Als hätte es nie eine Sonne gegeben

„Als hätte es nie eine Sonne gegeben,

als wäre nur immer, das ganze Leben,

die Jahre, die Tage, die Stunden all,

ein trüber hastiger Tropfenfall“.

Worte für diese dunkelgrauen Tagen. Ich hatte sie als Teenager im Tagebuch meiner Großmutter gefunden, die dort sechzehnjährig im Mädchenpensionat viel Schwermut ansammelte. Eigentlich stammen die  Zeilen aus einem Gedicht von Gustav Falke.

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Dieser Schal, ein Weihnachtsgeschenk, sollte mich eigentlich eines besseren belehren. Ich habe ihn das gesamt Jahr 2012 über gestrickt, immer zwei Reihen zeigen die Farbe des Himmels am jeweiligen Tag. Ganz eindeutig: Soviel Grau ist gar nicht! Große Abschnitte feines Blau regieren doch den Himmel über Berlin (und den an unseren Urlaubsorten).

Natürlich habe ich gerade im Sommer nicht ständig an dem Schal gestrickt, sondern mir die Himmelsfarben in einem Block notiert. Und wenn ich selbst das schleifen ließ oder die Notizen weg waren, konnte ich immer noch auf Youtube die alten Wetterberichte aus Berlin schauen. Zum Glück gibt es Männer, die die Wetterfee des RBB dort einstellen. Nicht wegen des Wetters, sondern wegen ihrer knappen Lederminis.

Die Idee mit dem Himmelsfarben-Schal ist nicht von mir. Sie kursierte im Internet. Und mit dem Stricken ist es bei mir wie seit jeher schwierig: Ich stricke mal so, mal so. Anfang und Ende des Schals sind daher sehr verschieden breit, obwohl ich dieselbe Wolle benutzt habe und die Maschenanzahl sich nicht verändert hat.

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Außerdem hatte ich die Randgestaltung nicht beachtet, weil ich ursprünglich alles umhäkeln wollte. Leider wird so ein Häkelrand viel zu fest und starr, so dass nun der unregelmäßige Rand offen liegt. Falls jemand dazu noch einen Tip hätte, wäre ich sehr dankbar.

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Die Merinowolle in Nadelstärke 3-4 hatte ich mir von verschiedenen Firmen zusammen gesucht. Dumm nur, dass alle ähnliche Farben im Progamm haben.  So habe ich ein richtiges sattes Sommerblau nie gefunden. Da mussten dann ein paar alte Wollreste aus dem Fundus genügen.

Draußen wird es nicht besser. Ohne das Weihnachtsbrimborium kaum zu ertragen. Grüße an alle Schwermütigen!

22 Gedanken zu “Als hätte es nie eine Sonne gegeben

  1. Das ist ja eine witzige Idee- ein Schal als Wetterbericht. Schade, dass ich blau nicht so gerne mag, obwohl ich ja ein „Sommertyp“ bin, wie mir eine sehr ambitionierte Verkäuferin letztes Jahr mal offenbart hat. Die Ränder finde ich übrigens nicht so schlimm – das ist ja immer das Problem, wenn man mit mehreren Farben strickt.

  2. Uii, aus den Tagebuchzeilen spricht allerschwerste Schwermütigkeit….

    Der Schal ist eine tolle Idee! Einen eindeutigeren Beweis kann es wohl kaum geben, beim Stricken hättest du ja wohl nicht gemogelt.

    Wird der Schal gleichmäßig schmaler oder breiter? Kann man daran eine zunehmende Entspannug oder Anspannung im Lauf des Jahres 2012 ablesen?

    Ich habe demletzt im Radio gehört, dass Berlin bei der Anzahl der Regentage an 5,letzter Stelle aller deutschen Städte steht, also haben wir es hier doch gut. Zumal wir mit den statistisch festgestellten Regentagen dieses Jahr ja bald durch sein müßten…
    LG
    Wiebke

    • Da kann man wohl von einem megaentspannten Jahresende 2012 ausgehen. Aber was mache ich, wenn ich mal so einen hübschen Retropullover stricken möchte? Psychopharmaka in immer gleicher Dosierung, bis das Teil fertig ist?

  3. was ist das ? eine s o n n e ? ich hör jetzt noch ein bischen cure, vielleicht „the forest“, putze meinen revolver und bringe mich dann ein bischen um….

  4. Liebe suschna,

    das ist ja eine tolle Idee, einen Schal in Himmelsfarben.
    Ich bin 3 Jahre lang Schülerin in einem katholischen Mädcheninternat gewesen, daher kann ich die Zeilen Deiner Oma gut nachvollziehen.

    herzliche Judika,
    bei uns nieselt es schon den ganzen Tag, und das obwohl mein jüngster Sohn heute Geburtstag hat und eigentlich Schlitten fahren wollte.

  5. Dein Schal macht ja Hoffnung. Mir kommt es nur noch dauergrau vor. Hoffentlich kommt nochmal Schnee, wenn schon keine Sonne mehr kommt, dann wärs auch etwas heller….
    So schrumpfen Erwartungen.
    Liebe Grüße
    Julia

  6. Unglaublich- sowohl der Schal als auch die Geschichte mit der Wetterfee oder die schwermütigen Zeilen aus Teenagerzeiten.
    Das Leben ist voller Überraschungen.
    Und dazu gehört auch der Himmel über Berlin.

  7. Liebe sushna, ich finde den Schal wunderschön, wie er ist. Er ist ein Stück Zeit in Wolle. Himmelszeit und Sushnazeit.
    Ich stricke( und Hand-schreibe) auch immer verschieden. Als Schülerin( auf einem katholischen Mädchenlyzeum ;)) hat mich das zur Verzweiflung gebracht. Heute weiß ich, dass die Dinge, die ich mit der Hand tue immer auch ein Spiegel meiner Verfassung sind. Ich mag es darum, wenn man es schafft auch mal etwas nicht ganz gerades, nicht ganz perfektes, so stehen zu lassen. Oft bekommen Dinge grad dadurch ihren Charme. Wie Dein Schal.
    Ihr in Berlin sollt ja bald Sonne kriegen. Wir im Westen nicht. Schick doch bitte ein bisschen rüber! wünscht sich
    Lisa

  8. Tolle ~Idee ! bringt mich gleich auf viel mehr Ideen- Stoffe färben z Bs. Bei uns hier in Holland mit Meeresklima gibt’s bestimmt mehr graue Tage als in Berlin..
    Freue mich immer über einen neuen Beitrag im Blog !
    groetjes von Ulrike

  9. Was für eine tolle Idee! Ich mag das Zusammenspiel der verschiedenen Blau- und Grautöne. Ein „gestrickter Wetterbericht“ wäre bei mir viel langweiliger. Ich schätze mal, dass 80% des Schals himmelblau wären. ;)

    LG Lucia

  10. Wie langweilig und ohne Leben wäre das gute Stück aus reinem himmelblau… So viel steckt drinnen. Ein ganzes Jahr. Handarbeit. Veränderung. Lederhosen… Gefällt mir sehr! Herzliche Grüße und baldigen Wetterwechsel. Für Leipzig auch bitte… Marja

  11. Hachja. Alss der Schal ist toll. Das mit der Schwermütigkeit ääähhh dem Wetter ist hier auch, bzw. dem Zusammenhang derselben. Ich kämpfe mich aus dem Bett für die Notwendigkeiten, lese ein paar Blogs die mich immerhin inspirieren um anschliessend im Bett wieder ins Grübeln zu kommen. Ok, ich hatte ein paar gute Tage zwischendurch, es wird besser. Ansonsten bin ich immerhin froh, daß es noch mehr Menschen gibt, die diese Probleme haben. Wüsste man ja ohne Blogs nichts von. Es lebe der Frühling! Oder immerhin der vielleicht noch kommende Schnee, davon wird es auch heller!
    Viele aufmunternde Grüße, Katharina

  12. Was für eine wunderbare Idee, ganz herrlich.
    Eine gute Idee für die Umrandung habe ich leider nicht (kann auch nicht häkeln).

    Über das Wetter mag ich schon gar nicht mehr nachdenken, es wird einfach gar nicht mehr hell. Eigentlich dachte ich, da es jetzt kälter wird, wird es bestimmt auch sonnig. Haha. Weit gefehlt. Ich könnte niemals nicht nach Skandinavien auswandern, zumindest nicht im Winter. Aber die haben dafür wenigstens Schnee der hell macht.

    Wetterleidige Grüße von hier nach dort,
    frifris

    • Tja, das war ein sehr kurzes Vergnügen, die Sonne ist schon wieder weg, und das bißchen Schnee ist auch nicht der Rede wert. Laut Zeitung gab es im Januar bisher lediglich 2 Sonnenstunden in Berlin – am 2. 1. und nur an der Wetterstation in Tegel. Leider verpasst.
      Die Schal-Idee ist toll – sowas könnte man ja auch mit Regenmengen oder Temperaturen machen. Ich finde solche Jahresprojekte sowieso sehr faszinierend, also alles, wo man Tag für Tag eine Kleinigkeit macht und dann am Ende ein großes Teil entsteht. Ich bin gerade auf ein Projekt vom letzten Jahr gestoßen, da wurde jeden Tag ein kleiner Patchwork-Haus-Block genäht: http://www.buildinghousesfromscraps.blogspot.de/ Dabei sind einfach wahnsinnige Quilts entstanden.
      Dieses Jahr werden Herzen appliziert: http://www.sweetheartsquiltsandmore.blogspot.nl/

      Den Schalrand könnte man eventuell mit überwendlichen Stichen mit dickerer Wolle umstechen. Sowas einzufassen ist wirklich schwierig, dass es nicht zu fest und steif wird.

      viele Grüße! Lucy

  13. Puh, ja, dieses Grau in Grau war/ist schlimm! Zum Glück gab es gestern ein paar Sonnenstrahlen. Jeden Januar bin ich froh, das wir nicht in Finnland wohnen. Auch interessant, wie den Winter deine Großmutter empfunden hat – genau wie wir, obwohl wir soviel Fortschritt haben.

  14. Was für eine Superidee mit dem Schal! Da sieht man mal wieder, dass sich die negativen Erlebnisse intensiver in die Erinnerung einprägen und wir die sonnigen Tage schnell vergessen.

    Vielleicht könntest du den Rand mit diesem „Blanket Stitch“ umnähen

    – ich glaube auf Deutsch heisst der Matrazenstich.

  15. Hallo Suschna,
    heute habe ich mich plötzlich an diesen Post von Dir erinnert.
    Weißt Du in welchem Jahr Deine Oma ihr Tagebuch geschrieben hat?
    Ich schätze viele Menschen – auch ich – haben sich diesen Winter ähnlich gefühlt wie Deine Oma, ist es ja nun amtlich, es war der dunkelste Winter seit 62 Jahren.
    wünsche Dir viele blaue, helle Tage.
    sonnige Grüße Judika

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