Falschmeldungen ein Jahr später – Hoaxsammlung II

20160129_105044

Vor einiger Zeit bekam dieser kleine Nischenblog eine Menge Aufmerksamkeit, weil ich über Falschmeldungen geschrieben hatte: Alles falsch – kleine textile Hoaxsammlung. Der Artikel wurde viel geteilt, am Ende gab ich dann ZDFinfo auch noch ein Interview zum Thema (mit dem schönen Kostümverleih in Adlershof als Kulisse).

Das ist jetzt ein Jahr her und wenn ich zurückblicke, kann ich es kaum glauben, wie sehr der Umgang mit gefälschten Bildern oder irreführendem Kontext zum Alltag geworden ist. Wo ich damals immer noch versuchte, die Fehler aufzuzeigen, habe ich lange resigniert – ja, ich scheue sogar davor zurück, als Besserwisserin den anderen den „Spaß“ zu verderben.

Hier zum Beispiel juckte es mir eigentlich in den Fingern, dem Tweet von Women’s Art zu widersprechen. Der Teppich von Bayeux wurde von Frauen gestickt?

twitbayeux

Nein, oder jedenfalls nicht nur. Wahrscheinlich ist, dass die beauftragten Stickwerkstätten sowohl Männer als auf Frauen beschäftigten (siehe auch die Erfindung der Handarbeiten als Weiblich und Heißbegehrter Teppich von Bayeux ). Aber spielt dieses kleine Detail für die Fans der Sammlung von Women’s Art eine Rolle? Ist das wichtig? Eigentlich nicht, es geht ja nur um das große Anliegen, vergessene Kunst von Frauen wieder ins Bewusstsein zu rufen. Hinter dem stehe ich ja auch.

Die folgende Bildüberschrift ist kompletter Quark: „1921 zogen sich frühe Suffragetten oft Badeanzüge an und aßen in großen Gruppen Pizza, um Männer zu nerven“

twit12absascreenshot

Diese Frau essen weder Pizza noch sind sie (schon gar keine frühen) Suffragetten oder wollen Männern nerven. Das war im Original einfach nur ein Wettbewerb im Pie-Essen!

Ach, waren die Passanten doch früher viel besser angezogen! denkt man beim Anblick des Regenfotos.

stylisch-couplescreenshot

Ist das hier ein gut gestyltes Paar im Regen? Ja, aber kein Schnappschuss, sondern ein gestelltes Modefoto für Mary Quant im Seventeen Magazine.

Auch das hier ist nicht Coco Chanel 1913, sondern eine Schauspielerin 2008 in einem Film von Karl Lagerfeld:

 twit4avia Twitter

Und ist das hier ist auch nicht die echte Marie Curie.

via Twitter

Nein, das Foto von 2001 zeigt ebenfalls eine Schauspielerin. Sie spielt Marie Curie in einem Theaterstück. Das falsch betitelte Foto ist so beliebt, dass mehrere afrikanische Länder es sich als Vorlage für Briefmarken  genommen haben.

Die gestellten Fotos und Verwechslungen mit Schauspielerinnen sind harmlos im Vergleich zu mit politischem Kalkül manipulierten Fotos.

Besonders T-Shirtaufdrucke lassen sich ganz wunderbar abändern. Dem Sänger der Gruppe Rammstein wurde hier ein Putin auf die Brust gephotoshopt.

fakerammsteinvia gizmodo

Auf dem Originalfoto dieser Trumpanhängerinnen steht auf dem Shirt der mittleren Frau nicht WHITE  sondern GREAT.

fakeamericawhitevia Twitter

fakeamericawhite1

Keine Seite der Aktivisten ist mit solchen Mitteln zimperlich. Schnell lässt sich mit Photoshop manipulieren, wer die amerikanische Flagge mit Füßen tritt.

fakeclintonvia gizmodo

Bei mir ist es so weit, dass ich keinem solcher Fotos, ja keiner Extremmeldung mehr auf Anhieb glaube. Was mir wirklich wichtig ist, dem gehe ich nach und überprüfe es selbst. Die Seite Snopes ist meine regelmäßige Anlaufstelle. Dort werden populäre Behauptungen auf den Prüfstand gestellt und mein innerer Empörungsmensch wird ständig zurückgepfiffen. So las ich dort gerade, dass das angebliche Leninisten-Zitat von Steve Bannon nur auf einer vagen Erinnerung eines Journalisten beruht und von keiner weiteren Quelle gedeckt ist. Auch die Behauptung, Trump habe im Weißen Haus einen Dresscode für Frauen vorgegeben, ist unbewiesen. Mir ist klar, dass die Gegenseite noch viel schlimmere Propaganda verbreitet. Aber heiligt der Zweck die Mittel?

Eigentlich möchte ich meinen bevorzugten Nachrichtenquellen trauen können, leider machen auch die nun oft überstürzt beim Lauffeuer mit.  Johnny Haeusler schreibt dazu jetzt fangen auch noch die Linken mit den Fake News an und bestätigt, dass es (wie bei allen von mir gezeigten Falschinformationen) eigentlich um Klicks und Geld geht:

Wenn sich gerade also viele Menschen über Trump oder Bannon aufregen, dann gibt man diesen Menschen Klick-Futter. Je unglaublicher, sensationeller und aufregenswerter, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir klicken. Nur darum geht es.

Obwohl ich das weiß,  fällt es mir zur Zeit sehr schwer, mich dem Informationsstrom aus den von mir sehr geschätzten USA zu entziehen. Man glaubt, einer gruselig-spannenden Politserie mit lauter Cliffhangern zu folgen, nur dass alles echt ist. Wie echt? Was stimmt? Schwer zu sagen. „Fakten haben im politischen Streit keine Bedeutung per se. Sie erlangen sie durch moralische Interpretation“ sagt eine Sprachforscherin. Ich muss nicht nur die Fakten kennen, sondern auch die Ideologie der Ecke, die sich darauf beruft.
Was für ein Jahr! Aus den Aufregern der Hoaxes und Fake-News ist Begleitmusik geworden. Eine Hoax-Sammlung III werde ich wohl nicht für nötig halten.
Dennoch zum Abschluss wieder hilfreiche Links, um Falschmeldungen selbst zu entlarven:

Berufstätige Frauen um 1900 – #Gemeinfreitag

Welchen Berufen gingen Frauen um 1900 nach? In der Zeitschrift Berliner Leben  habe ich mich mal wieder auf die Suche gemacht und für euch Bilder herausgesucht, die Frauen bei der Arbeit zeigen.

1906-arbeittelefon-3blogFernsprechamt 1906

1904-buerokleidungkontor Kontor 1904

1907 lag der Frauenanteil im Berliner Dienstleistungssektor bei 27 %.

berliner-leben-1905aus1Modeatelier 1905

1904-stoff-2aVerkäuferin 1904

Frauen arbeiteten oft nur bis zu ihrer Verheiratung. Das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900 verpflichete die Ehefrauen zu „Arbeiten im Hauswesen und im Geschäfte des Mannes“. Wollten sie anderswo tätig sein, so musste der Ehemann einer Berufstätigkeit zustimmen.

1902-schule2a1902

Was mir gar nicht klar war: Verheiratete Frauen wurden vom Staat nicht eingestellt. Lehrerinnen zum Beispiel wurden entlassen, wenn sie heiraten wollten.

1906-soz3-3blog 1906 Säuglingsfürsorge

1902-personalblog Gastronomie, 1902

berliner-leben-1905tier-kindermaedchen Kindermädchen 1905

berliner-leben-1905-b-3web Armenfürsorge

1906-soz7-5a
Zimmer im Arbeiterinnenheim 1906

Händlerinnen

1906-soz2-5blog19061906-soz5-3ablog

berliner-leben-1905-markt1905

1900-161Waschfrauen 1900

1903-waesche-31903

1903-stickweb-3blog1903

1903-stickweb1-4blog1903

(Dem Klischee zum Trotz arbeiteten auch Männer im Textilgewerbe, vor allem wenn Maschinen im Spiel waren.)

1903-frau5blog1903

Zahlreiche Institutionen setzten sich dafür ein, Frauen unabhängig von einer Eheschließung zu machen. Beispielhaft war der Lette-Verein, der „Verein zur Förderung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts“ .

1904-wohltat1-lettehaus-blo1904

Zum Abschluss schmuggle ich hier noch eins meiner Lieblingsbilder aus der Zeitung hinein, arbeitende Frauen sind auch mit drauf. Vielleicht mache ich aus dem Bild noch eine Karte mit Genesungswünschen, für die hartgesottenen Kranken in meinem Umfeld.

1906-krank-3blog1906

Dank an die ZLB, die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, die die Jahrgänge digitalisiert hat.

Euch ein Schönes Wochenende!

deko6

Unter #Gemeinfreitag stelle ich nach dieser Idee Fundstücke aus der Public Domain vor. Blogs wie ‚Textile Geschichten‘ wären ohne historische Bilder nicht machbar. Danke an alle Bibliotheken,  Museen und Privatleute ihre Bilder zur Weiternutzung freigeben.