragbar und die Wolle ist so gut und weich, dass man kein Innenfutter gegen Kratzattacken braucht.

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(Beim Abnähen der Hosenbeine musste ich wieder an die Zeit denken, als man sich die Jeanshosen mit Schlag aus den 70ern  zu Röhrenbeinen eng nähte. Immer schön nur die Innennähte absteppen, die Kappnähte außen vermeidend. Manchmal drehte sich die Seitennaht nach vorn, weil man ja keine Ahnung hatte, dass man überall proportional dasselbe wegnehmen musste).

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Ein alter sehr schöner Mohairschal,  mit ein paar Nadelstichen an den Schultern durch Abnäher gerundet. Die Abnäher innen festgeheftet und vorn das Ganze mit einer Brosche festgesteckt. Jederzeit könnte man die Abnäher wieder auftrennen und hätte den alten Schal wieder.

Das führt zu einem weiteren Thema, an dem ich immer noch  arbeite:  abnehmbare Kragen. Aber dazu dann später vielleicht mehr. Ich muss hier jetzt in meiner Altkleidersammlung noch ein bisschen die Spreu vom Weizen trennen.

P.S. Wertvolle Tipps zum Umändern alter Pullover habe ich gerade bei Of Dreams and Seams und bei Couturette gesehen. Auch bei Tagträumerin gibt es immer wieder Refashion-Ideen.

P.P.S.: Es gab Zweifel, ob mein Cord, der sich hier in den Kommentaren bei Lucy gemeldet hatte, wirklich existiert. Hier nun der Beweis. Und ich habe festgestellt, dass er sich inzwischen wohl aus Einsamkeit geklont hat!

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12 Gedanken zu “Stilfragen und Weitertragen

  1. Stilvoll muss nicht gleich unbequem sein – das kann ich nun sagen, denn meine Röcke sind sicherlich stilvoller als die Jeans! Gut, die Strumpfhosen sind etwas kurzlebig. Deine Jacke von Strenesse ist sehr schön! Auch der Mohair-Pullover-Schal! Und an Deiner Figur kann ich nix Matronenhaftes entdecken. Bei Mrs Hughes schon eher…

  2. Zuerst hat die Passform gelitten und dann die Qualität der Stoffe oder war das doch gleichzeitig? Gute Qualität gibt es auch bei teuren Marken nicht mehr aber leider kennen die meisten Leute heute den Unterschied eh nicht. Ist das ein Altersfrage sollche Dinge zu bemerken? Bei mir schon :)

    Das letzte Foto hat mich an folgendes erinnert. Meine Mutter lies, in unserer KIndheit, die Stoffhosen meines Bruders wenn sie ihm zu kurz geworden waren vom Schneider auf Knickerbocker abändern. Das ist mehr als vierzig Jahre her. Von Jeans noch keine Rede. Welches Kind würde sich das heute noch gefallen lassen und welcher Hosenstoff noch laushalten?
    Ende der siebziger Jahre habe ich einmal für meinen Bruder die Glockenhosen vom Anzug, zu schmalen Hosen genäht. Das war Postarbeit denn er wollte schick zu Tanzschule gehen.
    Ach, ja so war das in grauer Vorzeit…

    Danke für den Post er hat mich an viele Dinge erinnert!
    Alles Liebe
    Teresa

  3. „Diebische Freude“ beim Umarbeiten trifft es gut – und den Qualitätsverfall in letzter Zeit, beobachte ich auch bei den Läden, in denen ich schon seit 10, 15 Jahren regelmäßig schaue (und früher auch gekauft habe). Er macht es mir derzeit eigentlich unmöglich Kleidung zu kaufen, von Socken und Strumpfhosen und Unterwäsche mal abgesehen. Wenn ich dann doch einmal schauen gehe, dann bin ich regelmäßig entsetzt, wie relativ teuer offensichtlich miese Qualität sein soll. Bei Esprit z. B. – 80 Euro für einen ungefütterten Rock aus Polyester-Fähnchenstoff, dem man schon ansieht, dass man ihn nach einem Jahr aussortieren kann?

    Absurderweise kommt es mir so vor, als würde ich ausgerechnet bei den Billigstoffen auf dem Maybachmarkt die vergleichsweise bessere Qualität finden. Bei den selbstgenähten und gestrickten Sachen habe ich relativ wenig Probleme mit Pillen und gezogenen Fäden, und die Verarbeitung habe ich ja selbst in der Hand.

    Du erinnerst mich auf jeden Fall daran, dass ich auch noch zwei oder drei sachen hier liegen habe, die ich umarbeiten wollte. Leider reicht mein Fundus nicht in die Achtziger zurück, zu den Zeiten als Wolle wirklich noch Wolle war! Gut, dass sich Cord mit einem Gefährten oder einer Gefährtin getröstet hat, dann langweilt er sich nicht so beim Warten.

    viele Grüße! Lucy

  4. Ich habe auch die Bebachtung gemacht, dass die Qualität bei gleichem Preis immer schlechter wird oder richtig gute Sachen kaum erschwinglich sind. Es lohnt sich deshalb auf alle Fälle, Kleidungsstücke von guter Qualität aufzuheben und evt. umzuarbeiten oder nur den Stoff wiederzuverwenden. Ich habe z.B. einen Kaschmirpullover, dessen Rolkragen mir zu eng war, umgearbeitet und finde ihn jetzt wieder sehr gut. Zugegebenerweise musste ich auch noch Mottenlöcher stopfen, aber das geht bei schwarzem Strick ja recht unauffällig. (Der Link dazu: http://januarkleider.blogspot.de/2012/11/mmm-recycling-etwas-eleganter.html)
    Was mir allerdings schwer fallen würde, ist nur noch sehr wenige Kleider von guter Qualität zu haben – dazu habe ich immer zu viele Ideen die ich realisieren will.

    LG
    Susanne

    • Danke für deinen Hinweis! Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass beim MMM auch mal Wiederverwertung gezeigt wird. Und mit Kragen probierst du ja auch herum.

  5. Die Stoffqualität ist eines der Hauptübel und wahrscheinlich sieht man das erst auch bewußt , wenn man ein paar Tage älter ist, denn mit 17 sieht man einfach auch mit einem Kartoffelsack super aus. Ob es das schnelle Geld ist, was die Firmen machen oder der Punkt, dass sie Angst haben, man kauft nicht genügend neu, weil das Alte noch gut ist. Sicher trifft beides zu.
    Das erste Mal bin ich darüber gestolpert, als eine ostdt.Möbelfirma für IKEA extra den Stoff nehmen sollte, der schneller verschleißt.Das ist schon sehr lange her und war damals für mich unfassbar, erst später habe ich begriffen, dass genau das Programm ist. Bei der Klamotte ist man wahrscheinlich jedenfalls da auch angekommen und Firmen, die vor Jahren noch für Qualtät bürgten, entfernen sich zusehends davon. Wo soll das hinführen?
    Leider läßt der Markt sich nicht nach „weniger ist mehr“ führen.
    Habe die Abbey-Folgen gleich alle im Doppelpack gesehen bei neo. Ein Genuß.
    Viele Grüße kaze

    • Dafür gibt es ja sogar einen Begriff – „geplante Obsoleszenz“: „Gemeint ist mit ihm heute ein Teil einer Produktstrategie, bei der schon während des Herstellungsprozesses bewusst Schwachstellen in das betreffende Produkt eingebaut, Lösungen mit absehbarer Haltbarkeit und/oder Rohstoffe von minderer Qualität eingesetzt werden, die dazu führen, dass das Produkt schneller schad- oder fehlerhaft wird und nicht mehr in vollem Umfang genutzt werden kann.“ (Wikipedia)

      • Ja, an die geplante Obsolenz hatte ich auch gleich gedacht. Ganz schrecklich. Deshalb gehen sicher auch immer noch die Socken und Strumpfhosen so schnell kaputt. Ich habe sogar schon überlegt, mir deswegenn un Socken selbst zu stricken .
        Der Kartoffelsackaspekt spielt sicher für mich auch eine Rolle. Innerlich halte ich mich ja auch noch für Mitte dreißig, aber irgendwann muss man sich eingestehen, dass das mit Außen nicht so kompatibel ist und nach neuen Lösungen suchen.

      • Ich wußte nicht, dass es dafür sogar einen Fachbegriff gibt. Ich bin einfach zu lange weg aus der Branche bzw.die Ergebnisse der Produktion unterliegen heut so vielen anderen Prämissen und genau das ist, was mich vertrieben hat. Die urpsrünglich Motivation in diesem Beruf zu arbeiten war verloren..

  6. Danke, schöner Post. Weil auch recht teure Sachen nicht immer qualitativ super sind, kaufe ich immer öfter Kleidung auch in Second Hand Läden. Nach ein-, zweimal Waschen sind ja „neue“ Sachen auch nicht mehr neu, und bei Second Hand Läden hat man dann schon mal einen Eindruck, was die Qualität einer Klamotte angeht, also wie sie nach mehrmals Tragen aussieht. Mir kommt es auch so vor, als würde in vielen Second Hand Läden etwas mehr auf Tragbarkeit der Sachen geachtet, als früher.

    • Darüber hatte ich auch schon nachgedacht. Weil man es bei einem Neukauf inzwischen nicht mehr wissen kann, wie sich das Stück bei längerem Tragen verhält, bleibt eigentlich nur der Griff zur Gebrauchtkleidung, um sicher zu sein, dass man hochwertige Qualität erwischt.

      • Ja, mittlerweile halte ich gebrauchte Kleidung auch für eine gute Alternative – das kommt u. a. auch daher, dass eine meiner Büronachbarinnen eine begnadete Gebrauchtkäuferin ist – sie kauft außer den schon aufgezählten Wäsche, Schuhe, Strümpfe quasi gar nichts neu und hat immer die schönsten Sachen. Ich muss sie mal fragen, ob ich sie auf einer Einkaufstour begleiten darf.

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