Schulsport – Nichts für Kreative?

 

Vor längerer Zeit sollte ich wieder Täschchen nähen,  aber ich war unlustig. Also sagte ich mir: Mach ein Projekt daraus,  verarbeite irgendein Trauma, dann wird es interessant.  Passenderweise holte mich zu der Zeit als Mutter eines Schulkindes gerade ein Thema wieder ein, das ich für mich (als ehemaliges Schulkind) längst voller Erleichterung ad acta gelegt hatte:  Der Schulsport in all seiner Unerbittlichkeit.

Alles wiederholt sich: Heute wie vor vierzig Jahren geht es nur um schneller, höher, weiter. Immer noch werden Spiele wie Völkerball gespielt, in dem die Lust regieren soll, andere abzuschießen. Und immer noch dürfen die Sportlichsten der Klasse die Mannschaften wählen, mit der immer gleichen Abfolge: Eine klare Rangordnung wird gebildet und die Zarten, Schwachen, Dicken, Ungeschickten oder einfach nur Unbeliebten bleiben  zum Schluss noch auf der Bank sitzen, am Pranger,  keiner will sie.

So wird einem fürs Leben mitgegeben: Du bist unsportlich.  Weder die Lehrerin noch  die Eltern der „sportlichen“  Kinder sehen ein Problem in dieser Vorgehensweise. „Sollen sich doch die schwächeren Kinder anstrengen, besser zu werden“, kommentieren drei grinsende Väter.  Naja, so spricht eben nur jemand, der die Schmach auf der Bank nie miterlebt hat.  Wenn es aber zum Beispiel im Matheunterricht ein tägliches Aufstellen je nach Können gäbe, dann, ja dann wäre der Protest groß.

Die blaue Tasche oben verarbeitet gleich noch ein weiteres „Trauma“: Damals wie heute gibt es Kinder mit Markenklamotten, die dann zu den anderen mit dem No-Name-Outfit sagen: Du hast ja gar keine Sportsachen an!

Diese Blumentasche hier ist aus meiner Kinderbettwäsche, und die Geschichte dazu geht so:

Es ist Sommer und Tag des Sportfestes.  (Zur Erinnerung: Da gibt es Siegerurkunden und Ehrenurkunden und für die Loser gar nichts).  Ich wache mit einem sehr schwachen Gefühl im Magen auf und bin sehr elend bei dem Gedanken an die bevorstehende Dauerdemütigung.  Ich habe sogar ein wenig erhöhte Temperatur! Meine Mutter tut das Richtige: Ich darf zuhause in meiner Kirschbettwäsche liegen bleiben. Ich bekomme Nudelsuppe und Pfannkuchen  und gehe am nächsten Tag beschwingt zur Schule, ganz ohne Urkunde.

Über die beiden Taschenmodelle ist das Projekt nicht hinausgekommen, so schlimm war das Trauma nun auch nicht. Gerade aber wurde ich daran erinnert, denn Cat und Kascha macht zur Zeit eine Umfrage zu der These: Kreatives textiles Schaffen geht in der Regel mit einer schlechten Erinnerung an den Schulsport einher.  Ich bin auch Anhängerin dieser These, und die Abstimmung scheint die Ahnung zu bestätigen. Geht also rüber zu Catherine und stimmt ab! Wie war es bei euch?

Nachtrag: Hier das Abstimmungsergebnis von Catherine. Zusammengefasst waren 70 % schlecht in Sport, 30% gut.

 

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22 Gedanken zu “Schulsport – Nichts für Kreative?

  1. Ich war natürlich auch superunsportlich (und bin es noch), aber mein Protest kam in der Oberstufe… da durften wir Punkte verteilen. Alle unsportlichen Kinder haben ordentlich Punkte von mir bekommen, gegen die Schmach nix abzubekommen. Ja… ein arg ätzendes System, das mit dem Matheunterricht stelle ich mir bildlich vor und finde es sehr erheiternd.
    Unsportliche Grüße!
    claudia (die beim ersten 50m – oder 100m-Lauf in der 5.Klasse einmal längs ins Ziel gesegelt ist und sich auf dem Gummigrant den ganzen Oberkörper zerschrammt hat. Vorm Schulleiter. Ich war dann halt lustig und gut in Deutsch usw.)

  2. Große Güte… Als ich eben bei Catherine war, dachte ich an Ballsportarten und Leichtathletik und so. Aber die Schmach des Mannschaftsbildens hatte ich vollkommen verdrängt. Ich fand es empörend, dass man in der Oberstufe tatsächlich Fächer wie z.B. Englisch, Physik oder Musik abwählen konnte, aber Sport bis zum allerletzten Schultag Pflicht war. Oder dass man Sportnoten ins Abitur einbringen kann.
    Nungut. Ich habe es hinter mich gebracht. In 5 Jahren wird mein Kind auch zur Schule gehen und vielleicht kommt er nach seinem Vater und Sport ist dann sein Lieblingsfach… Gottseidank ist das noch ungewiss.
    LG, Ulrike

  3. Deine Geschichte zum Kirsch-Bettwäsche-Täschchen ist rührend. Deine Mutter war lieb. Auch wenn Du es nicht glauben wirst, an Völkerball habe ich genau die gleichen furchtbaren Erinnerungen: als letzte gewählt und als erste abgeworfen, mit einem großen Knall den Ball am Oberkörper – kein schönes Gefühl.

  4. Die These trifft ja voll auf mich zu (ich war zart und ungeschickt), und meine Erklärung für dieses Muster ist eigentlich, dass sich solche unterschiedlichen Neigungen schon von klein auf zeigen, so dass die Kreativlinge, sobald sie einen Stift halten können, auf dem Boden liegen und malen und später stundenlang voll eingerichtete Puppenhäuser basteln oder nähen oder Modellflugzeuge zusammenkleben usw., während die Sportlichen halt lieber nach draußen gehen und sich bewegen. Wenn dann der Schulsport einsetzt, haben sich beide Typen schon so in entgegengesetzte Richtungen entwickelt, dass die Kreativlinge den Rückstand nie mehr aufholen können. Dass Sportlehrer dann auch noch völlig kritiklos der Leistungsideologie anhängen, ist natürlich noch ein zusätzliches Problem. Aber die waren sicher auch in der Schule schon immer gut in Sport, und in Studium lernen die offenbar nicht, dass aufgrund naturgegebener Unterschiede in Kraft, Schnelligkeit und Koordination nicht aus jedem, der sich nur ordentlich anstrengt, eine Sportskanone wird.

  5. Mein Trauma ist eigentlich der Schwimmunterricht in der achten Klasse. Bah! Da mag ich gar nicht mehr dran denken! Aber natürlich war ich auch immer eine der Letzten, die im regulären Sportunterricht irgendwozu gewählt wurden…
    Aber meine Mutti (selbst wohl immer letzte Wahl beim Völkerball) war wie deine Mutter auch barmherzig und so musste ich nur an einem einzigen Sportfest teilnehmen – da war ich jung, und wusste es noch nicht besser. Danach gab es immer Atteste und mütterliche Entschuldigungen…
    Ich hoffe, meine Töchter müssen das alles nicht auch durchmachen! Koedukation im Sportunterricht ist das Letzte! Und dieses Wettkampfdenken sowieso.

  6. Von der Schmach der Loser ohne Urkunde kann ich Euch auch ein Lied singen…. aber sie haben dazu gelernt – heute bekommt jeder eine Urkunde (macht es aber auch nicht besser…). Meinen Kindern ist diese unendliche Schmach zum Glück bis heute erspart geblieben. Die sind unglaublich sportlich und von mir haben sie das sicher nicht….

  7. Hallo, ihr habt alle so recht, denn nur durch diese Verteilung kommt es sicher auch zu dem sog. „cross-over-Typ“ zu dem ich mich zählen würde: Ich machte immer gerne Sport und bastel, nähe etc. solange ich denken kann. Allerdings glänzte ich nur beim Nicht-Ballsport, weil null Ballgefühl, ich bewege mich aber gerne und schnell, da bleiben dann noch Leichtathletik, Schwimmen, etc. Bei dem allseits verordnetem Völkerball kamen meine Erfolge so zustande: Trotz mangelndem Werfwert, konnte ich spargeldünne, kleine Schülerin dem Ball immer gut ausweichen oder war zu dünn zum treffen und blieb so bis zum Schluss übrig, bzw. solange außer mir noch ein Werfer mit im Spiel war und sich um den Ball kümmerte.
    Trotzdem hatte ich meine Lektion gelernt und verursachte als engagierte Mutter fast den gegenteiligen Fehler. Meine sehr sportbegeisterten und ehrgeizigen Söhne betuttelte und vergräzte ich mit meinen Sprüchen: Jeder wie er kann und hinten ist auch vorne, etc. Erst ein Besuch bei der Erziehungsberatungsstelle brachte mir die Erkenntnis, dass bereits vorhandener Ehrgeiz den Heranwachsenden in jeder Weise gut ins Leben und im Sport begleitet und viel Teamgeist eine Mannschaft auch sozial kompetent agieren lässt.
    Dabei bleibe ich trotzdem die begeisterste passiv-fußball-Guckerin. Ich sehe seit meiner Kindheit gerne Fußball und habe doch in einem halben Jahrhundert Lebenszeit noch nie einen Fußball gekickt und kann doch zu jeder Tages- und Nachtzeit den Tabellenstand kundtun, wenn ich nicht gerade über einem Nähwerk sitze.
    Carmen Calziotorissima

  8. längst verdrängt holte mich der Schulsportstress mit dem Schulleben meiner Tochter wieder ein. Der ganze Frust kam wieder hoch denn alles – wirklich alles – wiederholte sich. Eine neue Dimension allerdings erhielt das Ausgrenzen durch Neid – grenzenloser Neid wenn Kind in anderen Fächern gut und sehr gut ist oder wie bei uns zusätzlich in Musik überdurchschnittlich begabt und einsatzbereit. Da prallte im Sportunterricht so manche Gehässigkeit durch den Saal. Erst in der Oberstufe wurde es langsam besser, da waren die Begabten von den sportlich „unbegabten“ getrennt. Und die hatten zum ersten mal richtig Spaß am Sport, gute Noten und einen verständnisvollen Lehrer. Nach 11 Jahren – endlich!
    lieben Gruß an alle Sportunterricht-Geschädigten
    Friederike

  9. Ach ja, vollumfänglich ja. Seufz!

    Ich war unsportlich und immer die Letzte, mein Vater war es und mein Sohn ist es – alle Leiden und Demütigungen inbegriffen.
    Es ist nicht schön und macht so viel mit dem Selbstbewusstsein.

    (Leistungs-)-Sport und Wettkampf in der Schule muss eigentlich nicht sein – dafür gibt es Vereine!

    Ein sportliches Kind wird sich immer bewegen und einem unsportlichen Kind treibt der Schulsport den letzten Rest an Bewegungslust vollends aus .

    Die Veranstaltung geht also völlig an der immer wieder propagierten Intention vorbei und keiner scheint es zu merken. Oder will man es nicht merken?

    Irgedwie symtomatisch für vieles in unserer Gesellschaft.

  10. Und ich hab gedacht, da ging es nur mir so. Der Sportunterricht war auch bei mir rundrum schrecklich aber der Schwimmunterricht war ein Alptraum. Und auch ich wurde von Sportfesten „befreit“…
    Ich war nur im Ausdauerlauf gut – mein Selbstquälungspotential war einfach hoch genug.
    Der Vermutung mit der Leistungsaufstellung beim Matheunterricht würde ich völlig zustimmen.
    Wenn ich jetzt so zurückschaue, ist es tatsächlich seltsam, dass sich bis heute praktisch nchts geändert hat.

  11. Ich hab schon bei Catherine einen langen Text geschrieben, aber das Thema Völkerball hatte ich da noch gar nicht erwähnt. Ja, ich wurde auch zu letzt gewählt und manchmal sehr schnell, schmerzhaft und genüsslich von den anderen abgeschossen.
    Grausiges Spiel. Uns schade, daß sich bis heute nicht so sehr viel am Sportunterricht geändert hat.

    LG Ute

  12. In allem auch meine Erfahrungen, nur gab es bei uns noch ein Spiel, so ähnlich wie Völkerball, das hieß „Brennball“ – heute und auch damals schon vermute ich, das kommt von „brennen“, dann nämlich wenn Ball auf Haut knallt… Zum Glück durften wir ab der Mittelstufe „Neigungsgruppen“ wählen, da war das Ganze dann nicht mehr ganz so schlimm…. aber die Bundesjugendspiele (was hat das mit Spiel zu tun?) sind mir heute noch eine Anfechtung, und dieser ganz typische Mief in den Katakomben und Umkleideräumen und schon den Fluren dazu, unten im Stadion….
    Und nur die sportlichen durfen mit auf den Frankreichaustausch, egal, ob sie Französisch konnten oder nicht….
    Nur Skifahren, das konnte ich; und als ich mal neben einem unserer jungen, netten ChemieLehrer im Lift hing, meinte der, das hätte er gar nicht gewusst, das ich so gut Skifahren könne… wahrscheinlich kannte er
    halt meine Sportnoten aus der Zeugniskonferenz. Sei es drum: tempi
    passati – und Latein und Mathe und so… das konnte ich
    Viele Grüße
    Ingrid

  13. Bundesjugendspiele! Da wird mir jetzt noch schlecht. Ich kann mich kaum erinnern, so erfolgreich hab ich das verdraengt. Und Voelkerball. Schon der Name. Und das ueble Gefuehl, wenn die Mannschaften gewaehlt wurden. Argh. Wie ein Grundkurs im „bullying“. Und vom Schwimmunterricht fange ich gar nicht erst an. Nun bin ich in den USA, da wird Sport ja auch ganz ganz gross geschrieben. Vielleicht muss ich da auch noch was verarbeiten mit einem Schulkind. Ich finde naemlich Sport immer noch ziemlich doof. Ein Hurra auf deine Mama. Meine Tochter duerfte auch zu Hause bleiben und pancakes essen, wenn es Bundesjugendspiele gaebe.

  14. Ich muss ja mal sagen. dass ich es großartig finde, mit dieser Erfahrung nicht mehr allein zu sein. Man neigt ja dazu immer irgendwie „meine Schuld“ zu denken, aber wenn ich hier von so vielen Leuten unterschiedlichen Alters lese, denen das genauso ging, dann weiß ich, dass ich nicht völlig verkehrt war.
    (Und zweiter Gedanke: Wenn das in der Schule immer noch so läuft, wird es Zeit, dass sich das ändert.)

  15. Lucy fasst es perfekt zusammen: Aus euren Kommentare ergibt sich viel Trost für alle, die im Sportunterricht unglücklich waren oder sind. Am liebsten würde ich eine Medizin daraus brauen und allen Unglücklichen verabreichen, auf dass sie immun werden gegen die Kränkungen und einfach nur durchhalten. Denn nach der Schule ist es vorbei, kein Hahn kräht mehr danach, wie man in Sport war.
    Ändern wird sich wohl nicht viel. Das mit dem Wählen lösen jüngere Generationen von Sportlehrern wohl inzwischen anders (sagte mir eine jüngere Sportlehrerin), aber insgesamt habe ich bei meiner Umfrage unter Eltern niemanden gefunden, der Änderungsbedarf sah. Ich schien mit meinem Problem ganz allein zu sein – womit ich mir dann hier gleich mal selbst einen Löffel „Du bist nicht allein“-Balsam verabreiche. Vielen Dank euch allen dafür!

  16. Du bist nicht allein und ich freue mich, dass auch ich nicht allein sein muß. Ich war ein wirklich unsportliches Kind, stark kurzsichtig, mußte aber ohne Brille turnen. Ballspielen war also unmöglich weil ich den Ball garnicht gesehen habe oder immer zu spät. Ich kann nicht skifahre, was in Österreich sehr „ungewöhnlich“ ist und habe Rad fahren erst mit 17 Jahren gelernt. Mehr brauche ich wohl nicht zu sagen…Heute habe ich mich Sportarten (Yoga, Pilates)verschrieben bei welchen ich mich nicht mit anderen messen muß und Konkurenz unerwünscht ist und ich bewege mich sehr gerne in der Natur indem ich gehe.
    Bei meiner Tochter habe ich jede sportliche Regung gefördert und siehe da sie ist sehr sportlich aber hat weder Lust noch Nerven für Handarbeiten. Wollrte ich das so? Aber wahrscheinlich deck eine Person eben nicht die ganze Badbreite der Möglichkeiten ab.
    Liebe Grüße
    Teresa

  17. der text spricht mir aus der seele – und bis heute ist das allerbeste am abitur die tatsache gewesen, dass ich nie wieder zum sportunterricht musste. jahre danach habe ich fitnesstrainung für mich entdeckt und könnte damit auch so manchen meiner unfähigen lehrer überraschen…
    linnea

  18. Spät auch noch ein Kommentar von mir – ich finde mich im geschriebenen total wieder. Wer nicht als Kind auf der Bank saß und wieder ganz am Ende erst wiederwillig in die Mannschaft aufgenommen wurde kann sich wahrscheinlich nicht vorstelle, wie verletzend und prägend das ist.
    Als ich gestählt nach einem Jahr im Ausland in die Oberstufe zurückkam war ich endlich souverän genug, den Spieß umzudrehen und haben Sport extra nicht abgewählt. Das Gesicht meines Sportlehrers, als in meinen viel zu großen Schuhen zum Volleyball in die Halle schlurfte (ohne dass ich in den vergangenen Jahren jemals einen Ball übers Netz bekommen hätte) hat mich für sehr sehr vieles entschädigt.
    Hach, es tut aber gut, nicht der Freak zu sein sondern in Kreisen äußerst netter Mitmenschen der völlige Durchschnitt…
    Jetzt fahre ich übrigens sehr gerne Rad und hätte ich mehr Zeit würde ich auch gerne wieder regelmäßig 1000m schwimmen. Aber eben ohne Druck. Ganz in Ruhe nur für mich.
    Liebe Grüße! C.

  19. Pingback: Stoffspielerei: Spruchtuch kinderleicht? | Suschna

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