Das Unperfekte feiern

Griselda schlägt in ihrem Kommentar zu den Maiblumen vor, Flecken einfach zu umsticken und mit Datum und Namen des Urhebers zu versehen.   Als ob sie  Gedanken lesen könnte. Das habe ich nämlich vor kurzem gerade gemacht, einen Fleck „vergoldet“.

 DSC02726

Nur auf die Idee mit dem Namen bin ich nicht gekommen. Man könnte natürlich auch die Substanz dazuschreiben, die den Fleck verursacht hat.

Dazu kam ich, nachdem ich über die japanische Kunst gelesen hatte, zerbrochenes Geschirr zu reparieren,  Kintsugi genannt.  Risse werden nicht kaschiert sondern vergoldet, abgeschlagene Stellen mit Lack- oder Goldstücken ersetzt.  (Hier ein Artikel auf Englisch  dazu, und  die Werke einer zeitgenössischen Keramikerin: Geschirr von Joana Meroz).

Im textilen Bereich heißt die Kunst, Stoffe zu reparieren, Boro. Auch dort geht es nicht darum, die Flickstelle unsichtbar zu machen, sondern als Teil der Geschichte zu „ehren“.  Das Stopfen eines Loches ist eine Form der Wertschätzung dem Hersteller, der Geschichte und dem Träger des Kleidungsstücks gegenüber. Diese Haltung habe ich zuerst bei Mairuru entdeckt und darüber letztes Jahr auch schon einmal geschrieben. Nun habe ich dazu noch diesen Blog Sri Threads  gefunden. Wenn euch dieses Thema interessiert, schaut euch dort einmal die Textilien an, ich finde manche Stücke einfach atemberaubend schön.

Was das Geschirr betrifft, so könnte ich mich auch da endlos betätigen, ich brauche nur noch Goldstaub. Im Keller warten nämlich eine Menge Scherbenreste. (Ja, es gab ein Bollhagen-Massaker, und unten links, das war meine Lieblingstasse von hier).

DSC02737

11 Gedanken zu “Das Unperfekte feiern

  1. Den Gedanken, Risse und Flecken als Teil der Geschichte eines Kleidungsstücks anzusehen und wertzuschätzen, finde ich sehr interessant. Ich kann das noch nicht systematisieren und in Worte fassen, ich denke da auch an die Ausstellung über Margiela, der neben einigen japanischen Designern einer der ersten war, der Kleidung mit Abnutzungsspuren entworfen hat. Und tatsächlich ist künstlich gealterte Kleidung mittlerweile auf dem Bekleidungsmarkt ziemlich etabliert (nicht nur als Jeans), während, denke ich, Kleidung mit echten Alterungsspuren nach wie vor nicht akzeptiert ist. Ist doch interessant, dass es in Ordnung ist, ein Kleidungsstück zu tragen, das mit künstlichen Alterungsmerkmalen eine Authentizität und Geschichte vorspiegelt, die es in Wirklichkeit gar nicht hat, dass „echte Löcher“ aber nach wie vor nicht akzeptiert werden.

    Danke jedenfalls für den Gedankenanstoß. Dir könnten übrigens die Blogs von Jude Hill (http://spiritcloth.typepad.com) gefallen. Da geht es auch häufig um das, was das Alter mit Textilien macht, und was Risse, Löcher und die Rückseite bedeuten.

    (Und was das Keramikmassaker betrifft: Oh nein. Vielleicht ein Mosaiktischchen?)

    viele Grüße, Lucy

    • Ja, das alles ist merkwürdig. Und dazu kommt ja auch noch der Bereich der auf alt getrimmten und patinierten Möbel. Danke für den Hinweis auf den Blog, das ist wirklich genau nach meinem Geschmack und wird noch einmal in Ruhe durchforstet werden, da freu ich mich drauf.
      Die Scherben wollte ich eigentlich schon seit langem wie eine Archäologin wieder zusammensetzen, so quasi aus Trotz dem Schicksal gegenüber, aber nun werde ich es dank der neuen Entdeckung irgendwie anders verwerten, vergolden, vielleicht auch als Mosaiktischchen, ja.

  2. Diese Idee mag ich sehr!! Sehr sogar! Und denke an unsere geliebte Rakuschale mit Deckel – der Riss, der beim Brennen passierte, wurde mit Gold verziert und das Teil sieht dermaßen toll aus!!!!

    Die Idee auf Stoff zu übertragen gefällt mir und ich bin sicher, sie einmal anzuwenden!

    Liebe Grüße von Ellen

  3. so viele schöne Gedanken um das Erhalten!
    Ich seh mich schon in der Küche stehn und absichtlich rumspritzen, nur damit ich’s nachher umsticken kann ;)
    So hübsch, dein vergoldeter Fleck!

    Der blog Srithreads ist eine Augenweide für mich Farbfreak!Indigo!!!!!!!

    Spirithcloth kann ich nur allerwärmstens empfehlen, alleine der Wertschätzung wegen, die Jude den Dingen entgegen bringt.

    Und dein Bollhagenmassaker macht einfach eine Gänsehaut!
    Vielleicht kann man’s ja wirklich im Keramikofen äußerst sichtbar wieder zusammenbrennen…

    Grüße von
    der Uschi

  4. Wenn ich ever einen Polterabend gefeiert hätte, ich würde einige der Scherben aufgehoben haben.
    In unserem Haus habe ich aus Glasabfällen einer Glashütte (auch Teil einer Familiengeschichte…) ein Mosaik gelegt. Als Wandbild in der Gästetoilette.
    Und da wären solche Scherben wunderbar sentimental aufgehoben gewesen. Solche Umwidmungen finde ich fast noch interessanter als Sachen profan zusammenzusetzen. Obwohl fehlende Stücke dann freischnauze ergänzt werden könnten und dabei schon wieder Spannung entsteht.
    Man könnte soviel tun.
    Aber wann?

    Und jetzt geh ich dich mal verlinken, dass mir deine raren Blogeinträge nicht immer entflutschen.

    • Die Geschichte eines Teppichs:
      schon immer hatte ich eine Schwäche für gutes Essen und nette Gesellschaft. Zu Studentenzeiten lebten meine Schwester Bettina, meine beste Freundin Ann und ich ich in der selben Straße. Alle in Ein-Zimmer- Wohnklos. Regelmäßig besuchten wir uns, kochten, schlemmten und tranken gemeinsam (und beklagten uns, dass wir keine Männer haben). Die Zimmer waren so winzig, der einzige Tisch war mit Büchern voll, wir aßen auf dem Boden. Nicht ohne auf der guten Auslegeware Spuren zu hinterlassen. Diverse Rotweinlachen zeugten von langen Nächten. Irgendwann hat dann ein Mann den Weg in Anns Wohnung gefunden. Anfangs mochte er seine Schuhe nicht ausziehen. Als sie ihm jedoch haarklein erklärte, wann und unter welchen Umständen welcher Fleck zustande gekommen ist, ließ er sich dann doch erweichen. Letztlich hat ihm der Teppich mehr über meine Freundin erzählt, als ihre erste gemeinsame Nacht. Die beiden sind jetzt verheiratet und haben einen Holzfußboden. Eigentlich schade, ich würde gern mal von dritter Seite erfahren, wie es den beiden geht.
      Lg C

  5. Pingback: Scherbenanhänger « Suschna

  6. Etwas spät vielleicht, aber ein interessantes Thema.

    Ich habe mir die Mottenlöcher in meinem Lieblingspullover vor Jahren mit Goldfaden stopfen lassen. Lustig, dass es immer Gold ist, was dann fürs aufwerten verwendet wird.

  7. Pingback: Vergoldung « Suschna

Falls ein Kommentar nicht gleich erscheint, muss er erst freigeschaltet werden. Dann bitte etwas Geduld. Vielen Dank!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s